• Holocaust-Zeitzeugen in Potsdam: "Ich werde solange informieren, wie ich kann"

Holocaust-Zeitzeugen in Potsdam : "Ich werde solange informieren, wie ich kann"

Bei einer Podiumsdebatte im Landtag hat Kulturministerin Manja Schüle (SPD) mehr Fortbildung für Lehrer an Schulen gefordert. Doch auch jeder Einzelne trage Verantwortung.

George Shefi
George ShefiFoto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Die Frage hört George Shefi immer wieder: Warum sollen Jugendliche heute noch von Überlebenden des Holocaust hören, was damals passierte? Denn natürlich seien sie nicht schuldig an der Vergangenheit – aber verantwortlich dafür, dass so etwas nie wieder passiert: Das sagte am Montagabend der 88 Jahre alte George Shefi, der den Terror der Nationalsozialisten vor mehr als 75 Jahren überlebt hat.

Anlass war die Podiumsdiskussion zur Ausstellung „Augenzeugen. Es ist nicht leicht, sich zu erinnern – und schwer, zu vergessen!“ im Landtag, eine Veranstaltung der F.C. Flick Stiftung und des Moses Mendelssohn Zentrum. Dazu kamen am gestrigen Montagabend im Foyer des Parlaments rund 100 Zuschauer zusammen, darunter auch viele Schüler. Bis auf den letzten Platz war der Raum besetzt. Neben Shefi war auch die Auschwitz-Überlebende Zipora Feiblowitsch zu Gast, die gestern – am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren – außerdem ihren Geburtstag feierte.

Als Kind setzten seine Eltern ihn in einen Zug

Shefi hat vergangenes Jahr für seine Bemühungen um das Wachhalten der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit den Landesverdienstorden erhalten. Seine Familie in Berlin hatte ihn als Siebenjährigen im Jahr 1939 allein in einen Zug in Richtung England gesetzt: Solche von den jüdischen Gemeinden in Deutschland finanziell gesicherten Transporte ermöglichten es Kindern jüdischer Abstammung bis zum Alter von 17 Jahren, Deutschland zu verlassen und auszureisen. Viele seiner engsten Familienmitglieder blieben zurück, sie starben unter anderem in Auschwitz. Er dagegen erlebte 1940 die Bombardierung Londons, über Kanada und die USA emigrierte er schließlich nach Israel.

Shefi sagte, seine Geschichte sei zwar vergleichsweise wenig grausam. Doch erzählte er auch von Kindern, die als Babys in die besagten Transportzüge gebracht wurden – und die niemals die Chance hatten, ihre später ermordeten Eltern kennen zu lernen. Er sprach auch von einem Zeitzeugentreffen 50 Jahre nach der Zugfahrt nach England, auf der sich zufällig ein damals getrenntes Geschwisterpaar wieder getroffen hatte.

Shefi: Aufklärung in den Schulen ist wichtig

Zum wieder aufkeimenden Antisemitismus sagte der Überlebende Shefi, die Neonazis von heute hätten einen anderen Hintergrund als zur Zeit des Nationalsozialismus, als sich Deutschland in einem viel schlechteren Zustand befunden habe. Heute seien es aus seiner Sicht vor allem Leute, „die nicht so viel denken“. Daher sei es umso wichtiger, schon in den Schulen zu beginnen, über die Vergangenheit zu berichten – möglichst auch persönlich. Bücher seien dafür kein Ersatz. „Ich werde solange informieren, wie ich noch kann.“ Zipora Feiblowitsch sagte, sie hoffe, dass es niemals mehr einen Krieg geben werde – und Menschen nie „mehr solche Sachen erleben, die wir haben durchmachen müssen“.

An dem Podiumsgespräch nahm auch Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) teil. Sie sprach unter anderem von der Verantwortung jedes Staatsbürgers, gerade auch Antisemitismus zu widersprechen. Besonders in Bezug auf Gefahren für das jüdische Leben in Deutschland habe man sich lange „in trügerischer Sicherheit“ gewiegt, dabei gehöre dieser Schutz zur Staatsräson. Für eine funktionierende Gedenkkultur, in der immer weniger Zeitzeugen über ihr Erleben berichten können, sei es wichtig, die Lehrer an Schulen besser zu qualifizieren, mehr Fortbildungen anzubieten. „Wir müssen mehr Anlässe für Besuche von authentischen Gedenkorten schaffen.“ Der evangelische Theologe Rudi-Karl Pahnke sagte, gerade der Jugendaustausch zwischen Deutschland und Israel müsse erleichtert werden. Pahnke hat dafür den Verein Institut Neue Impulse gegründet.