• Die Nacht von Potsdam: Erinnerungen: Die Bilder gehen nicht fort

Die Nacht von Potsdam : Erinnerungen: Die Bilder gehen nicht fort

Ein Leben lang Gerda Stage war 16. Sie wollte mit einer Freundin ins neue Bergtheater am Brauhausberg. Doch es war ausverkauft. Es sollte das letzte Mal sein

Gerda Stage
Foto: privat

Es sagte einmal ein Papst: Weißt du denn nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird? Man könnte meinen, man lebt immer noch in dieser Zeit. Man begreift es nicht. Nun jährt sich die Nacht von Potsdam am 14. April 2015 zum 70. Mal, und auch ich habe sie erlebt, und dieses Erlebnis ist wie eine treue Bleibe – man wird diese Bilder nicht los, eine Begleitung, ein Leben lang.

Ich wurde dienstverpflichtet in einem Lazarett in Potsdam, und hatte an diesem Samstag einen freien Tag, der sich am frühen Morgen von der schönsten Seite zeigte, mit Sonnenschein.

Abmachung mit der Mutter: Versuch, nach Hause zu kommen

Mit einer Freundin hatte ich einiges unternommen und am Abend hatten wir die Absicht, ins Kino zu gehen, in das neue Bergtheater am Brauhausberg. Aber leider bekamen wir keine Kinokarten mehr, alles ausverkauft. Wir hatten noch ein Weilchen gewartet, falls welche zurückgegeben oder nicht abgeholt werden und wir damit doch noch welche bekommen würden.

Nun ja, wir trödelten dann langsam über die Lange Brücke nach Hause, und mit einem Mal heulten die Sirenen los. Eine Abmachung mit meiner Mutter, mein Vater war ja eingezogen, war: Ganz egal, wo du unterwegs bist, versuche bei Fliegeralarm nach Hause zu kommen.

Meine Freundin und ich rannten los, beide in Richtung Bassinplatz, da wohnten wir. Meiner Mutter schnell geholfen, die immer gepackten Koffer zu nehmen, ich hatte noch zwei kleine Brüder im Kinderwagen, und über die Straße am Bassinplatz, um in den öffentlichen Luftschutzkeller zu kommen. Ein Blick hinauf zum Himmel, da wurden schon die ersten „Weihnachtsbäume“ von den Bombern fallen gelassen, damit steckten sie ihre Ziele ab. Im Keller hatte jeder seinen Sitzplatz. Aber eigenartigerweise war an diesem Abend eine furchtbare Unruhe im Keller. Dann kam unser Luftschutzwart und meinte, draußen sei es taghell, alles abgesteckt mit den Leuchtweihnachtsbomben. Dann werden wir wohl heute dran sein – und schon krachte es.

"Wir hatten nur Angst"

Der Keller bebte, Staub und Kalk wirbelten durch die Luft, man konnte kaum Luft holen. Jeder wollte sich ein nasses Tuch vor Mund und Nase halten, man kam nicht an die Wassereimer heran. Und dann ging auch noch das Licht aus. Kerzen durften der Brandgefahr wegen nicht angezündet werden, mit Taschenlampen hielt sich jeder der Batterien wegen zurück, sie wurden nur ab und an angeschaltet. Das Beben des Kellers, das Schreien der Kinder, nicht nur, auch der Erwachsenen aus Angst.

Ja, wir hatten kein Zeitgefühl, wir hatten nur Angst. Als wir merkten, dass es etwas ruhiger wurde, ging unser Luftschutzwart erneut raus. Er kam sofort zurück und meinte, es krache immer noch, aber vor allem brenne es überall und hier, auf der Straße, vor der Tür, ein großer Bombentrichter. Man wusste auch nicht, ob noch Alarm ist. Geknallt und gebebt hatte es zwar immer noch, aber das schien schon ein bisschen weiter weg. Dann gab es kein Halten mehr. Jeder wollte in seine Wohnung. Dann erst kam die Überraschung bei vielen Familien: Sie hatten keine mehr.

In der Wohnung gab es keine Fenster mehr - nur Löcher

Der Bombentrichter vor dem Haus mit „unserem“ Luftschutzkeller reichte vom Bassinplatz/Ecke Gutenbergstraße bis zur Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Gutenbergstraße. Wir mussten aus dem Keller kommend über Sandberge und Steingerümpel klettern. In unserem Haus und unserer Wohnung waren keine Fenster, selbst keine Rahmen, und Türen mehr vorhanden, nur Löcher. Ein Flügel der großen schweren Haustür lag auf der Straße im Bombentrichter, der andere im Hausflur über einer nicht gezündeten Phosphorbombe.

Es war ein Glück ein Blindgänger. Langsam belebten sich die Straßen, jeder versuchte nach seinen Angehörigen zu sehen, um helfen zu können. Dann kam die Anordnung, erst in der Stadt zu helfen, den Verschütteten, den Verletzten, den Kindern, die ihre Mama suchten, die fürchterlich weinten, auch Erwachsenen, die keine Bleibe mehr hatten. Dieses Chaos kann man gar nicht wiedergeben, wenn man es nicht selbst erlebt hätte. Etwas später kamen über Lautsprecher Informationen, aber es nutzte nicht viel. Gegen Mittag des Folgetags ging ich zu meiner Arbeitsstelle ins Lazarett, aber wir wurden bis Montagfrüh freigestellt. Das Kino, in das ich mit meiner Freundin wollte, war komplett ausgebombt, die Gäste kamen um.

 

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