• „Hitlerjunge Salomon“ in Potsdam: „Die AfD bringt uns nur Schande“

„Hitlerjunge Salomon“ in Potsdam : „Die AfD bringt uns nur Schande“

Sally Perel war der „Hitlerjunge Salomon“, er tauchte als Jude in der Hitlerjugend unter. Vor seinem Vortrag in Potsdam warnt der 93-Jährige im PNN-Interview vor dem Erstarken völkischer Kräfte in Deutschland und sieht Parallelen zur Weimarer Republik.

Der NS-Überlebende Sally Perel will Deutschlands Jugend widerstandsfähig gegen völkisches Denken machen und kommt deshalb immer wieder aus Israel in seine ehemalige Heimat.
Der NS-Überlebende Sally Perel will Deutschlands Jugend widerstandsfähig gegen völkisches Denken machen und kommt deshalb immer...Foto: Manfred Thomas (Archiv)

Herr Perel, Sie sprechen immer wieder vor Schülern, jetzt am Dienstag in der Potsdamer Marienschule. Laut einer Umfrage wissen vier von zehn Schülern ab 14 Jahren nicht einmal, was Auschwitz war. Wie erleben Sie die Jugend?
Ja, tatsächlich wissen viele nicht mehr, was der Holocaust war. Manche wollen es auch gar nicht wissen. Andere werfen uns sogar Lügen vor und behaupten, Auschwitz hätte es nie gegeben. Aber im Allgemeinen gibt es immer ein großes Interesse an meinen Vorträgen und die Schüler haben viele Fragen an mich.

Wurden Sie an den Schulen schon mit Antisemitismus konfrontiert?
Ja, es gab auch schon Schüler, die bei meinen Vorträgen von der „Auschwitz-Lüge“ gesprochen haben. In anderen Formen habe ich dabei keinen Antisemitismus erlebt. Ich unterscheide allerdings auch zwischen Antisemitismus und Kritik an der Politik des Staates Israel. Letzteres ist zumindest für mich nicht antisemitisch.

Wie ist es an Schulen, an denen vor allem muslimische Kinder unterrichtet werden: Reagieren die anders auf das Thema?
Ja, sie fühlen sich weniger mit dem Holocaust verbunden. Aber denen sage ich: Wenn ihr hier eure Zukunft seht, müsst ihr auch die Vergangenheit kennen. Sonst werden sie sich in Deutschland immer fremd fühlen.

Was geben Sie den Schülern sonst noch mit auf den Weg?
Ich will den Schülern die Wahrheit erzählen. Zunächst einmal versuche ich, sie darüber zu informieren, was Auschwitz war und was damals aus meiner persönlichen Perspektive als Hitlerjunge in Deutschland geschehen ist. Ich glaube, ein wirklicher Zeitzeuge bewirkt da mehr, als es Bücher oder Filme können. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal aufs Neue. Aber ich will die Schüler auch motivieren, besonders kritisch zu denken.

Inwiefern?
Sie sollen völkischen und populistischen Parolen nicht einfach zum Opfer fallen. Ich will sie widerstandsfähig machen gegen die völkisch Denkenden. Ich sehe mich da gewissermaßen als der Wächter vor dem Tor. Ich hoffe, die Jugend lässt sich nicht noch einmal so wie damals verführen.

Auch in Deutschland gibt es mit der AfD wieder eine aufstrebende Partei, die völkisch denkt …
Genau die meine ich.

in Brandenburg könnte sie bei der Landtagswahl im nächsten Jahr sogar stärkste Kraft werden. Fühlen Sie sich an die Weimarer Republik erinnert?
Ja, ohne Zweifel. Ich vergleiche die heutige Situation mit der Weimarer Republik. Ich spreche dabei aus Erfahrung: Als Kind habe ich das Gleiche schon erlebt.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gemeinsamkeiten?
Die AfD wurde genau wie die Nazis damals als ganz kleine Fraktion in den Reichstag gewählt. Man hat sie außerdem am Anfang nur verspottet und nicht ernst genommen, für Verrückte gehalten. Und jetzt legen sie immer weiter zu. Genau wie damals Hitler.

Kann sich so etwas wie der Nationalsozialismus also in Deutschland wiederholen?
Ja, auf jeden Fall. Wenn es wieder eine politische oder wirtschaftliche Krise oder wieder so einen Flüchtlingssturm gibt, dann nehmen die Kräfte am rechten Rand zu.

