• Drogen-Report Potsdam: Codewort Hasenfutter

Drogen-Report Potsdam : Codewort Hasenfutter

Schlagstöcke, „Grow Boxen“ und die Tricks der Fahnder: Hunderte Potsdamer Jugendliche konsumieren regelmäßig Drogen – vor allem Haschisch. Unter den Händlern geht es oft brutal zu.

Die Ecken und Winkel des Bassinplatzes werden nach Angaben aus der Szene von Dealern frequentiert.
Die Ecken und Winkel des Bassinplatzes werden nach Angaben aus der Szene von Dealern frequentiert.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es ist ein Freitagabend im Dezember, als ein Jugendlicher am Bassinplatz den schmalen Weg am sowjetischen Militärfriedhof neben der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul entlangschlendert. Nur wenige Passanten sind unterwegs. Der Jugendliche, der Jeans und Winterboots trägt und die Kapuze seines Hoodies in die Stirn gezogen hat, hält kurz inne, als ihm ein anderer junger Mann entgegenkommt. Schnell tauschen sie etwas aus: Geldscheine gegen einen kleinen Plastikbeutel.

Es ist die Geschichte eines Drogendeals, wie er nahezu täglich in Potsdam abgewickelt wird. 50 Euro für fünf Gramm Marihuana. Auch Dope, Gras oder Hasenfutter genannt. Der Bassinplatz gilt neben der Freundschaftsinsel, dem Hauptbahnhof und im Sommer dem Volkspark nahe der Skatepipes als einer der Hotspots für den Drogenhandel. Aber auch an den Uferwegen der Havel lungern Klein-Dealer und ihre jungen Kunden herum.

Zahl der jugendlichen Drogenhändler steigt

Niemand kennt ihre genaue Zahl. Experten, die Einblick in die Szene haben, schätzen sie auf „mindestens viele 100“, ohne dafür mit ihrem Namen einstehen zu wollen. Auffällig ist, wie stark die Zahl der jugendlichen Drogenhändler steigt. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) waren 2013 rund 26 Prozent der tatverdächtigen Händler in Brandenburg zwischen 14 und 21 Jahre alt. Bis 2019 schoss diese Zahl auf rund 48 Prozent in die Höhe, 2020 blieb sie mit rund 44 Prozent auf hohem Niveau.

Das Geschehen auf einzelnen Potsdamer Straßen und Plätzen erfasst die PKS nicht. Die Polizeiinspektion Potsdam sieht genauer hin. Sie hat 2020 im Bereich der nördlichen Innenstadt 132 Delikte der Rauschgiftkriminalität registriert, dabei lagen Fälle im Zusammenhang mit Cannabis „mit weitem Abstand“ vorn. 2021 gab es deutlich weniger Fälle als im Vorjahr. Coronabedingt?

Der Schwarzmarkt blüht

Bundesweit bilanziert das Bundeskriminalamt (BKA) das Geschehen. Im Lagebericht vom Juli 2021 listeten die Ermittler 31.961 Handelsdelikte im Zusammenhang mit Cannabis auf, der meistgehandelten Droge. Marihuana, so scheint es, hat auch in Potsdam längst seinen festen Platz im Sittengemälde der Stadt. Wer etwa 2005 oder 2006 geboren und jetzt 16 oder 17 Jahre alt ist, hat es, das zeigen Statistiken, nicht leicht, drogenfrei durch die Pubertät zu kommen. So heißt es in der im Juli 2020 vorgelegten Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, rund einem Viertel aller Zwölf- bis 17-Jährigen sei schon eine illegale Droge angeboten worden; dies sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen.

Ausstattung eines Kiffers. In einer Wasserpfeife wird das Gras geraucht, vorher wird es in einer Cannabismühle zerkleinert.
Ausstattung eines Kiffers. In einer Wasserpfeife wird das Gras geraucht, vorher wird es in einer Cannabismühle zerkleinert.Foto: Andreas Klaer

Der Schwarzmarkt blüht. Die Potsdamer Kiffer besorgen sich vor allem Marihuana, die getrockneten, krautartigen Blüten, oder Haschisch, das gepresste Harz der weiblichen Cannabispflanze. Sie zahlen in der Regel zehn Euro pro Gramm. Nur im kleinen Kreis spricht sich herum, wo es Marihuana aus Plantagen gibt, die in eigens angemieteten Wohnungen in Potsdam-West oder im Schlaatz angebaut und unter guten Bekannten für die Hälfte des marktüblichen Preises angeboten werden. Die Zahl solcher Indoor-Plantagen mit 20 bis über 1000 Pflanzen steigt laut BKA kontinuierlich.

