• Keine Verbesserung bei Potsdamer Kfz-Zulassungsstelle: Autohändler leiden unter langen Wartezeiten

Keine Verbesserung bei Potsdamer Kfz-Zulassungsstelle : Autohändler leiden unter langen Wartezeiten

In der Potsdamer Kfz-Zulassungsstelle kommt es immer noch zu wochenlangen Wartezeiten. Das ist auch für Autohändler ein Problem. Die genauen Abläufe und die Terminvergabe sind schwer nachvollziehbar.

Bei der Kfz-Zulassungsstelle in Potsdam kommt es seit Wochen zu enormen Wartezeiten.
Bei der Kfz-Zulassungsstelle in Potsdam kommt es seit Wochen zu enormen Wartezeiten.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Der Blick von außen bringt kaum Erkenntnisgewinn: Die Stadtverwaltung hat die Zahl der Mitarbeiter in der Zulassungsstelle im Haus 23 an der Helene-Lange-Straße um drei erhöht, gearbeitet wird inzwischen sogar samstags – aber noch immer müssen Potsdamer Bürger und Autohändler mehrere Wochen warten, bis neue oder gebrauchte Fahrzeuge die oft dringend benötigte Zulassung erhalten. „Die Lage hat sich nicht gebessert”, sagte Frank Boldin, Betriebsleiter von BMW-Ehrl an der Fritz-Zubeil-Straße, am Montag gegenüber den PNN.

Autohaus muss wegen der Terminprobleme knapp eine Million Euro zwischenfinanzieren

Boldin schilderte, wie dramatisch die Lage für das Autohaus wegen des Engpasses in der Zulassungsbehörde ist: „Wir haben auf unserem Hof jetzt 67 Neufahrzeuge stehen. Auf die Zulassung müssen wir in Potsdam drei bis vier Wochen warten. Wenn wir ein Auto bei BMW bestellen und den Autobrief abrufen, wird uns sofort der Kaufbetrag in Rechnung gestellt. Die Kunden zahlen aber erst, wenn wir ihnen das zugelassene Auto übergeben.” Da der Durchschnittspreis für einen neuen BMW zwischen 50.000 und 70.000 Euro liege, „müssen wir im Moment knapp eine Million Euro zwischenfinanzieren”.
In Schwierigkeiten gekommen seien, so Boldin, aber auch etliche Leasing-Kunden, die ihr Auto zu einem fest vereinbarten Termin abgeben mussten, ihr neues Fahrzeug wegen der Wartezeit auf die Zulassung aber nicht übernehmen konnten. Der bayrische Autohersteller habe sich sehr kulant gezeigt und auf Extra-Gebühren für die längere Leasingzeit verzichtet; gezahlt werden müsse nur die bisherige Leasingrate.

Unverständnis über Wartezeiten angesichts sinkender Zulassungszahlen

Das Problem der unendlich scheinenden Warteschlangen betrifft nicht Potsdam allein. „In Berlin dauert es noch länger”, weiß BMW-Betriebsleiter Boldin. Auch wer in Potsdam-Mittelmark das "PM"-Kennzeichen beantragt, brauche wochenlange Geduld. Die Stadt Rathenow im westlichen Brandenburg hat ihre Zulassungsstelle in dieser Woche gleich ganz geschlossen. Der Grund: Personalmangel. Lange Warteschlangen sind offensichtlich auch in München üblich, 35,6 Prozent der Zulassungsbehörden arbeiten, berichtete „Auto-Bild”, nur noch mit Termin, 16,1 Prozent waren ganz geschlossen.
Manche Potsdamer verstehen die Welt der Zulassungen ohnehin nicht mehr. Der Journalist Johannes Frewel weist darauf hin, dass die Neuzulassungszahlen nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes im Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel eingebrochen seien. Minuszahlen gebe es auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt. „Und in den Zulassungsbehörden herrscht Überlastung?“, fragt Frewel, da müsse es „eine Parallelwelt geben”.

Der Frust vieler Bürger über die unzumutbar langen Wartezeiten brach sich in der vergangenen Woche Bahn. Die PNN berichteten am Donnerstag, dass der Potsdamer Unternehmer Matthias Ferrari die Stadt auf einen Termin zur Anmeldung seines neuen Wohnmobils vor Gericht verklagt hatte – und dann plötzlich ganz schnell Termine erhielt. Er hatte das Fahrzeug inzwischen aber in Potsdam-Mittelmark angemeldet, wo seine Firma ihren Sitz hat.
Ein weitaus dünneres Nervenkostüm hatte am vergangenen Donnerstag ein Mann, den es offenbar unglaublich wütend machte, dass er in der Potsdamer Zulassungsstelle keinen Termin bekam. Er schlug dem 26-jährigen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes mit der Faust ins Gesicht und flüchtete unerkannt. Immerhin: Seit diesem Vorfall wachen jetzt zwei Sicherheitsleute in der Potsdamer Behörde.

Es kann sich lohnen, die Zulassungsstelle um 8 Uhr anzurufen

Aber es gibt auch Glückspilze. Im Warteraum der Zulassungsstelle sitzen am Montagmittag kurz vor 14 Uhr zwei Männer und freuen sich darauf, in den nächsten Minuten vorgelassen zu werden. Der Vietnamese Chung Vu will einen VW-Bus des Modells T5 anmelden, er hat die Aufrufnummer 623 zugeteilt bekommen – am Montagmorgen um 8 Uhr. „Ich habe exakt zu dieser Zeit angerufen, musste am Telefon etwa zwei Minuten warten und erhielt einen Termin für 14.10 Uhr”, erzählt er den PNN. Gegenüber hat ein 55 Jahre alter Potsdamer Versicherungskaufmann Platz genommen, der seine BMW GS anmelden will, eine Geländemaschine. „Alles ging ganz einfach”, sagt er, „ich hab’ den Termin heute morgen um 8 Uhr übers Internet erhalten".

Stadt-Pressesprecher Jan Brunzlow will auf Anfrage etwas Mut machen: „Wir arbeiten daran, die Bugwelle abzuarbeiten.” Doch die weitere Entwicklung der Lage sei wegen Corona „zur Zeit nicht absehbar”. Ein Teil der Termine werde mit einem Vorlauf von vier Wochen im Internet und zur telefonischen Vergabe freigegeben. In Abhängigkeit vom Krankenstand und vom Urlaub der Mitarbeiter würden am Vorabend des nächsten Tages weitere Termine freigegeben „sowie am Termintag selbst”. Hinzu kämen auch Termine, die durch Stornierungen frei würden. Es kann sich also offenbar doch lohnen, die Zulassungsstelle um 8 Uhr anrufen oder im Internet nachzuschauen.

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