Potsdam : Gegen das Rollenbild

Neues Lesebuch über Brandenburgerinnen

Sascha Seimer singt mit einer kräftigen Soulstimme und kann ganze Säle damit füllen. Nachts aber braucht die junge Frau ein Atemgerät. Die 18-jährige leidet an einer seltenen Muskelerkrankung und sitzt im Rollstuhl. Von sich zu berichten, ist für Sascha Seimer nichts Neues. „Ich bin es gewohnt, meine Geschichte zu erzählen“, sagt sie. Schon oft hat sie Ärzten ausführlich ihre Krankheitsgeschichte geschildert. Nun hat ist sie erstmals von der Journalistin Astrid Priebs-Tröger befragt worden. Sascha ist eine von 13 jungen Brandenburgerinnen zwischen 15 und 28 Jahren, die Priebs-Tröger aufgespürt und deren Geschichte sie in Form gebracht hat, zusammen mit der Potsdamer Illustratorin Anna Laura Jakobi.

Daraus entstanden ist ein schmales Lesebuch, „Ich entscheide mich!“, mit Kurzporträts – von der Aussteigerin aus der rechtsextremen Szene über die Tochter vietnamesicher Migranten, der jungen Bäuerin und Mutter bis hin zu angehenden Berufspolitikerinnen. „Ich wollte keine Straße der Besten mit Hochglanzbiografien“, sagt Priebs-Tröger, „sondern Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten präsentieren.“ Das Heft trägt den sperrigen Untertitel „Ein geschlechtergerechtes Lesebuch für Demokratie und Wahl-Freiheit“. Sinn und Zweck der Publikation werden so klar: Im nächsten Jahr dürfen erstmals 16- und 17-Jährige an den Wahlen teilnehmen und Fachkräften, Lehrern und Sozialpädagogen soll Material an die Hand gegeben werden. Denn sich zu engagieren und zu entscheiden, so Herausgeberin Tina Kuhne, „ist nicht gerade das, was man mit Frauen verbindet, wenn wir uns unsere normalen Rollenbilder anschauen“. Kuhne ist Leiterin der Kontakt- und Koordinierungsstelle für Mädchenarbeit, Kukma, im Land Brandenburg, die ihr 20-jähriges Jubiläum feiert und auch aus diesem Anlass die Porträts veröffentlicht.

Dementsprechend entwirft das Heft auch ein anderes Bild junger Frauen hierzulande: Sie übernehmen Verantwortung – und oft schon in jungem Alter. „Wenn man krank ist, wird man schnell erwachsen“, sagt etwa Sascha Seimer. Anderen jungen Frauen ergeht es nicht anders. Als Nachwende-Kinder erleben sie nicht selten seit der Kindheit die Sorgen ihrer Eltern, deren Arbeits- und Perspektivlosigkeit und Krankheiten.

„Wer ist hier eigentlich jung und wer alt?“, fragt Priebs-Tröger angesichts der vielen Entscheidungen, auch im Alltag, die die jungen Frauen treffen müssen. Ihrer Meinung nach lastet ein hoher gesellschaftlicher Erwartungsdruck auf den Frauen, ihren Aufgaben schon in jungem Alter gerecht zu werten. Priebs-Tröger spricht von den Nützlichkeitserwartungen, die an sie gestellt werden und die sie erfüllen. „Man könnte sagen: Das ist positiv, die sind tough. Aber man hat auch das Gefühl, die stehen sehr unter Druck und die Träume bleiben auf der Strecke.“ Ein hohes Sicherheitsbedürfnis bescheinigt sie dieser Generation, aber „auf keinen Fall ein Zurücklehnen“.

Die Geschichten berühren selbst in der kurzen Form. Sie in einer längeren Fassung zu lesen, wäre sicherlich nicht nur für das Zielpublikum spannend und würde aus dem Anschauungsmaterial ein echtes Zeitdokument machen. giw

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