• Die Lage am Sonntag: Potsdam rechnet mit deutlich mehr Corona-Fällen

Die Lage am Sonntag : Potsdam rechnet mit deutlich mehr Corona-Fällen

Stadt plant Schließung von Clubs und Kneipen. Oberbürgermeister will Ausweich-Partys von Berlinern verhindern - und kritisiert Betreiber von "Clärchens Tanzcafé" scharf.

Die Brandenburger Straße am Sonntagnachmittag.
Die Brandenburger Straße am Sonntagnachmittag.Foto: Andreas Klaer

Die Lage in Potsdam ist angesichts der Ausbreitung des Coronavirus zunehmend angespannt. Es gebe eine rasant ansteigende Zahl von Kontaktpersonen ersten Grades, sagte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) bei einer Pressekonferenz des Krisenstabs am Sonntag.
Stand Samstagabend befanden sich in Potsdam 85 Menschen, die direkten Kontakt zu Infizierten hatten, in der häuslichen Isolation, sagte Amtsärztin Kristina Böhm. Diese Zahl werde in den nächsten Tagen exponentiell ansteigen und dreistellig werden, so Böhm weiter. Damit einhergehen werde auch ein deutlicher Anstieg der Zahl der an Covid-19 Erkrankten in der Landeshauptstadt. Einige der Kontaktpersonen zeigten bereits Symptome und seien getestet worden; sie erwarte die Testergebnisse zeitnah zurück.

64-Jähriger Potsdamer ist infiziert

Am Samstag war der erste Covid-19-Fall in Potsdam gemeldet worden. Die infizierte Person ist ein 64-jähriger Mann aus Potsdam. Er sei vom Hausarzt krank geschrieben worden und daher in den vergangenen Tagen zu Hause gewesen. Als die Symptome sich verstärkten, habe der Hausarzt den Coronatest gemacht, sagte Amtsärztin Böhm. Derzeit gehe es dem Mann gut, er sei zu Hause in Quarantäne. Die Nachforschungen, wo der Potsdamer sich angesteckt haben könnte, liefen derzeit, Kontaktpersonen würden ermittelt. Zudem meldete die Filmuniversität Babelsberg am Wochenende einen Coronafall unter den Hochschulangehörigen.

Pressekonferenz am Sonntag mit Amtsärztin Kristina Böhm, Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) und Bildungsbeigeordneter Noosha Aubel (parteilos, v.l.)
Pressekonferenz am Sonntag mit Amtsärztin Kristina Böhm, Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) und Bildungsbeigeordneter Noosha...Foto: Sabine Schicketanz


Angesichts der Zuspitzung der Lage in Potsdam forderte Oberbürgermeister Schubert die Landesregierung auf, einen „klaren rechtlichen Rahmen“ zu schaffen, der besonders für das Berliner Umland nötig sei. Denn nachdem am Samstagabend in Berlin auf Beschluss des Senats Clubs und Kneipen geschlossen worden waren, machten sich einige offenbar zum Feiern auf nach Brandenburg.

Schubert machte klar, dass er ein ebenso rigides Vorgehen wie in Berlin auch in Potsdam für angemessen halte: „Wir sollten nicht zum Ausweichort für Feiern werden.“ Die Stadt arbeite derzeit an einer entsprechenden Allgemeinverfügung, sagte er am Sonntag.

Nach PNN-Informationen sollen somit wie in Berlin Clubs und Kneipen geschlossen werden, vermutlich auch Kinos und Spielbanken, auf jeden Fall Fitnessstudios und andere private Sportanlagen. Außerdem müssen laut der Verordnung in Restaurants 1,5 Meter Abstand zwischen den Gästen eingehalten werden. In Berliner Krankenhäusern herrscht zudem Besuchsverbot außer für Personen unter 16 Jahren und Schwerstkranke. Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen dürfen nicht stattfinden. Bei Veranstaltungen mit weniger als 50 Teilnehmenden muss eine Anwesenheitsliste mit Namen und Adressen und Telefonnummern geführt werden.

Clubbetreiber sagten bislang Partys ab

Derzeit müssen in Potsdam alle Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen bei der Stadt angemeldet werden. Bislang ist keine solche Veranstaltung genehmigt worden. Oberbürgermeister Schubert dankte den Clubbetreibern der Stadt dafür, dass sich fast alle verantwortlich verhalten und ihre Partys abgesagt hätten.

"Clärchen's Tanzcafé" in Babelsberg.
"Clärchen's Tanzcafé" in Babelsberg.Foto: Andreas Klaer


Es habe jedoch eine Abweichung gegeben, die nun drastisch geahndet werde. So habe der Betreiber von „Clärchens Tanzcafé“ in Babelsberg eine Party veranstaltet und diese nicht bei der Stadt angemeldet. Dort kam nach Aussagen der Beigeordneten Brigitte Meier (SPD) am Samstagabend gegen 21.30 Uhr die Polizei zum Einsatz. Sie habe den Bescheid laut Allgemeinverfügung zugestellt, wonach die Veranstaltung mit mehr als 100 Menschen nicht genehmigt sei. Der Club habe aber nicht geschlossen werden können, da dort weniger als 50 Menschen feierten. Das taten sie am Samstagabend dann auch weiterhin. Schubert sagte: „Ich habe für solches Agieren in diesen Zeiten kein Verständnis.“ Es sei klar, dass Tanzen zu gefährlicher Nähe führe – das zeige auch die Zahl der Infizierten aus Berliner Clubs.

