Egon Günther : Ein Aufbrecher

Egon Günther, einer der wichtigsten Regisseure der Defa, ist am Donnerstag im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit Filmen wie „Der Dritte“ oder „Ursula“ rüttelte der Potsdamer die Kinowelt auf und schlug neue filmische Wege ein.

Kerstin Decker
Nachdenklich. Egon Günther hielt sich selbst für keinen besonderen Menschen, wie er 2013 in Potsdam sagte. Seine Filme
Nachdenklich. Egon Günther hielt sich selbst für keinen besonderen Menschen, wie er 2013 in Potsdam sagte. Seine Filme

Sein schönster Film? Vielleicht „Der Dritte“, das war 1972, ein Jahr vor der „Legende von Paul und Paula“ von Heiner Carow. Der Dritte ist der dritte Mann, den muss Margit finden. Dabei hat die junge Mathematikerin (Jutta Hoffmann) schon zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, aber die Arithmetik der Liebe begreift sie noch immer nicht. Kino fängt an, wenn wir das sehen.

Und wie wir das sehen! Dieser Film scheint nicht einmal den Boden zu berühren, betrunkene Kamera, taumelnde Bilder, und bei alldem doch atemberaubend präzise. Und dann zertanzt Jutta Hoffmann zum Entsetzen der Genossen auch noch das alte Arbeiterkampflied „Bandiera rossa“. Welch waghalsige Schnitte als Gedankensprünge.

„Ich habe so getanzt wie Egon dachte, dass ich tanzen musste“, sagte die Frau seiner Filme später. Und er, der Regisseur? Er hat wohl sein Leben lang so gedreht, wie Jutta Hoffmann dachte, dass er drehen musste. Ausflüge ins Unverfügbare waren das, Experimente im schwerelosen Raum, genau wie „Die Schlüssel“ mit ihr und Jaecki Schwarz im Jahr darauf. Als ob die Kamera ihre Figuren zugleich von innen und außen beobachtete.

Seine schönsten Filme drehte das Arbeiterkind aus Schneeberg im Erzgebirge so, als gäbe es die DDR gar nicht. Das fand die DDR zwar nicht gut, aber was sollte sie machen? Auf Ansinnen, Szenen herauszuschneiden, pflegte er zu antworten: „Eher lasse ich mir beide Hände abhacken.“ Keine produktive Gesprächsgrundlage, aber immerhin, „Der Dritte“ bekam 1972 den Hauptpreis in Karlovy Vary und den Kritikerpreis in Venedig. Sein Vorgänger hieß „Junge Frau von 1914“, er hielt den Sommer fest, an dessen Ende Verdun stand, nicht nur für die Potsdamer Bankierstochter Leonore, die ihre Liebe an den Krieg verlieren wird. Und schon hier die Handkamera: Sie fing den Schwindel der Zeit ein.

Es folgte bald der erste große Goethe-Film, „Lotte in Weimar“ mit Lilly Palmer, scheinbar konventionell, wie man sich in einer Hotellobby nun einmal bewegt, wie man nun einmal isst, wenn man bei Goethe zum Essen eingeladen ist. Lauter Einfallstore des Seelen-Magmas.

Ein gelernter Schlosser aus dem Erzgebirge verfilmt Goethe. Der Zwiespalt Günthers glich dem so vieler anderer: Die DDR gab dem Arbeitersohn Chancen, die er unter, sagen wir, normalen Bedingungen wohl nie bekommen hätte. Und dazu dieser unendlich weite Horizont, wie er über denen stand, die nach dem Krieg jung waren. So viel Widerschein von Zukunft darin, und dann wieder doch so viel Enge, und beides blieb, Weite und Enge zugleich.

Egon Günther, Jahrgang 1927, hatte schon ein Leben, bevor er das Kino und das Kino ihn entdeckte. Aus der Kriegsgefangenschaft in den Niederlanden geflohen, war er Neulehrer gewesen, hatte in Leipzig Germanistik und Philosophie studiert, war Lektor geworden und hatte zu schreiben begonnen. Nie würde er damit aufhören, über 20 Romane – am bekanntesten wohl „Der Pirat“ – hat er veröffentlicht. Im Jahr 2013 betonte er während der Vorstellung seiner Biografie „Ich war immer ein Spieler. Egon Günther“ in der Filmuniversität Potsdam immer wieder, dass er die Genialität des Schreibens nicht erklären könne. „Was man als Autor macht, begreift man eigentlich selber nicht“, so Günther damals. Letztendlich hat der Regisseur Günther den Autor Günther immer überglänzt.

Er war ab 1958 als Regisseur für das Filmstudio Babelsberg der Defa tätig und lebte ab 1961 als freier Schriftsteller und Regisseur in Babelsberg. Mit seinen Filmen wagte Günther den Aufbruch zu einem neuen Kino. Er hatte immer wieder mit der Zensur in der DDR zu kämpfen und verließ diese 1978 nach starker Kritik an seinem Film „Ursula“. Darin zeigte er, wie die Reformation in die Schweiz kam. Weder das Schweizer Fernsehen noch das DDR-Fernsehen zeigten sich der derben, surrealen Geschlechtlichkeit der Welt einer Gebirgs-Wiedertäufersekte gewachsen, und Günther emigrierte zum bundesdeutschen Fernsehen. Erst 1990 kehrte er zurück. Günther wirkte außerdem als Dozent an der ehemaligen Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, der heutigen Filmuniversität Babelsberg. Er lebte zuletzt mit seiner dritten Ehefrau Franziska, die 1990 in „Stein“ mitspielte, und seiner Tochter in Groß Glienicke.

Erst im März dieses Jahres beging Günther seinen 90. Geburtstag, das Filmmuseum Potsdam würdigte ihn mit einem Filmabend. Seine Frau Franziska verriet zu dem Anlass, dass sie von Anfang an ein enormes Vertrauen zu ihm gehabt und immer eine große Sicherheit gespürt habe. Schauspielerin Heidemarie Wenzel, die in Günthers Film „Abschied“ (1968) mitspielte, sprach an dem Abend von Günther als „ein Ereignis“, von jemandem, der Leute begeistern kann. „Er war immer ganz erfüllt von seiner Arbeit, ging darin auf“, sagte sie. „In meinem Leben hat er einen sehr hohen Stellenwert.“ Für Angelica Domröse ist nicht Carows „Paula“, sondern Günthers „Hanna von acht bis acht“ der schönste Film ihres Lebens: Eine kleine Barfrau hinter ihrem Tresen und dahinter liegt „eine Manege vergeblicher Hoffnungen und verzweifelter Träume“, wie Günther sagte.

1999 dann noch einmal Goethe, Goethe und Christiane: „Die Braut“ mit Veronica Ferres und Herbert Knaup. Doch der Geist der Schwere holte ihn ein, das Kaum-den-Boden-Berühren, es gelang nicht mehr. Am Donnerstag ist Egon Günther, der größte Frauen-Regisseur der DDR, in Potsdam gestorben.

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