Edel-Marihuana aus dem Gewächskasten

Wer seit längerer Zeit in Potsdam kifft, kann erfahren, wo Marihuana made in Potsdam gedeiht. Ein Kiffer gibt preis, dass es sich „indoor“ zumeist in sogenannten „Grow Boxen“, kleinen Gewächskästen, emporreckt. Edel-Marihuana der Sorte AK 47 wächst dort gut, das Dope trägt den Namen des russischen Sturmgewehrs Kalaschnikow, ihm wird eine treffsichere Wirkung nachgesagt.

Manche Angebote im Potsdamer Straßensortiment gibt es, so wissen es Jugendliche, nur auf Vorbestellung: stärkere Drogen wie Angel Dust. Grammpreis 40 Euro. Das Halluzinogen führt wie das Amphetamin Speed, das auch Pep genannt wird und zehn Euro pro Gramm kostet, zu einem Wechsel von Euphorie und Angst. Ab und an, erfahren die PNN, experimentieren Jugendliche auch mit der Partydroge Ketamin. Ein Gramm kostet 40 Euro, in niedriger Dosierung kommt es zu Halluzinationen, in stärkerer zu Panikattacken. Die sogenannte Designerdroge Crystal Meth, das bestätigt die Polizei, spielt in Potsdam so gut wie keine Rolle.

Staatsanwaltschaft hat viel zu tun

Im Landgerichtsbezirk Potsdam hat die Staatsanwaltschaft seit 2019 insgesamt 9372 Verfahren gegen 9403 Beschuldigte wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz geführt. Gefangen werden mal größere, zumeist aber kleinere Fische. Zu den größeren zählte laut Urteil des Landgerichts vom Januar 2018 Enrico K. Er war, so die Richter, „in wohlbehüteten Verhältnissen“ aufgewachsen: Fachabitur, Speditionskaufmann, Teamleiter in einer Potsdamer Klinik. Wohnung im Haus der Eltern, nebenbei freiwilliger Feuerwehrmann. Seit 2015, als 19-Jähriger, Konsument von Amphetamin, einer synthetischen Droge.
2016 dann der Aufstieg zum „Bunkerhalter“. Im Haus seiner Eltern hortete K. für seine Auftraggeber das Rauschgift, portionierte und streckte es und fühlte sich, so hieß es im Urteil, „irgendwie cool“, Szene-Größen zu kennen. Sein Telefon wurde abgehört, ging es um Bestellungen von Amphetamin, wurde szenetypisch „schneller Hase“ geordert. Bei einer Hausdurchsuchung am 26. Juni 2017 fand die Polizei im Eisfach seines Kühlschranks davon 570,97 Gramm.

Enrico K. hortete Drogen - und Waffen 

In der Nähe lagen ein Messer mit der Aufschrift „The Best Defense“, ein Elektroschocker, ein Reizstoffsprühgerät, ein Teleskopschlagstock und zwei Schreckschusspistolen, was seine Schuld erheblich beschwerte – und auf die inzwischen gewachsene Brutalität im Handel hindeutet. Die Strafe: drei Jahre und sechs Monate Gefängnis wegen bewaffneten Handels mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge.

Allein für Januar 2022 waren vor dem Landgericht fünf Termine wegen Drogendelikten angesetzt. Am 3. Januar wurde der erste Angeklagte dieses Jahres verurteilt: Ein 44-jähriger Potsdamer muss wegen Drogenhandels, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und unerlaubten Waffenbesitzes fünf Jahre einsitzen.

High sein, frei sein? Längst hat sich das Kiffer-Bonmot der 70er Jahre überlebt, das einst lockere Kiffen ist von einem oft verrohten Miteinander geprägt. Aus erster Hand erfahren die PNN, wie brutal es bisweilen zugeht: „Wer mehr als 10 Gramm bei sich hat, kommt in Gefahr, bedroht oder zusammengeschlagen zu werden. Das Zeug lässt sich ja sofort für 100 Euro verticken.“ Weil manche, auch Schüler, bis zu 300 Euro im Monat für das Kiffen brauchen, kommt es auch zu schweren Straftaten. Der Teleskop-Schlagstock, der mit einem Hieb Knochen brechen kann, gehört bei manchen inzwischen zum Handwerkszeug, ein bloßes Vorzeigen kann Drohkulisse genug sein.

