• Gedenkstätte in Potsdam: Zeugen einer grausamen Zeit

Gedenkstätte in Potsdam : Zeugen einer grausamen Zeit

Acht Jahre war Richard Buchner Vorsitzender des Gedenkstättenvereins Leistikowstraße. Jetzt verabschiedet er sich. Ein Treffen mit dem Historiker vor Ort.

Richard Buchner verabschiedet sich aus der Leitung des Gedenkstättenvereins KGB-Gefängnis.
Richard Buchner verabschiedet sich aus der Leitung des Gedenkstättenvereins KGB-Gefängnis.Foto: Ottmar Winter

Eines war Richard Buchner immer am Wichtigsten: Diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die die Schrecken im ehemaligen KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße selbst erlebt haben, dort Folter und Gewalt ausgesetzt waren. „Wir haben immer versucht, Zeitzeugengespräche zu organisieren“, sagt der 79-jährige Historiker, der acht Jahre als Vorsitzender an der Spitze des Gedenkstättenvereins Leistikowstraße stand und nun nicht wieder für den Posten antritt. Besonders für diejenigen, denen die Zeit des Kalten Kriegs nur aus Büchern bekannt ist, sei die Perspektive der ehemaligen Inhaftierten wertvoll. Dies schaffe auch einen Dialog der Generationen, sagt Buchner. Seit 2001 engagiert sich Buchner ehrenamtlich im Gedenkstättenverein. Jetzt soll ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Es sei eine Kunst, rechtzeitig aufzuhören, sagt Buchner den PNN bei einem Termin vor Ort in der Leistikowstraße.

Ort des Schreckens. Das ehemalige Gefängnis in der Leistikowstraße ist heute Gedenkstätte.
Ort des Schreckens. Das ehemalige Gefängnis in der Leistikowstraße ist heute Gedenkstätte.Foto: Ottmar Winter

In dem Gebäude des ehemaligen KGB-Gefängnisses, in dem sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Pfarrhaus befand, richtete der sowjetische Geheimdienst, genauer die sowjetische Militärspionageabwehr, 1945 ein Untersuchungsgefängnis ein. Bis 1955 wurden dort vor allem Bürger der Sowjetunion und Deutsche festgehalten, letztere vor allem im Zuge der Entnazifizierung. Ab 1955 wurden in der Leistikowstraße vor allem Militärangehörige und Zivilangestellte der sowjetischen Streitkräfte inhaftiert sowie deren Familienangehörige. Bei den vorgeworfenen Delikten handelte es sich um Desertion, Verstöße gegen die Dienstvorschriften oder kriminelle Delikte.

Gegen die Inhaftierten wurde psychische Folter angewendet

Unter miserablen Bedingungen hätten die Inhaftierten oft viele Jahre in dem Gefängnis verbracht oder seien gar hingerichtet worden, sagt Buchner. Er zeigt in den ehemaligen Zellen, was die Menschen dort aushalten mussten. In Tag und Nacht spärlich beleuchteten Zellen waren sie isoliert. Im Winter sei es dort oft sehr kalt gewesen. Die Pritschen seien alle zu kurz gewesen, sagt Buchner. Und: „Die Verhöre fanden grundsätzlich nachts statt.“ Der Schlafentzug sei nur eine der Methoden gewesen, die sich als sogenannte „Weiße Folter“ bezeichnen lassen: Körper und Psyche werden geschädigt, die Wirkung der Folter ist später aber nur schwer nachweisbar.

Blick in eine der Gefängniszellen.
Blick in eine der Gefängniszellen.Foto: Ottmar Winter

Buchner ist sichtlich berührt, wenn er von den Qualen spricht, die die Menschen dort erlitten haben. Er zeigt auch eine etwa einen Quadratmeter große, fensterlose Zelle im Keller des Gebäudes. In dem sogenannten „Stehkarzer“ mussten Inhaftierte mehrere Tage stehend verbringen, wie auf einem Schild zu erfahren ist. Es gab keine Frischluftzufuhr, sodass die Inhaftierten Erstickungsängste entwickelt hätten, erklärt Buchner. Auch ihre Notdurft mussten sie dort verrichten, hätten irgendwann in ihren eigenen Fäkalien gestanden.

Buchner forschte zur sowjetischen Geschichte und zum Kalten Krieg

Der promovierte Historiker forscht seit langem über sowjetische Geschichte und den Kalten Krieg, er war an der Freien Universität in Berlin tätig, bevor er 2001 auf das ehemalige KGB-Gefängnis in Potsdam stieß. Dort habe man gesehen, „was der genuine Stalinismus wirklich war“, sagt er. Das habe er bekannt machen wollen. Zeigen, „was Menschen Menschen antun können“. Die Nutzung des Gefängnisses endete mit dem Zerfall des sowjetischen Geheimdienstes KGB 1991.

Im Jahr 1994 sei das Haus freigegeben worden und anschließend durch die Bundeswehr von Schrott und Chemieabfällen geräumt worden, seit 1997 ist das Gebäude für Besucher geöffnet, sagt Buchner. In den Jahren darauf wurden Gelder in Millionenhöhe zur Verfügung gestellt worden, um das Haus zu sanieren. „Sehr behutsam“ sei das geschehen, sagt der Historiker, der ursprünglich aus Hamburg stammt und in Berlin lebt. Die originale Substanz blieb bestehen, um es als Gedenkstätte zu erhalten. Auch ein neuer Pavillon entstand, der später als Begegnungsstätte genutzt wurde. Zum Erhalt des Gebäudes trugen auch der Verein Memorial Deutschland sowie Amnesty International bei. 2003 gründete sich der Gedenkstättenverein. „Wir haben es als Verein geschafft, die Zeitzeugen mit der Politik zusammenzubringen“, sagt Buchner.

Er machte sich dafür stark, dass die Kellerzellen wieder verdunkelt wurden

Seit vielen Jahren gibt es zwischen der Leitung der Gedenkstätte und dem Gedenkstättenverein immer wieder Uneinigkeit über die Ausrichtung der Gedenkstätte. Der Verein sowie auch Zeitzeugen warfen der Leitung eine Tendenz zur Verharmlosung des Leids der Opfer des stalinistischen Terrors vor und eine fehlende Sensibilität im Umgang mit Zeitzeugen – diese wies das immer vehement zurück.

Buchner plädiert dafür, die damaligen Haftbedingungen in dem Gebäude noch authentischer darzustellen. Durch kleine Fenster dringt in einige Zellen Licht. Früher seien diese mit Brettern zugenagelt gewesen, sagt der Historiker. „Eigentlich dürfte in die Zellen nicht das helle Sonnenlicht scheinen“, meint er. Allerdings habe sich der Verein darin durchsetzen können, dass der Keller wieder abgedunkelt werde. Zwei Jahre hätten sie darum gerungen. Inzwischen klebe schwarze Folie vor den dortigen Fenstern. Es sei eine Besonderheit, sagt er, „dass der Keller nun fast authentisch erhalten wurde“.

Viele ehemalige Inhaftierte, die in die Gedenkstätte kommen, hätten zum Teil erst im Inneren ihre ehemalige Zelle wiedererkannt, sagt Buchner. Begegnungen und Gespräche mit ihnen würden in der Zukunft aber immer seltener – viele seien so alt, dass sie nicht mehr reisen können.