• Gastbeitrag: Die Potsdamer Garnisonkirche als Mythos des Vergangenen und Chance für die Zukunft

Gastbeitrag : Die Potsdamer Garnisonkirche als Mythos des Vergangenen und Chance für die Zukunft

Der 3. Oktober 1990 schließt den mühsamen Weg zu einer gesamtstaatlichen deutschen Demokratie, der mit der 1848er Revolution begann. Was das für Potsdam bedeutet. Ein Gastbeitrag

Mike Schubert
Mike Schubert (SPD) ist seit 2018 Potsdams Oberbürgermeister.
Mike Schubert (SPD) ist seit 2018 Potsdams Oberbürgermeister.Foto: Sebastian Gabsch

„Die Einheit ist die Mutter der Freiheit“. Mit dieser Formel brachte der badische Liberale Karl von Rotteck eine der zentralen Forderungen der 1848er Revolution auf den Punkt. Die Revolution scheiterte zwar, doch das Erbe der 48er Bewegung konnte im wiedervereinigten Deutschland 1990 gesamtstaatlich verwirklicht werden.

Der Blick auf die Ereignisse des 3. Oktobers 1990 schließt den mühsamen Weg, die Abgründe der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, den Zivilisationsbruch im Nationalsozialismus und das Abringen von freiheitlichen Grundrechten im SED-Staat im Osten Deutschlands wie die Einbindung der Deutschen im europäischen Gefüge mit ein. Der Weg von der vielfach blutigen Revolution von 1848 zur friedlichen Protestbewegung von 1989 und schließlich zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ist gleichwohl keineswegs gradlinig. Vielmehr war er von Widersprüchen und Zufällen geprägt.

Die Garnisonkirche stand für die Vereinigung von Kirche, Staat und Militär

Am Tag der Deutschen Einheit ist natürlich der Fokus auf den nationalstaatlichen Rahmen gerichtet. Neben der Freude über das Erreichte spielt die Debatte um gleiche Lebensbedingungen in Ost wie West eine nach wie vor entscheidende Rolle. Das sollte jedoch nicht den Blick ablenken vom Lokalen und seiner Bedeutung für die Herausbildung des Nationalen. Denn mit dem Erwachen des Bewusstseins von Nation und Einheit im späten 18. und einem Mythenboom im 19. Jahrhundert, nahmen fortan sagenumwobene Orte und symbolträchtige Gebäude eine herausragende Bedeutung für die Bildung einer nationalen Identität ein. Dazu zählt auch die Potsdamer Garnisonkirche. Erbaut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, gehörte das Gotteshaus mit seinem fast 90 Meter hohen Turm zu den schönsten Barockkirchen Norddeutschlands. Mit ihrer Funktion als Grablege für die preußischen Könige und als Ort, an dem Fahnen und Standarten der preußischen Regimenter aufbewahrt wurden, beanspruchte die Garnisonkirche seit ihrer Erbauung eine symbolhafte Vereinigung von Kirche, Staat und Militär.

Diese Verquickung wurde 1933 am sogenannten "Tag von Potsdam" mit außerordentlich großer Nachwirkung politisch genutzt. Am 21. März 1933 diente die Potsdamer Garnisonkirche als Schauplatz für die feierliche Eröffnung des neu gewählten Reichstages. Der inszenierte Schulterschluss zwischen nationalkonservativer Elite, verkörpert im greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, und der nationalrevolutionären Massenbewegung, angeführt von Adolf Hitler, hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Nachgeborenen eingebrannt. Dem Spektakel am „Tag von Potsdam“ wohnten tausende Schaulustige bei. Die meisten jubelten, übrigens mehr Hindenburg als Hitler zu, fühlten sich geborgen in der Aura der Geschichte und sehnten sich nach einer verheißungsvollen Zukunft, die Hitler ihnen versprach.

Das Rechenzentrum versprach eine sozialistische Utopie des Fortschritts

Nach dem Untergang des nationalsozialistischen Reiches und der Zerstörung der Potsdamer Garnisonkirche 1945 sollte mit dem gänzlichen Abriss auf Wunsch von SED-Chef Walter Ulbricht der Mythos der Garnisonkirche mit Stumpf und Stiel beseitigt werden. An dessen Stelle, leicht versetzt, entstand von 1969 bis 1971 ein fünfstöckiges Datenverarbeitungs- und Rechenzentrum. Das Gebäude – in dessen Räumen eine Rechenleistung erbracht wurde, die heutzutage auf einen einfachen USB-Stick passen würde – versprach seinerseits eine neue sozialistische Utopie des technischen Fortschritts.

Der eine Mythos sollte den anderen ersetzen. Doch so leicht ließen sich die Mythen nicht gegenseitig ausspielen. Mit der Friedlichen Revolution von 1989 und der Wiedervereinigung setzte unmittelbar die Diskussion um die Wiedergewinnung der historischen Strukturen Potsdams ein, die auch den Wunsch nach dem Wiederaufbau der Garnisonkirche beinhaltete.

Der Garnisonkirchenturm wird derzeit aufgemauert.
Der Garnisonkirchenturm wird derzeit aufgemauert.Foto: Andreas Klaer

Mittlerweile wächst der Turm der Garnisonkirche empor, flankiert von einer, weit über die Stadt reichenden kontroversen, mitunter harten Debatte um die Nutzung von Turm und Kirchenschiff und der Frage nach dem Erhalt von in der DDR-Zeit entstandenen Gebäuden.

