Potsdam : Ist das Boot wirklich voll?

Die Ökofilmtour zeigte „Population Boom“ im Potsdam Museum – einen Dokumentarfilm über die wachsende Weltbevölkerung

Astrid Priebs-Tröger

2011 zählte die Weltbevölkerung sieben Milliarden Menschen. Kinder in engen Gassen afrikanischer Slums oder von Menschen überquellende Busse und Züge in asiatischen Schwellenländern – solche Bilder werden oft eingesetzt, um medial das Problem der Überbevölkerung zu spiegeln. Doch was ist dran, an der oft gehörten Behauptung, die Erde könne nicht so viele oder in Zukunft gar noch mehr Menschen ernähren?

Der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“) hat sich in seinem neuesten Streifen „Population Boom“, der am Freitagabend im Rahmen der Ökofilmtour im Potsdam Museum gezeigt wurde, genau mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Der Dokumentarist bereiste selbst fünf Kontinente und fragte Politiker, Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler nach den Ursachen für zur Neige gehende Ressourcen, wachsende Müllberge, weltweiten Hunger und Klimawandel.

Im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Kino-Saal verfolgten die Zuschauer, die überwiegend der Generation 50 plus angehörten, sowie auch viele Jüngere Werner Bootes bis zum letzten Moment spannende Erkundungen. Zeigten sie doch, dass die Beschwörung des Zuviels an Menschen hauptsächlich von den Interessen der reichen Industrienationen der USA und Europas gelenkt ist. Und sich schließlich darauf zuspitzt, wer zu viel ist. Die stereotypen Medienbilder sprechen da eine deutliche Sprache. Und doch ist man überrascht, wenn man im Film erfährt, dass die USA, bezugnehmend auf die Theorien von Thomas Robert Malthus, 1974 als oberstes Gebot ihrer Außenpolitik die „Bevölkerungsreduzierung“, sprich: Geburtenkontrolle, unter anderem in Asien, in der Türkei oder Mexiko beschlossen haben. Wen wundert da noch, dass bereits fünf Jahre später in China die Ein-Kind-Politik konsequent durchgesetzt wurde, die jetzt so gravierende Probleme hervorbringt wie millionenfachen Frauenmangel sowie viele unversorgte alte Menschen und inzwischen wieder gelockert wird. Doch dieser Dokumentarfilmer ist kein Schwarz-Weiß-Maler, sondern überrascht auch mit Gedankenexperimenten wie diesem: Alle sieben Milliarden Erdenbürger würden rein rechnerisch in seinem Heimatland Österreich Platz finden – und jeder hätte dabei sogar elf Quadratmeter zur Verfügung! Und: Auch Afrika ist mit vierzig Menschen pro Quadratkilometer im Vergleich zu Westeuropa (170 Menschen pro Quadratkilometer) ziemlich dünn besiedelt; allerdings sind die wachsenden Megacitys überfüllt.

Im Film, wie auch in der sich anschließenden Publikumsdiskussion mit dem Politikwissenschaftler Tadzio Müller von der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurden die vielschichtigen Ursachen für solche Phänomene wie Ressourcenverschwendung in den reichen Ländern, weltweitem Klimawandel und Verteilungsungerechtigkeit angesprochen. Doch ganz besonders haften blieb das Bild am Ende des Films „Population Boom“: Regisseur Boote steht in Indien mit unzähligen Menschen auf dem Dach eines fahrenden Zuges und erfährt selbst, wie sich dort oben alle Passagiere gegenseitig festhalten. In dieser einfachen Geste manifestiert sich nicht nur ein solidarisches Miteinander, sondern auch der Gedanke, dass, wenn alle zusammenrücken, Platz für alle und sehr angenehme soziale Erfahrungen wäre.

Allerdings, sagte Tadzio Müller, gebe es keinen direkten Zusammenhang zwischen ökologisch aufgeklärtem Denken und eben solchem Handeln. Denn gerade Menschen, die in Deutschland überwiegend der bürgerlichen Mittelschicht angehören, hätten einfach zu viele Ressourcen zur Verfügung, von denen sie auch Gebrauch machten – in seinem Falle seien es zu viele Flugreisen, die er für seine Arbeit absolviere.

Die Ökofilmtour, die noch bis zum 28. April im gesamten Land Brandenburg 45 nominierte Festivalfilme zeigt, vergibt auch in diesem Jahr wieder einen Publikumspreis, auf dessen Gewinn „Population Boom“ nach der Resonanz am Freitagabend gute Chancen hat. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Veranstaltung in Potsdam am 19. März mit „More than honey“ von Markus Imhoof. Weitere Informationen unter www.oekofilmtour.de

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