Potsdam : Ein richtiges Theatervieh

Guido Huonder war der Unangepasste, der Hitzkopf. Von 1991 bis 1993 leitete er das Hans Otto Theater. Am Dienstag starb er mit 71 Jahren in Wien

Vorbei. Er bezeichnete sie als Silberstreif am Horizont: die Blechbüchse am Alten Markt. Guido Huonder holte sie als Alternativlösung nach Potsdam, als die Bühne in der Zimmerstraße seinerzeit wegen fehlender Fluchtwege geschlossen werden sollte. Das Publikum konnte sich nie richtig mit diesem Provisorium anfreunden. Inzwischen wurde es abgebaut und weiterverkauft.Alle Bilder anzeigen
Foto: Manfred Thomas
07.08.2013 22:30Vorbei. Er bezeichnete sie als Silberstreif am Horizont: die Blechbüchse am Alten Markt. Guido Huonder holte sie als...

Es waren nur zwei Spielzeiten. Aber in diesen beiden Jahren wirbelte er das Potsdamer Hans Otto Theater kräftig durcheinander. Guido Huonder, der Unangepasste, der Aufrührer, der Vermittler, ist am Dienstag im Alter von 71 Jahren nach langer schwerer Krankheit in Wien gestorben, wie seine Lebensgefährtin mitteilte.

Der Schweizer Bühnenleiter und Regisseur folgte 1991 dem langjährigen Intendanten Gero Hammer. Anders als Hammer fehlte Huonder jeder Draht zu den Behörden. Guido Huonder war ein Anarchist im besten Sinne gewesen: aufbrausend, aber für sein Theater, für seine Leute löwenstark kämpfend. Von Diplomatie keine Spur. Er war der Hitzkopf, der Querdenker, der nicht klein beigab. Der aber auch das Stadttheater mit der freien Szene ins Gespräch brachte.

Er war der, der der Stadt Potsdam auch die Blechbüchse an den Alten Markt holte und zugleich der Visionär, der den Standort Schiffbauergasse für das Theater entdeckte. Mit seiner jüdischen Dramatik inszenierte Huonder oft am Publikum vorbei. Wobei er durchaus für Inszenierungen sorgte, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, wie die jüdische Tragödie „Kleiner Pogrom im Bahnhofsbuffet“ mit der unvergessenen Schauspielerin Gertraud Kreißig. Eine kleine feine Arbeit. Oder aber das Gastspiel „Masada“ über die Festung am Toten Meer, auf der sich im Jahr 73 nach Christi über 960 jüdische Männer, Frauen und Kinder selbst getötet haben sollen, um nicht den Römern in die Hände zu fallen. Es waren andere Themen als unter seinem Vorgänger, die er auf die Bühne brachte. Aber für die interessierten sich die Potsdamer zu jener Zeit nicht. Sie waren gerade dabei, die große Welt zu erkunden. Da hatte es Theater ohnehin schwer.

Der Wechsel von Gero Hammer zu Guido Huonder, vom Osten zum Westen, sei schwer gewesen, erinnerte sich die einstige Inspizientin Irmtraud Schöps in einem Gespräch. „Die Neuen wollten alles besser machen, dachten, nur sie hätten das Theater erfunden.“ Aber Irmtraud Schöps weiß auch noch, dass das Eis schnell taute. „Huonder war ein richtiges Theatervieh, von morgens bis nachts wuselte er im Hause. Leider mochte das Publikum seine 68-er Art nicht sonderlich.“ Der Einzug des Westens mit Huonder und seinem Team sei aber durchaus eine Bereicherung gewesen. „Wir schmorten nicht mehr nur im eigenen Saft, es kam Bewegung ins Ensemble“, auf die sich nicht nur Irmtraud Schöps gerne einließ.

Auch für die Musiker begann 1990/91 mit dem Intendanten Guido Huonder eine hoffnungsvolle Zeit. Im ehemaligen Kinosaal der NVA in der Schiffbauergasse erhielten sie endlich einen angemessenen Probenraum. Der Intendant unterstützte die Bestrebungen, das Orchester als eine selbstständige Einrichtung mit eigenem Namen in der Landeshauptstadt zu verankern, als Brandenburgische Philharmonie Potsdam.

Als der große Saal im Theater in der Zimmerstraße wegen fehlender Fluchtwege, die nicht den neuen, bundesdeutschen Verordnungen genügten, geschlossen wurde, blieben ihm nur die kleine Probebühne in der Zimmerstraße, das Schlosstheater, die aus einer Leichenhalle umgebaute Studiobühne in der Heinrich-Mann-Allee und ab und an die Erlöserkirche als Spielorte. Alles musste eine Nummer kleiner gefahren werden. Auch das Ensemble war in Veränderung. Wegen Sparmaßnahmen sollte er zudem 80 Leute entlassen. Energisch wehrte er ab, machte den Spuk nicht mit.

Um die Spielstättenmisere beizulegen, sah Guido Huonder mit der Blechbüchse einen Silberstreif am Horizont. Er malte die Zukunft dieses Provisoriums in schillernden Farben, bedachte aber nicht, dass die vorbeifahrenden Feuerwehren jede intime Szene auf der Bühne durchquerten. Es wurde eher ein weiteres Debakel, was sich da Ende 1992 auftat. Denn die Zuschauer freundeten sich nie so recht mit diesem Blechteil an.

Huonder, der am 16. Juli 1942 in Chur geboren wurde, erst Lehrer war und dann Philosophie, Kunstgeschichte und Theologie studierte, arbeitete im Laufe seiner Karriere an zahlreichen Bühnen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Zuletzt inszenierte er in Dortmund „Himmel und Erde“ von Gerlind Reinshagen. Das war vor vier Jahren. Das Stück erzählt von einem Servierfräulein, das im Sterben liegt. Im Krankenhaus rekapituliert sie ihr Leben und durchmisst die Spanne, die zwischen Himmel und Erde liegt. Und erst hier, im Sterben, fängt sie an zu leben.

Anders als Guido Huonder, der nichts anbrennen ließ und immer neu durchstartete, solange es eben ging.