• Für den Glauben werben: Steffen Tuschling ist Potsdams neuer Studentenpfarrer

Für den Glauben werben : Steffen Tuschling ist Potsdams neuer Studentenpfarrer

Nur eine winzige Whatsapp-Gruppe war von der Potsdamer Evangelischen Studentengemeinde 2018 übrig. Der neue Pfarrer Steffen Tuschling startete einen Versuch der Wiederbelebung.

Die Kirche dürfe die jungen Menschen nicht vergessen, meint Potsdams neuer Studentenpfarrer Steffen Tuschling.
Die Kirche dürfe die jungen Menschen nicht vergessen, meint Potsdams neuer Studentenpfarrer Steffen Tuschling.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Als Steffen Tuschling im September 2018 als neuer Studentenpfarrer nach Potsdam kam, begann er im Grunde bei Null. „Ich habe eine Whatsapp-Gruppe mit fünf Leuten geerbt, von denen waren drei mittlerweile verzogen“, erzählt er. Heute, acht Monate später, hat die Potsdamer Evangelische Studierendengemeinde (ESG) 40 Mitglieder. Sie trifft sich wöchentlich zu Frühstück und Andacht, einmal im Monat zu einem ökumenischen Hochschulgottesdienst in der Golmer Kirche. Außerdem gibt es gemeinsame Abende mit der katholischen Studentengemeinde zu theologischen Themen.

Vor allem gibt es einen Fahrplan. Tuschling will wachsen und das Angebot vergrößern. „Was wir Studentenpfarrer machen, ist eine Investition in die Zukunft“, sagt der neue Pfarrer. „Wir müssen uns mehr um die Generation zwischen den Jugendlichen und den Alten kümmern.“ Tuschling meint die, die den Gemeinden abhandenkommen, weil sie in Ausbildung und Studium stecken, Firmen und Familien gründen. Oft eine ruhelose Zeit. „Aber das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinde ist ja trotzdem da.“ Das passe nur oftmals nicht zum herkömmlichen Gemeindeleben. Die Kirche sei hier gefragt, neue Formen und Angebote zu entwickeln. „Viele wünschen sich einfach einen Ort, wo sie mal innehalten und verschnaufen können. Einen Kaffee trinken, mit Gleichgesinnten sprechen, egal ob über Wohnungssuche, Beziehungsprobleme oder Unistress“, sagt Tuschling. Die Kirchen müssten sich besser um die Generation der 20- bis 30-Jährigen kümmern. „Die Freikirchen machen es uns vor, dass es funktioniert, die haben großen Zulauf.“

Studentenpfarrer Tuschling vor dem Schild, das im Hof der Gutenbergstraße auf die Evangelische Studierendengemeinde verweist.
Studentenpfarrer Tuschling vor dem Schild, das im Hof der Gutenbergstraße auf die Evangelische Studierendengemeinde verweist.Foto: Ottmar Winter

Deshalb möchte Tuschling die Potsdamer Studentengemeinde neu aufbauen. Und wenn er sich dafür etwas wünschen könnte, wäre das ein eigener Raum für seine Studenten. Zurzeit dürfen sie die Räume der jungen Gemeinde in der Gutenbergstraße mitnutzen. „Wir hätten gerne einen Ort, den wir nach unseren Wünschen gestalten können, der auch gemütlich ist, mit einer Sitzecke oder mit einer Spielecke für Kinder, während ihre Eltern vielleicht in einem Beratungsgespräch sind.“

Auch praktische Hilfe und Unterstützung

Momentan arbeitet Tuschling viel von zu Hause aus – organisieren, Webseite pflegen, als Seelsorger da sein. Auch das ist ein Arbeitsschwerpunkt. Dabei kümmert er sich nicht nur um Glaubensfragen, sondern vermittelt notfalls auch ganz praktische Hilfe und Unterstützung.

Für Tuschling, geschiedener Vater zweier Töchter im Teenageralter, bedeutet der neue Job auch eine Rückkehr in die alte Heimat. Nach 15 Jahren als Gemeindepfarrer in Osnabrück zog es ihn in den Trubel der Hauptstadtregion. 1968 wurde er in West-Berlin geboren, ging dann mit den Eltern ins beschauliche Emsland. „Den Kulturschock habe ich als Zwölfjähriger genau mitbekommen.“ 

Deshalb entschied er sich prompt, fürs Theologiestudium zurück nach Berlin zu gehen. Hier wurde er sogar zum Grenzgänger. „Einmal in der Woche nahmen wir an einem Seminar im Sprachenkonvikt in Ost-Berlin teil“, sagt Tuschling. Das war die theologische Ausbildungsstätte der evangelischen Kirche in der DDR. Weil es offiziell keine Zusammenarbeit zwischen Ost und West geben durfte, reisten die Studenten stets mit einem Touristenvisum ein. „Klar hat das die Stasi gewusst“, sagt Tuschling. Aber man wollte sich vermutlich nicht unnötig mit der Kirche anlegen und ließ die Studenten gewähren. Den Zwangsumtausch von 25 D-Mark in Ost-Mark konnte er verschmerzen. „Dafür kauften wir immer theologische Fachbücher.“

Sofort nach der Wende wechselte er komplett ans Sprachenkonvikt, studierte zwischendurch noch in Naumburg und Rumänien: Der Osten faszinierte ihn. „Ich habe damals sogar Rumänisch gelernt.“ Später arbeitete er vier Jahre an einer Forschungsstelle im sorbischen Institut in Bautzen, bevor er eine Gemeinde übernahm.

Studentenpfarrer genießen weniger Wertschätzung

Tuschling erlebt die neue Aufgabe auch als Herausforderung. Denn in der hiesigen Landeskirche genießen Studentenpfarrer weniger Wertschätzung, „ein weniger hohes Standing“, als beispielsweise in Bayern, so Tuschlings Eindruck. Dort gibt es pro 9 000 Studenten eine ganze Stelle – in Potsdam ist er mit seiner halben Stelle für etwa 25 000 Studenten zuständig. „Die Kirchen müssten die Studenten wieder als eine normale Zielgruppe begreifen“, sagt Tuschling. „In der Kinder- oder Seniorenarbeit wird auch nicht zuerst nach Zahlen gefragt, das gehört ganz selbstverständlich zur Gemeindearbeit dazu.“ Auch im historischen Kontext spielten Studentengemeinden immer eine wichtige Rolle. Es wäre schade, wenn das jetzt einschlafe.

Kurioserweise nutzen meist Studenten mit ostdeutschem Hintergrund die Angebote der ESG, vermutlich, weil Kirche im Westen selbstverständlicher überall dazu gehört. Hier brauchen die Menschen eine besondere Ansprache. „Das bedeutet, wir müssen aktiv werden“, sagt der Pfarrer. Das Bedürfnis nach geistlicher Heimat und Austausch mit ähnlich tickenden Menschen sei jedenfalls bei vielen vorhanden. Konfessionelle Grenzen spielen dabei kaum eine Rolle, sagt Tuschling. „Im Grunde sind wir eine große ökumenische Studentengemeinde.“