• „Der Schüleraustausch ist vorbereitungsintensiv“

Potsdam : „Der Schüleraustausch ist vorbereitungsintensiv“

Immer mehr junge Leute zieht es ins Ausland, sagt Christian Rhode von der Initiative Auslandszeit. Die Zahl der Möglichkeiten wächst – vom Schüleraustausch bis hin zum Englischunterrichten in chinesischen Kindergärten

Foto: Initiative Auslandszeit

Teilen Sie die Einschätzung, dass immer mehr junge Leute bereits während oder direkt nach der Schule ins Ausland gehen?

Definitiv! Der Schüleraustausch hat in den letzten Jahren stark zugenommen. In einigen Bundesländern hat allerdings die G8, also die Einführung des Abiturs nach Klasse 12 die Mobilität der Jugendlichen stark ausgebremst. Dort verschieben die Schüler ihren Auslandsaufenthalt lieber auf die Zeit nach der Schule. Diesen Eindruck gewinnen wir durch die tägliche Arbeit, bei der wir viel Kontakt zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben. Auch die verschiedenen Veranstalter, mit denen wir zusammenarbeiten, bestätigen uns diesen Trend.

Wie erklären Sie sich das? Sind die Schüler heutzutage früher reif für einen Schüleraustausch?

Sicherlich hat das auch damit zu tun. Aber vor allem mit der Tatsache, dass das Thema „Auslandsaufenthalt“ bei den jungen Leuten in den letzten Jahren generell mehr auf die Agenda gerückt ist. Entsprechend mehr Angebote gibt es, und diese haben sich auch viel stärker ausdifferenziert.

Inwiefern?

Früher gab es lediglich die Möglichkeit, als Au-pair oder mit dem Schüleraustausch ins Ausland zu gehen. Heute gibt es verstärkt „Work and Travel“, bei dem man Reisen mit Arbeiten vor Ort verbindet, Volunteering-Programme, also Freiwilligendienste, Demi au-pair mit mehr Zeit für einen Sprachkurs, aber auch „farm travel“ oder „teach travel“, vor allem in China und Thailand, wo man für Kindergartenkinder Englischunterricht gibt.

Gibt es einen Trend in den letzten Jahren zu beobachten, welche Länder die Schüler wählen? Sind die USA immer noch an erster Stelle?

Die USA sind nach wie vor eines der beliebtesten Ziele, aber aufgrund der recht komplexen Visa-Regularien in Sachen Auslandsaufenthalt nicht für jedermann umsetzbar. Sehr beliebte Länder sind auch Australien, Neuseeland und Kanada, vor allem im Sinne von Work and Travel, also Jobben und Reisen.

Das ist aber erst ab 18 möglich, oder?

Ja. Für alle, die noch nicht volljährig sind, beschränken sich die Möglichkeiten für einen Auslandsaufenthalt ja vor allem auf den Schüleraustausch oder eine Schülersprachreise. Darüber hinaus wächst die Nachfrage in Sachen Freiwilligenarbeit im Ausland, und es gibt auch immer mehr Programme und Projekte, an denen man schon mit 17 oder sogar 16 Jahren teilnehmen kann. Insbesondere hier kommen natürlich auch „exotischere“ Ziele wie zum Beispiel Nepal, Thailand, Ecuador, Bolivien, aber vor allem auch Ziele in Afrika infrage, Ghana zum Beispiel.

Ghana?

Ghana ist mittlerweile unter den Top-Five-Reiseländern in Afrika, weil es mit das sicherste Land ist. Die Freiwilligenarbeit ist dort sehr verbreitet, vor allem im Bildungs- und im medizinischen Bereich. Bei Jugendlichen, die ein Studium der Pädagogik oder der Medizin anstreben, ist Ghana sehr beliebt, da die Aufenthalte als Praktika anerkannt werden.

Das heißt aber auch, die meisten Schüler oder angehenden Studenten zieht es nach wie vor in ein englischsprachiges Land.

Englischsprachige Länder, oder solche, in denen man mit Englisch gut zurechtkommt, sind definitiv immer noch mit großem Abstand führend bei den Auslandsinteressierten, unabhängig von der Art des Aufenthalts.

Zurück zum Schüleraustausch: Viele Anbieter empfehlen den Eltern, ihre Kinder während des Jahres im Ausland nicht zu besuchen. Finden Sie diese Regel sinnvoll?