Dicht an dicht saßen Potsdamer am Sonntag in Restaurants.
Dicht an dicht saßen Potsdamer am Sonntag in Restaurants.Foto: Andreas Klaer

Gleiches gelte für die Gastronomie, so der Oberbürgermeister. Er sei selbst am Samstagabend durch Potsdam gegangen und habe viele Restaurants gesehen, in denen die Menschen dicht an dicht saßen. „Das ist eine Diskussion, die wir führen müssen“, sagte er. Schubert appellierte an die Gastronomen in Potsdam, nicht zu glauben, dass das Virus an der Berliner Stadtgrenze Halt mache. 

Was passiert mit dem Dinodschungel?

Fraglich ist, was in Potsdam mit Einrichtungen wie dem Indoor-Spielplatz Dinodschungel oder dem Stern-Center geschieht. Das Ordnungsamt kontrollierte den Dinodschungel am Sonntagmittag. Dort hätten sich laut Betreiber jedoch weniger als 50 Menschen aufgehalten, daher bleibe geöffnet, hieß es. Das Ordnungsamt kontrollierte ebenfalls den Gottesdienst der Russisch-Orthodoxen Gemeinde auf dem Kapellenberg am Pfingstberg. Auch dort kamen zahlreiche Menschen zusammen.

Die Evangelische Kirche hat ihre Gottesdienste in Potsdam mittlerweile komplett abgesagt, die Katholische Gemeinde St. Peter und Paul bot am Sonntag einen Livestream des Gottesdienstes von Probst Arnd Franke an.

Stadt richtet Corona-Hotline ein

Oberbürgermeister Schubert kündigte an, die Stadtverwaltung werde im Laufe der Woche nun doch eine Corona-Telefonhotline einrichten. Hintergrund sei, dass die Zahl der Verfügungen der Stadt steige. Daher sollen über die Hotline nicht nur medizinische, sondern auch organisatorische Fragen beantwortet werden können.

Keine Zusagen konnte die Stadt bei Hilfen für die von der Coronakrise betroffenen Unternehmer, Clubbetreiber oder Kulturveranstalter sowie Eltern mit Verdienstausfällen machen. Potsdam tue bereits, was möglich sei, doch eine Kommune könne die Folgen nicht allein schultern, sagte Schubert. Er forderte Land und Bund auf, zügig Varianten vorzulegen, wie mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise umgegangen wird. Berlin legte beispielsweise einen Liquiditätsfonds für Clubbetreiber auf.

Beigeordnete Meier sagte, Freiberufler und andere Berufsgruppen, die wegen Corona in Existenznöte gerieten, könnten sich jederzeit an die Leistungsgewährung des Jobcenters in Potsdam wenden. Dieses bleibe weiterhin geöffnet und gewähre Hilfen.

Wem Quarantäne angeordnet wurde, der erhält laut Amtsärztin Böhm eine Verdienstausfall-Zahlung nach Infektionsschutzgesetz. Diese müsse über das Land beantragt werden.

Klinikum "Ernst von Bergmann" in Potsdam.
Klinikum "Ernst von Bergmann" in Potsdam.Foto: Sebastian Rost


Eine gute Nachricht gab es aus dem Klinikum „Ernst von Bergmann“. Es teilte mit, dass der erste Coronapatient dort, ein 64-Jähriger aus Teltow-Fläming, am Samstag nach gut einer Woche Isolation und Behandlung entlassen werden konnte. Das Virus sei bei ihm nicht mehr festzustellen. Auch dem zweijährigen Corona-infizierten Kind aus Berlin, das mit Lungenentzündung auf der Kinderstation behandelt wird, gehe es immer besser.

Problematik Urlaubsrückkehrer

Sorgen macht dem Krisenstab der Umgang mit Urlaubsrückkehrern besonders beim Klinikpersonal und in der Verwaltung. Diese Menschen müssten, so sie aus Risikogebieten zurückkehren, 14 Tage in die häusliche Quarantäne. Dies gelte es jedoch zu vermeiden, damit das Personal nicht knapp werde. Angesichts der drastisch steigenden Zahl der Corona-Kontaktpersonen sei die Lage im Potsdamer Gesundheitsamt bereits angespannt. Viele Dienste könne man nicht mehr anbieten, sagte Amtsärztin Böhm. Nur die Schuleingangsuntersuchungen würden weiter durchgeführt, weil sonst die neuen Erstklässler nicht an den Schulen gemeldet werden könnten.

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