Die Auseinandersetzung um den Garnisonkirchenturm ist unabweislich

Mit jeder neu entstehenden Mauerschicht des Garnisonkirchenturms wird die aktive Auseinandersetzung um Bau, Geschichte und Symbolik dieses Gebäudes unabweislich. Sie drängt sich auf, je mehr der neue Kirchenbau an das einstige Rechenzentrum, in dem derzeit Künstlerinnen und Künstler eine Heimstätte gefunden haben, baulich heranrückt.

Die Auseinandersetzung ist für all jene, die sich daran beteiligen und beteiligen müssen, herausfordernd, anstrengend und kräftezehrend. In ihr liegt gleichwohl eine gewinnbringende Chance, die darin besteht, zu einem souveränen Umgang mit der eigenen Geschichte und den Mythen der Vergangenheit und Gegenwart zu gelangen. Als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam habe ich deswegen unlängst vorgeschlagen, in einem entstehenden Kirchenschiff eine internationale Begegnungsstätte für Bildung und Demokratie einzurichten. Möglichst mit einem klaren baulichen Bruch zum Turm als Bruchlinie zur Geschichte der Kirche versehen, versteht sich eine solche Einrichtung abermals als ein Versprechen. Dieses Mal jedoch geht es nicht um ein Versprechen, das sich aus einem nationalen Mythos im Sinne eines „Geistes von Potsdam“ speist und auch nicht um ein Versprechen einer Gesellschaftsutopie à la Ulbricht. Dieses Mal geht es um ein Versprechen, das sich an die nachfolgende, junge Generation richtet. Es geht darum, einen Ort neu zu schaffen, an und in dem jungen Menschen vermittelt wird, was Demokratie ausmacht, was Demokratie gefährdet und wie Demokratie gefestigt werden kann.

Die unbequeme Vergangenheit prädestiniert den Ort für Bildungsarbeit

Gerade weil dieser Ort eine sperrige und unbequeme Vergangenheit aufweist, erscheint er prädestiniert für die bildungspolitische Arbeit mit jungen Menschen. Notwendig ist diese Arbeit mehr denn je. Und das hat auch etwas mit dem Wetter zu tun. Als 1990 Helmut Kohl den 3. Oktober als Nationalfeiertag für die deutsche Wiedervereinigung durchzuboxen versuchte, ging es ihm offensichtlich nicht zuletzt um die Wetterlage, folgt man den Kohl-Protokollen von Heribert Schwan und Tilmann Jens. Der 3. Oktober 1990 versprach nämlich schönes Wetter. Bei Sonnenschein feiert es sich besser als bei Regen. Aber Wetterlagen können sich schnell ändern. Das trifft ebenso für politische Wetterlagen zu. Derzeit, um in der Klimametapher zu bleiben, erleben wir einen Jetstream populistischer Strömungen, die sich über den Globus wälzen und die politischen Verhältnisse auch in vielen Teilen Deutschlands kräftig durcheinanderwirbeln. Grenzen werden bewusst überschritten. Provokationen ersetzen sachliche Diskussionen.

Wenn mühsam erreichte Grundwerte, ein demokratisches Grundverständnis, wenn Recht und Respekt durch populistische Strömungen zu unterhöhlen versucht werden, dann gilt es klare Kante zu zeigen. Darüber hinaus gilt es, demokratische Grundhaltungen mit ihrer historischen Entwicklung gerade jüngeren Menschen zu vermitteln, und das am besten an Orten, an denen man sich wegen deren Vergangenheit kräftig reiben, sprich auseinandersetzen muss. Eine Begegnungsstätte am barocken Turm der Potsdamer Garnisonkirche darf dabei weder ein künstliches Implantat in einer reinen baulich-historischen Hülle sein, noch sollte sie sich als Solitär in der Stadt verstehen.

Geeint durch Widersprüchlichkeit: Revolutionär Dortu und die Garnisonkirche

Nur wenige Schritte sind es vom Baufeld der neu entstehenden Garnisonkirche bis zu einem Haus, in dem 1826 ein Mann aufwuchs, der zu einer heldenhaften Symbolfigur für preußischen Ungehorsam erklärt wurde. Der Mann heißt Max Dortu. Er kämpfte in der 1848er Revolution für seine Ideale von Freiheit und Mitbestimmung, radikal und unnachgiebig. Er beleidigte den Prinzen von Preußen, Wilhelm, den späteren Kaiser des Deutschen Reiches, schloss sich den badischen Revolutionären an, wurde von einem preußischen Militärgericht zum Tode verurteilt und schließlich 1849 standrechtlich erschossen.

Die Erinnerung an diesen Max Dortu bildet in der Stadt mit ihrer sehr konservativ-militärischen Geschichte für viele in gewisser Weise einen Gegenpol zur Garnisonkirche. Bei genauerem Hinschauen ließe sich dieser Gegensatz möglicherweise stark auflösen. Denn eines vereint die Garnisonkirche mit dem jungen Revolutionär: die Widersprüchlichkeit. Wer dies – in ganz aufklärerischer Weise – erkennt, vermag sich weder von erschaffenen Mythen noch von erklärten Helden blenden und beeinflussen zu lassen.

Der Autor, geboren 1973 in Schwedt/Oder und aufgewachsen in Potsdam, ist SPD-Politiker und seit 2018 Potsdams Oberbürgermeister.