Wie fühlt es sich dann für Sie an, jetzt immer wieder für Vorträge in Deutschland zu sein?
Ich verspüre zurzeit keine Gefahr. Es wurden zwar schon jüdische Institutionen und Juden persönlich angegriffen. Aber ich würde sagen, das sind bislang Randerscheinungen. Das tritt alles nicht so massenhaft auf wie damals und wird vor allem nicht durch den Staat organisiert.

Aber trotzdem leben Sie in Israel.
Ja, aber das hat vor allem private Gründe. Ich habe dort Familie, Enkelkinder. Natürlich verbindet das. Aber ich komme immer gern nach Deutschland, das ist meine Heimat. Fest steht aber auch: Israel ist meine letzte Lebensstation.

Zurück zur AfD: Am Rande von deren Versammlungen kommt es immer wieder zu gewalttätigen Attacken von Linksextremen. Am Wochenende wurde ein Fall aus Stuttgart bekannt. Hilft das, die Rechten einzudämmen?
Nein, mit Gewalt erreicht man nichts. Höchstens das Gegenteil. Gewalt erzeugt Gegengewalt, das eskaliert. Damit gewinnen die Populisten nur noch mehr Sympathie, mehr Anhänger.

Wie sieht aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Strategie gegen rechten Populismus aus?
Nur durch breite Aufklärung kann man etwas erreichen. Am besten Schulen. Gut wäre es, wenn diese sich den „Schulen gegen Rassismus“ anschließen und Zeitzeugen des Holocaust einladen. Die Deutschen sollen aber trotzdem gegen die AfD demonstrieren und klarstellen: Wir sind das Volk, nicht ihr! Ihr bringt uns nur Schande, stört nicht das friedliche Zusammenleben in Deutschland.

Sie sind drei Jahre an der Akademie der Hitlerjugend in Braunschweig gewesen. Wie wirkt die dort vermittelte Ideologie auf Sie persönlich?
Die Wirkung hält bis heute an. Ich habe noch immer so eine Art Doppelleben. Der Hitlerjunge Josef in mir war vier Jahre der Dominante und hat den jüdischen Sally vollkommen verdrängt. Jetzt ist es umgekehrt, aber der Hitlerjunge befindet sich bis heute in mir.

In welchen Situationen kommt die Ideologie der Nazis wieder in Ihnen auf?
Wenn ich zum Beispiel einen Film von damals schaue. Sobald ich eine Hakenkreuz-Fahne und die Marschierenden sehe, verspürt der Josef in mir die Notwendigkeit, mitzumarschieren.


Das Interview führte René Garzke


Sally Perel spricht am Dienstag, dem 11. Dezember, um 19 Uhr an der Marienschule in Babelsberg. Interessierte sind auch ohne Anmeldung willkommen. Organisiert wird die Veranstaltung von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.


Sally Perel (3.v.r.) mit seinen Kameraden der Hitlerjugend. 
Sally Perel (3.v.r.) mit seinen Kameraden der Hitlerjugend. Foto: privat


+++ Die Geschichte Perels als Buch und Film +++

Die Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ von Sally Perel ist 1990 erschienen. Seitdem wird sie auch regelmäßig im Schulunterricht behandelt. In dem Buch geht es darum, wie Perel als Jude in die Hitlerjugend gelangte. Die Flucht vor dem NS-Regime hatte Perel und seine Familie aus Deutschland 1935 nach Lódz und in weitere Teile Polens geführt. Er floh anschließend weiter in die Sowjetunion, wo er 1941 im Alter von 16 Jahren deutschen Truppen in die Hände gefallen ist. Ihnen gegenüber gab sich Perel als Volksdeutscher aus, nannte sich Josef Perjell. Ein Jahr verbrachte Perel bei der Wehrmacht an der Ostfront, arbeitete als deutsch-russischer Übersetzer. Anschließend wurde er an die Akademie der Hitlerjugend in Braunschweig geschickt, wo er bis zum Kriegsende blieb. Es gelang ihm während all der Jahre, seine jüdische Herkunft weitgehend zu verbergen. Einzig im Waschraum war einem anderen Wehrmachtssoldaten aufgefallen, dass Perel beschnitten ist. Er entschied sich aber, Perel nicht zu verraten. 1948 wanderte Perel dann nach Israel aus. Erst knapp 40 Jahre später entschied er sich, seine Geschichte zu veröffentlichen. Der Film zum Buch wurde 1991 mit dem Golden Globe als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. Heute reist Perel immer wieder nach Deutschland, um junge Leute über die Nazi-Zeit aufzuklären. Auch in Potsdam war er bereits mehrmals.

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