• Drehort: Nachtlicht-Villa Das Haus in Sacrow hat eine bewegte Geschichte

Potsdam : Drehort: Nachtlicht-Villa Das Haus in Sacrow hat eine bewegte Geschichte

Auch wenn sich die Villa nicht wirklich in Berlin-Weißensee befindet und nie als Stasi-Objekt diente, verkörpert sie doch reichlich Geschichte. Statt zum Weißen See führt ein Park an dem Haus in Sacrow zur Havel. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich der ehemals in Westberlin gelegene Schäferberg mit Fernsehturm.

Erster Besitzer der Villa war Julius Perlis, der von 1874 bis 1935 lebte. Der jüdische Bankier aus Berlin beauftragte 1928 einen der damals gefragtesten Architekten Deutschlands: Leo Nachtlicht. Nachtlicht hatte bereits mehrere Villen und Warenhäuser in der Stadt errichtet. Er errang internationale Auszeichnungen und lehrte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zur Zeit des Auftrages für Sacrow nahm gerade das Meisterwerk des jüdischen Architekten seinen Betrieb auf - der Vergnügungstempel Gourmenia-Palast an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Perlis kannte Nachtlicht gut: Der Bankier saß in zahlreichen Aufsichtsräten, deren weitere Mitglieder sich wiederum ihre Villen und Berliner Firmenniederlassungen von dem Stararchitekten bauen ließen.

Die Villa in Sacrow wurde 1929 errichtet. Neben großzügigen Wirtschaftsflächen im Erd- und Untergeschoss entstanden die für die Zeit üblichen repräsentativen Salonräume. Der größte von ihnen weitet sich in eine halbrunde Veranda, die auf eine Terrasse reicht. Clou der heutigen „Fernseh-Villa“ war allerdings ein mehr als 20 Meter langer steinerner Steg, der von der Terrasse im ersten Obergeschoss bis zum Wasser reichte. Im unteren Bereich befand sich das Bootshaus. Das obere Ende des Ganges markierte eine Tee-Terrasse.

Exakt die Hälfte dieses Ganges zum Wasser fehlt inzwischen. Da bis 1990 mitten durch den Garten die Mauer verlief, wurde im Kalten Krieg ein Teil des Bauwerkes abgerissen. Damals war Sacrow Sperrgebiet.

Perlis’ Frau Rosa konnte Anfang 1939 fliehen. Im selben Jahr verkaufte sie die Villa. Die Folgebesitzerin hatte das Haus bis in die 1980er Jahre. Nach dem Krieg wurde das Haus als Kinderheim genutzt. Ab 1960 wurde das „Kinderheim I“ von der Wohnungsverwaltung der Stadt Potsdam verwaltet. Diese Nutzung endete 1997. Seit 2000 stand die Villa leer.

Neuer Besitzer ist der Journalist Markus Peichl, aktuell bekannt als Sprecher der Fluglärmgegner. Gemeinsam mit einem Potsdamer Galeristen will er aus der Villa wieder einen Ort gesellschaftlicher Begegnungen machen. Die Sanierung startet nach Ende der Dreharbeiten. Auch die Wiederherstellung des steinernen Steges und des Parks nach den alten Entwürfen des Landschaftsarchitekten Georg Béla Pniower ist vorgesehen.

Leo Nachtlicht wird unterdessen ebenfalls der Vergessenheit entrissen. Die Wissenschaftlerin Anja Himmelsbach verfasste über die Villa an der Freien Universität Berlin ihre 2010 veröffentlichte Magisterarbeit. Derzeit promoviert sie über Nachtlicht. Der Architekt und seine Frau Anna starben 1942, sie waren auf dem Weg ins Lager. Beide sind mit Bankier Perlis auf dem Jüdischen Friedhof begraben – in Berlin-Weißensee. dapd

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