• Kein Platz, um abends laut zu sein: Potsdam bietet Jugendlichen zu wenig Räume

Kein Platz, um abends laut zu sein : Potsdam bietet Jugendlichen zu wenig Räume

Heranwachsende wünschen sich in der Landeshauptstadt mehr Orte zur Entfaltung. Das ist das Ergebnis einer Diskussionsrunde des Stadtforums.

Auf der Freundschaftsinsel können sich Jugendliche mit Freunden treffen - aber nicht bis in die Nacht hinein.
Auf der Freundschaftsinsel können sich Jugendliche mit Freunden treffen - aber nicht bis in die Nacht hinein.Foto: Andreas Klaer,PNN,Tsp

Potsdam - Für die immer größer werdende Gruppe der Potsdamer Jugendlichen und jungen Erwachsenen fehlen Plätze, an denen sie sich auch abends treffen und laut sein können. Das war einer der zentralen Befunde einer mehr als dreistündigen Diskussionsrunde des Stadtforums zu Jugendräumen in Potsdam, die am Freitagabend im „Freiland“ stattgefunden hat. 

So sagte etwa Ulrike Oehmichen, die Koordinatorin der Fête de la Musique in Potsdam, die vielen jungen Besucher bei dem Open Air-Musikspektakel in der vergangenen Woche hätten gezeigt, wie groß der Bedarf nach Freilufträumen für Jugendliche sei. In anderen Städten wie Bremen oder Leipzig habe man bereits solche dauerhaften Orte geschaffen, an denen es abends auch laut sein könne. In Potsdam sei hingegen die Regel, dass sich Anwohner gestört fühlten, hieß es bei der Diskussion unter anderem mit Verweis auf den Bassinplatz. 

Fachhochschulstudentin führte Online-Umfrage durch 

Passend dazu präsentierte die Fachhochschulstudentin Ilka von Eynern erste Ergebnisse ihrer noch nicht ganz abgeschlossenen Masterarbeit „Hast du Platz in Potsdam?“, wofür sie im März eine Online-Umfrage durchführte. Ein Ergebnis: Über 50 Prozent der knapp 200 Teilnehmer hatten nicht das Gefühl, an den öffentlichen Plätzen in Potsdam sonderlich erwünscht zu sein, rund 40 Prozent sahen das anders. 60 Prozent hatten demnach auch nicht das Gefühl, sich nennenswert in die Stadtgestaltung einbringen zu können. Als Wunsch äußerten die Befragten unter anderem mehr Aufenthaltsräume in der Innenstadt. Es reichten schon einfach überdachte Orte für schlechtes Wetter, ohne Konsumzwang. 

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Eine solche Idee stellte der Lehrer Sebastian Schneider von der reformpädagogischen Gesamtschule Am Stern vor, der sich mit 25 Schülern der 12. Klasse Gedanken zum Platz der Einheit gemacht hat. Diese hätten etwa mehr Sitzplätze vorgeschlagen, aber auch einen zentralen Pavillon für Treffen und Veranstaltungen sowie mehr Bäume um den Platz herum, auch als Lärmschutz. 

15.000 Potsdamer:innen sind zwischen neun und 18 Jahren alt

Zudem seien in der Mitte mehr Mülleimer nötig, ebenso fehle es an Beleuchtung in den Nachtstunden, so das Fazit der Schüler. 
Bei solchen Fragen geht es um Bedürfnisse einer wachsenden Gruppe. Aktuell sind mehr als 15.000 Potsdamer:innen zwischen neun und 18 Jahren alt, dazu kommen zum Beispiel noch rund 26.000 Studenten, verdeutlichte Stefanie Buhr als Rathaus-Koordinatorin für Jugendinteressen die Dimension. 

