• Interview | Chef der Schlösserstiftung: "Die Welterbegärten haben eine wichtige soziale Funktion"

Interview | Chef der Schlösserstiftung : "Die Welterbegärten haben eine wichtige soziale Funktion"

Der Chef der Schlösserstiftung, Christoph Martin Vogtherr, über Verstöße gegen die Coronaregeln in den Parks und mögliche Konsequenzen.

Peer Straube
Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Schlösserstiftung.
Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Schlösserstiftung.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Herr Vogtherr, Ostern naht, das Wetter ist glänzend, die Menschen nutzen die Welterbeparks der Schlösserstiftung zum Spazierengehen. Doch offenbar verhalten sich nicht alle so, wie es die Coronakrise verlangt. 

Das ist richtig, und es ist typisch für die Situation. Der Großteil der Parkbesucher verhält sich vernünftig, aber es gibt eine kleine Minderheit, die in größeren Gruppen unterwegs ist, auf den Wiesen lagert oder Picknicks veranstaltet. Das macht uns Sorgen. 

Welche Bevölkerungsgruppen verhalten sich denn besonders regelrenitent?

So einfach ist das gar nicht zu beantworten. Sagen wir mal so: Die Langeweile scheint derzeit bei den Teenagern besonders groß zu sein.

In welchem der drei Potsdamer Welterbeparks Sanssouci, Neuer Garten und Babelsberg gibt es die meisten Verstöße?

Zur Person

Christoph Martin Vogtherr, 55, hat Kunstgeschichte, Mittelalterliche Geschichte und Klassische Archäologie studiert. Seit einem Jahr ist er Generaldirektor der Schlösserstiftung.

Ganz eindeutig im Neuen Garten, der bereits in normalen Zeiten im Sommer unser großes Sorgenkind ist. Dort sind jetzt oft größere Gruppen von Jugendlichen unterwegs und feiern Partys. Es gibt sogar schon die ersten Badeversuche im Heiligen See.

Wurden bereits Bußgelder verhängt?

Unser Ziel ist es nicht, zu bestrafen, sondern Sensibilität für die aktuelle Situation zu wecken und den Menschen klar zu machen, dass ihr Treiben an sich zwar harmlos anmutet, in Corona-Zeiten aber besonders gefährlich ist.

Die Stadt Potsdam hat einen großen Teil der öffentlichen Anlagen bereits geschlossen. Das könnten Sie doch auch tun.

Die meisten Besucher der Parks verhalten sich regelkonform.
Die meisten Besucher der Parks verhalten sich regelkonform.Foto: Ottmar Winter PNN

Das wollen wir aber nicht, denn wir glauben, dass wir den Potsdamern im Moment ein besonders wichtiges Angebot machen können. In den Parks kann man sich erholen, erfährt ein Gefühl von Schönheit und Anregung, das vielen in dieser Situation abhanden gekommen ist. Insofern erfüllen die Welterbegärten eine wichtige soziale und emotionale Funktion. Dort kann man Spazierengehen oder auch Joggen – alles Dinge, die entscheidend dazu beitragen, dass die Menschen körperlich und geistig in Form bleiben. 

Hintergrund

In den vergangenen Tagen hat es in den Potsdamer und Berliner Parks Verstöße gegen die Kontaktverbote zur Eindämmung des Coronavirus gegeben. Hier einige Beispiele:

27. März: Am Hippo- drom im Park Sanssouci hat sich eine Personenansammlung gebildet. Im Neuen Garten lagern rund 100 Menschen auf den Wiesen.

28. März: Auf den Wiesen rund um das Schloss Cecilienhof im Neuen Garten werden Picknicks veranstaltet.

30. März: Wachschutzmitarbeiter beobachten eine Personenansammlung im Marlygarten im Park Sanssouci.

1. April: An der Schwa- nenbrücke und an der Badestelle im Neuen Garten halten sich Personengruppen auf.

3. April: Auf den Terrassen am Schloss Sanssouci wird eine Party gefeiert.

4. April: Auf der Liegewiese im Park Babelsberg werden Picknicks abgehalten.

5. April: Wachschutzmitarbeiter melden eine „unüberschaubare Zahl von Menschen“, die auf den Wiesen rund um die Große Fontäne im Park Sanssouci lagert.