Bei Übergriffen drohen lange Haftstrafen

Im Sommer 2021 etwa sollen zwei jüngere Potsdamer nach PNN-Informationen widerstandslos 100 Gramm Haschisch herausgerückt haben, als sie so von minderjährigen Drogenkonsumenten bedroht wurden. Was den Tätern angeblich nicht bewusst war: Für einen gemeinschaftlichen bewaffneten Raubüberfall mit einem Schlagstock, einem gefährlichen Werkzeug, beträgt die Mindeststrafe für Erwachsene fünf Jahre. Nicht vorbestrafte Jugendliche können mit einigen Dutzend Stunden sozialer Arbeitseinsätze davonkommen. „Naja“, heißt es in der Szene, „der Typ, der abgezogen wurde, kann ja nicht zur Polizei gehen und sagen: mir sind gerade 100 Gramm Haschisch geklaut worden.“

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Die Potsdamer Kripo klärte 2019, vor Corona, rund 1700 Schülerinnen und Schüler bei mehr als 60 Schulbesuchen über Drogen auf. Sind die Jugendlichen zunächst obercool, wenn die Polizei kommt, steigt ihr Interesse laut einer Potsdamer Kriminalhauptkommissarin, „rapide, wenn sie erfahren, dass polizeilich erfasster Drogenkonsum Einfluss auf die spätere Ausstellung eines Führerscheins haben kann“.

Wie Fahnder Indoor-Plantagen entdecken

Immer wieder gewinnen die Beamten neue Einblicke in die Szene. Drogenfahnder berichteten den PNN etwa von einer aufgeflogenen Indoor-Plantage in der Waldstadt. So hatten Nachbarn die Polizei zunächst über einen auffälligen Geruch im Treppenhaus informiert, flugs machten sich Fahnder auf den Weg. Weil sie wissen, dass Marihuana-Plantagen einen horrenden Stromverbrauch haben, notierten sie im Keller den Zählerstand und überprüften ihn nach drei Wochen. Schon hatten sie tatverdächtige Hanfbauern ermittelt. Ihre feinen, erfahrenen Nasen nützten Beamten auch am letzten Januar-Wochenende im Schlaatz. Sie rückten zunächst wegen Ruhestörung zu einer Wohnung in der Straße An der Alten Zauche aus, bemerkten dort den süßlich-würzigen Geruch von Cannabis und ermittelten sogleich ein paar Kiffer.

Noch immer wird in der Szene vom Sommer 2021 geschwärmt: Flashmobs, spontane Verabredungen übers Handy zum Partymachen mit lauter Musik und Drogen an der Schiffbauergasse und auf freistehenden Flächen zwischen Potsdam und Berlin. Der genaue Ort wurde kurz zuvor über die GPS-Koordinaten weitergegeben.

Rechtslage von Land zu Land unterschiedlich

Die Rechtslage können manche jungen Kiffer recht präzise referieren. Sie wissen, dass der Begriff der „geringen Menge“ von Bundesland zu Bundesland verschieden definiert wird. Wer beispielsweise in Berlin bis zu 19 Gramm Cannabis in der Tasche hat, wird nicht strafrechtlich verfolgt, in Brandenburg könne die Staatsanwaltschaft zwar, wie das Justizministerium auf PNN-Anfrage erklärt, „beim Besitz von bis zu 6 Gramm auf Strafverfolgung verzichten“. Das aber geschehe, kritisiert die Landtagsabgeordnete und Strafverteidigerin Maren Block (Linke) „in der Praxis viel zu selten“. Also wird fleißig ermittelt.

Dass sich im Bund die Ampelkoalitionäre von SPD, Grüne und FDP auf die kontrollierte Freigabe von Marihuana geeinigt haben, findet mancher Kiffer „geil, auch wenn Dope trotzdem erst ab 18 Jahre zu kriegen sein wird“. Das Ziel, den Schwarzmarkt auf diese Weise auszuhebeln, werde dabei „völlig verfehlt“. Die Jugendlichen seien auch in Zukunft auf illegale Straßenhändler angewiesen, „da wird sich in Potsdam und anderen Städten überhaupt nichts ändern“.

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