Potsdam : Fluchthilfe Hauskauf

Maimi von Mirbach ermöglichte Fritz Hirschfeld die Flucht – deren Erben saßen sich vor Gericht gegenüber

Jan Brunzlow

Maimi von Mirbach ermöglichte Fritz Hirschfeld die Flucht – deren Erben saßen sich vor Gericht gegenüber Klein Glienicke - Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ermöglichte Maimi von Mirbach die Flucht des ehemaligen jüdischen Richters Fritz Hirschfeld aus Nazideutschland, bis gestern stritten die beiden Erbengemeinschaften um ein Grundstück in der Klein Glienicker Griebnitzstraße – obwohl die Jewish Claims Conference und die Jüdische Gemeinschaft auf eine friedliche Einigung der Nachkommen früherer Freunde hinwirkten. Ein Vergleich, der den Verkauf des Grundstücks sowie 150 000 Euro für die Mirbach-Erben vorsah, scheiterte. Die Loyalität unter der Erben- und Erbeserbengeneration ist nicht so groß wie früher, hieß es im Gericht. Nun ist das 1311 Quadratmeter große Grundstück wieder in Besitz der jüdischen Familie Hirschfeld. Fritz Hirschfeld, ab 1927 sechs Jahre lang Vorsitzender des Potsdamer Arbeitsgerichtes, hatte das Grundstück im damaligen Neu-Babelsberg im Jahr 1938 für 59 000 Reichsmark an die befreundete Baronin von Mirbach verkauft. Grund dafür: Nach der Pogromnacht wurde Hirschfeld verhaftet und blieb drei Wochen im Potsdamer Polizeigefängnis. Die Entlassung erfolgte nur unter der Bedingung, Hirschfeld würde ausreisen. Die deutschen Behörden verlangten für die Ausreise eine „Reichsfluchtsteuer“ in Höhe von 35 000 Reichsmark. Zuvor musste Hirschfeld bereits 38 000 Reichsmark „Sühneleistung“ und „Vermögensabgabe“ zahlen. Baronin von Mirbach, mit der er in einem privaten Streichquartett musizierte, verhalf mit dem Kauf des Grundstückes zur Flucht. Hirschfeld emigrierte im Februar 1939 mit 8000 Reichsmark Bargeld nach Holland, seine Tochter Aenne Dorothy wurde nach Großbritannien gebracht und seine krebskranke Frau Grete blieb bis zu ihrem Tod im April 1941 kostenlos bei von Mirbach in Neu-Babelsberg wohnen. Der 1935 zum Katholizismus konvertierte Richter lebte nach seiner Flucht die erste Zeit im katholischen Männerlager Sluis, um später nach Brasilien auszuwandern. Doch brasilianische Behörden hatten für Immigranten die Altersbegrenzung auf 40 Jahre festgelegt. Fritz Hirschfeld, 1886 geboren, geriet daher nach der Besetzung Hollands im Mai 1940 wieder ins Visier und wurde zwei Jahre später in das Konzentrationslager Westerbork verschleppt. Im April 1943 nach Theresienstadt deportiert, landete er im Oktober 1944 im KZ Auschwitz. Dort verlieren sich die Spuren von Fritz Hirschfeld. Das Grundstück in der Griebnitzstraße blieb unterdessen bis 1985 in Besitz von Mirbach, die drei Jahre zuvor in Israel als „Gerechte der Völker“ geehrt wurde. Danach ging das Grundstück in Besitz des VEB Gebäudewirtschaft über: belastet mit 71 000 DDR-Mark. Der festgesetzte Verkehrswert von 15 000 Mark ging an die Gläubiger – der Einspruch der von Mirbachs half nichts. Das Grundstück wurde später für 60 000 DDR-Mark verkauft, der neue Eigentümer jedoch nicht im Grundbuch eingetragen. Im September 1996 gaben die Behörden dem Rückübertragungsanspruch der Hirschfeld-Tochter Aenne Dorothy Scott statt, dagegen legten die Erben von Mirbachs Einspruch ein. Knackpunkt der jetzigen Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Potsdam, die Klage gegen die Rückübertragung abzuweisen, war die Übergabe des Kaufpreise von Mirbach an Hirschfeld. 51 000 Reichsmark wurden auf ein Konto überwiesen – ein Sperrkonto. Der Betrag landete schließlich beim Finanzamt Teltow. Und das, betont Richter Wolfgang Knippel, sei entscheidend in diesem „außerordentlich ungewöhnlichem Fall von Fluchthilfe“. Der Gesetzgeber sieht die Rückgabe des Grundstückes vor, wenn das Geld nicht zur Verfügung stand. Die Erben der Baronesse bekommen nun den damaligen Kaufpreis rückerstattet. In Potsdam erinnert eine Straße, ein Wäldchen sowie die Gedenktafel am Wohnhaus Alleestraße 10 an Maimi von Mirbach. Jan Brunzlow