Beim Auslandsaufenthalt, vor allem beim Schüleraustauch, geht es ja unter anderem darum, Selbstständigkeit zu erlangen. Durch zu viel Kontakt nach Hause, oder sogar durch einen Besuch der Eltern, könnte diese Entwicklung gestört werden, möglicherweise käme es auch zu einem Konflikt mit der Gastfamilie – was auch schon häufiger vorgekommen ist. Auch aus diesem Grund raten die meisten Schüleraustausch-Organisationen richtigerweise dringend Eltern davon ab, den Schützling während seines Austauschjahres zu besuchen.

Der Loslösungsprozess zwischen Kindern und Eltern ist sicherlich die größte Herausforderung für beide. Wie kann er Ihrer Meinung nach am besten gelingen?

Ich denke, dass man diese Frage nicht so allgemein beantworten kann, weil sich die Situation in jeder Familie ganz anders darstellt – abhängig von den einzelnen Charakteren, der Erziehung und der gesamten Familiensituation. In jedem Fall ist es wichtig, sich möglichst lange vor einem Auslandsaufenthalt intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, darüber zu sprechen und sich auch als Familie beraten zu lassen.

Oft wird es ja erst schwierig, wenn die Kinder wiederkommen.

Auch dies ist sicherlich sehr unterschiedlich. Natürlich kann es zu Problemen kommen, weil sich das Kind verändert hat, oder man sich nach der langen Zeit wieder aneinander gewöhnen muss. Aber es kann sich im Gegenteil auch viel positiv verändert haben, weil sich das Kind weiterentwickelt hat.

Was spricht Ihrer Meinung nach dafür, erst nach der Schule ins Ausland zu gehen?

Diese Option würde ich immer dann ziehen, wenn sich nach intensiven Gesprächen herausstellt, dass der Sohn oder die Tochter noch nicht so weit ist, für einen längerfristigen Aufenthalt ins Ausland zu gehen. Außerdem ist es auch eine Geldfrage. Als Schüler ein Jahr im Ausland zu verbringen, kostet die Familie meist mehrere Tausend Euro.

Wenn man sich trotzdem dafür entscheidet, was ist bei der Vorbereitung eines solchen Schüleraustauschs zu beachten?

Der Schüleraustausch ist sicherlich die vorbereitungsintensivste Form des Auslandsaufenthalts. Das ist so, weil die jungen Leute eben noch nicht volljährig sind, und weil sie wahrscheinlich zum ersten Mal für längere Zeit allein im Ausland sein werden. Dementsprechend sollte man sich sehr frühzeitig mit dem Thema beschäftigen, und sich sehr intensiv beraten lassen, von den Austausch-Organisationen und möglicherweise auch von unabhängigen Beratern. Seriöse Anbieter nehmen sich Zeit für die Beratung und binden die Eltern intensiv in den Bewerbungs- und Anmeldeprozess mit ein. Zu Schwierigkeiten kann es natürlich immer kommen, vor allem auch nach der Abreise des Sohnes oder der Tochter. Zum Beispiel gibt es Probleme mit der Gastfamilie oder Heimweh. Hier ist es wichtig, Ruhe zu bewahren, miteinander zu reden und auf die Unterstützung der Austauschorganisation zurückzugreifen und im zweifelsfall auch darauf zu bestehen.

Das Internet wimmelt von Angeboten und Anbietern - wie soll man da das Passende finden?

Auch hier gilt die Regel, sich frühzeitig und intensiv zu informieren. Und zwar nicht nur über das Internet, sondern auch über Anrufe und Besuche bei verschiedenen Organisationen, oder auch bei einem unabhängigen Beratungsservice. Es gibt auch spezielle Messen und Infotage, wie zum Beispiel die Jugendbildungsmesse „Jubi“, die jährlich in über 20 Städten Deutschlands genau zu diesem Thema Beratung sowie ersten Kontakt zu Organisationen anbietet.

 Die Fragen stellte Grit Weirauch

Christian Rhode, 37,ist Kommunikationswissenschaftler und arbeitet seit 2008 für die „Initiative Auslandszeit“ - ein Zusammenschluss von verschiedenen Fachportalen zum Thema Auslandsaufenthalt

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