Stefanie Buhr, Rathaus-Koordinatorin für Jugendinteressen.
Stefanie Buhr, Rathaus-Koordinatorin für Jugendinteressen.Foto: Andreas Klaer

Die Stadtteile mit den meisten Jugendlichen seien das Bornstedter Feld, Babelsberg und Am Stern. Überdies werde bis 2030 ein deutlicher Anstieg in der Altersgruppe von weit mehr als 20 Prozent erwartet, sagte Buhr. Zugleich seien die Entwicklungen in der Generation heute viel dynamischer, weil man sich per Handy schneller und in größerer Zahl verabreden könne, sagte der Streetworker Philipp Juhász. 

Als im vergangenen Jahr die Schiffbauergasse zu einem zentralen Ort für Hunderte Jugendliche geworden sei, habe es nach den Corona-Einschränkungen der vergangenen Jahre von vielen auch die fast trotzige Aussage gegeben: „Wo sollen wir sonst hin? Wir sind auch noch da!“ 

Allerdings hatten Analysen der vergangenen Jahre gezeigt, dass viele Jugendliche zum Beispiel kommunale Jugendeinrichtungen gar nicht nutzen. Laut Sylvia Swierkowski vom Stadtjugendring müssten Areale als Räume für Jugendliche erprobt werden – trotz damit einhergehender Konflikte. 

Viele Grünflächen, die aber schon um 22 Uhr schließen

Als Vertreter der Jugend sprachen bei der Diskussion gleich vier Mitglieder des neuen Jugendbeirats der Stadt. So gebe es zwar viele Grünflächen in Potsdam, doch würden diese – von Volkspark bis Freundschaftsinsel – ab 22 Uhr schließen. In dem Zusammenhang bestätigten die Beiratsvertreter aktuelle Verhandlungen mit der Schlösserstiftung darüber, zumindest ein Teilstück des Babelsberger Parks vornehmlich für Jugendliche nutzbar machen zu können. 

Die Beiräte bemängelten außerdem deutlich zu wenig öffentliche Toiletten an beliebten Jugendtreffpunkten wie der Schiffbauergasse – aber auch fehlende oder zu kleine Mülleimer, in die keine Pizzakartons passten. In England gebe es zum Beispiel deutlich größere Mülleimer mit solarbetriebener Pressfunktion, die sogar selbstständig die Müllabfuhr anfunken könnten, wenn sie vollständig befüllt seien, so die Beiräte.  

Die Themen fehlende Mülleimer, Toiletten und auch Überdachungen zogen sich durch die Debatte – daran scheitere es etwa auch im Lustgarten, hieß es. Als positives Beispiel, wie sich Jugendliche einbringen könnten, wurden hingegen mehrfach die Planungen für ein Freizeitareal auf der Grünfläche neben dem ILB-Bau gegenüber den Bahnhofspassagen genannt. 

Fahrland als Negativbeispiel

Als Negativbeispiel machte der Fahrländer Schulsozialarbeiter Robert Wich die Lage in dem nördlichen Ortsteil aus. Dort versuche man, Freiräume für Jugendliche zu schaffen, treffe aber überall auf Widerstand – sei es von Anwohnern, dem dort dominierenden Bauinvestor Semmelhaack oder der Stadtverwaltung. Flächen für Jugendliche seien nicht gewollt, der nahe Fahrländer See aus Naturschutzgründen nicht nutzbar und die Anbindung mit Bus gerade in den Abendstunden dürftig, so Wichs Fazit.  

Ein Referent der wegen Krankheit kurzfristig ausgefallenen Jugenddezernentin Noosha Aubel (parteilos) sagte, alle Vorschläge des Abends würden mitgenommen und im Rathaus auf Umsetzbarkeit geprüft. Zuletzt hatte das Rathaus immerhin angekündigt, nun mit den schon lange von der Politik geforderten Öffnungen von Schulsportplätzen für Jugendliche zu beginnen – zunächst an der Grundschule am Jungfernsee an Wochenenden und am Suttner-Gymnasium in Babelsberg. 

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