Im Schlossgarten von Charlottenburg lagern werktags 70 bis 80 Menschen pro Stunde auf den Wiesen, an den Wochenenden sind es sogar bis zu 500. 

Was tun Sie als Stiftung, um Verstöße gegen das Corona-Kontaktverbot zu ahnden?

Wir haben unser Sicherheitspersonal im Einsatz, zudem arbeiten ja auch Gärtner und andere Mitarbeiter der Stiftung draußen, die berichten uns über die Lage und können außerdem bei den Besuchern Aufklärungsarbeit leisten. Außerdem haben wir aktuell einen sehr guten Draht zur Polizei.

Wie hilft Ihnen das konkret?

Die Leiterin unseres Sicherheitsreferats steht in engem Kontakt mit der Polizei. Gemeinsam wurden so Parkbereiche festgelegt, in denen sich Vorfälle gehäuft hatten, beispielsweise im Schlossgarten von Charlottenburg in Berlin. Dort wird dann stärker kontrolliert, auch von der Polizei. Dafür sind wir sehr dankbar, denn die Behörde hat ja im Moment ohnehin genug zu tun. 

Schon vor der Coronakrise war die Stiftung nicht eben üppig mit Wachschutzmitarbeitern bestückt, um die Massen von Erholungssuchenden im Sommer in Schach zu halten. Wie viele Sicherheitsleute haben Sie denn aktuell in den drei Potsdamer Parks im Einsatz?

Drei Ordnungskräfte, hinzu kommen noch fünf Sicherheitsmitarbeiter.

Das ist alles?

Ich weiß, das ist keine besonders intensive Dichte. Aber nach der Erhöhung unseres Stiftungsbudgets durch den Bund, Brandenburg und Berlin können wir jetzt beginnen, neues Personal einzustellen. Wir hoffen, spätestens zur Saison 2021 besser aufgestellt zu sein. 

Aber die Verstöße finden ja jetzt statt und nicht erst im nächsten Jahr.

Sicher, deswegen ja auch mein Appell an die Besucher, sich regelkonform zu verhalten. In den vergangenen Wochen war die Situation, sicherheitstechnisch gesehen, noch besser, denn es war einfach zu kalt, um sich lange irgendwo hinzusetzen oder zu feiern. Jetzt wird es tagsüber warm, daher werden die Osterfeiertage für uns der kritische Moment sein.

Die Osterfeiertage werden für die Stiftung der kritische Moment.
Die Osterfeiertage werden für die Stiftung der kritische Moment.Foto: Ottmar Winter PNN

Und was tun Sie, wenn Ihr Appell ungehört verhallt?

Wir haben einen Stufenplan entwickelt. Zunächst werden wir die ausgewiesenen Liegewiesen absperren. Wenn das nicht ausreicht, müssen wir darüber nachdenken, einzelne Parkbereiche zu schließen – und als Ultima Ratio auch die gesamten Parks. Allerdings würde ich das aus den genannten Gründen außerordentlich bedauern. 

Wie sollen sich die Parkbesucher verhalten, damit das nicht passiert?

Sie sollen sich nur an die Regeln halten, die ebenso auch in der Brandenburger Straße oder auf dem Platz der Einheit gelten: Abstand voneinander halten, nicht in Gruppen unterwegs sein, in Bewegung bleiben. Dann können wir die Parks offen lassen. Übrigens schränkt die Coronakrise auch unsere Arbeit – zum Teil sichtbar – ein. 

Inwiefern?

Wir sind mit dem Aushausen der Skulpturen noch nicht fertig. Von den meisten ist der hölzerne Winterschutz bereits entfernt worden, aber jetzt können wir nicht weitermachen, weil für diese Arbeit mehrere Menschen nötig sind und sich die Abstandsregeln nicht einhalten lassen. Aber das holen wir nach, sobald es geht.

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