• Potsdamer Bergmann-Klinikum nahe der Belastungsgrenze

Corona-Lage in Potsdam : Bergmann-Klinikum nahe der Belastungsgrenze

Leiter der Intensivstation befürchtet Überfüllung des Krankenhauses. Bislang 13 schwere Covid-Fälle bei unter 60-Jährigen. Infizierte Schwangere bringen vier gesunde Babys zur Welt.

Christian Müller
Das Klinikum "Ernst von Bergmann"
Das Klinikum "Ernst von Bergmann"Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Das kommunale Bergmann-Klinikum muss bislang keinen Corona-Notstand ausrufen. Trotz der in Potsdam und Brandenburg anhaltend hohen Zahl von Corona-Neuinfektionen sieht das Klinikum die Versorgung von Covid-19-Patienten weiterhin als gesichert an. Auch eine kurzfristige Aufstockung der Intensivbetten sei nicht notwendig, sagte Bergmann-Sprecherin Damaris Hunsmann am Montag auf PNN-Anfrage. Angaben des Klinikums vom Sonntag hatten hingegen kurzzeitig für Unruhe gesorgt. Das Bergmann hatte 15 Corona-Patienten auf der Intensivstation vermeldet – dort stehen aktuell allerdings nur 16 Intensivbetten samt Beatmungsgeräten zur Verfügung.

"Nur Momentaufnahmen"

Die Zahlen zur Belegung der Covid-Intensivstation seien immer "nur Momentaufnahmen", betonte Hunsmann. So könnten Patienten schnell wieder auf die Normalstation verlegt werden – so seien am Montag gegen 12.30 Uhr elf Patienten an Beatmungsgeräten behandelt worden. Das Klinikum könne die Kapazitäten aber auch kurzfristig auf 24 Beatmungsplätze erweitern, so die Sprecherin. Ingesamt verfüge das Klinikum über 63 Beatmungsgeräte in der Erwachsenenmedizin und und 22 in der hiesigen Kinderklinik, dazu kämen Transport- und Reservebeatmungsgeräte, hieß es weiter.

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Viele Pfleger für Covid-Patienten nötig

Die Versorgung der schwer erkrankten Covid-Patienten ist aufwendig. Für Intensivpatienten gelte laut Sprecherin Hunsmann ein Betreuungsschlüssel von einem Mitarbeiter für 2,5 beziehungsweise 3,5 Erkrankte am Tag und in der Nacht. Bei Corona-Normalpatienten liege dieser Schlüssel bei einer Pflegekraft für sechs Infizierte, üblich auf anderen Stationen sei ein Schlüssel von einem Pfleger für zehn bis zwölf Personen. Intensivpatienten würden im Schnitt sieben bis zehn Tage beatmet und müssten dann von der Beatmung entwöhnt werden. Dadurch verlängere sich die Beatmungszeit für viele Covid-Intensivpatienten sehr. Klinikum-Chef Hans-Ulrich Schmidt erklärte, angesichts des gestiegenen Pflegeaufwands werde seit Ende Oktober „gut jede zweite verschiebbare Operation umgeplant“, das betreffe beispielsweise nicht dringliche Operationen am Knie oder im Bereich Augenheilkunde sowie Schönheits-OPs. Die Versorgung von Krebspatienten und Notfallpatienten sei aber gewährleistet.

Auf dem Bassinplatz ist für die Zeit der Krise ein Parkplatz für Bergmann-Mitarbeiter eingerichtet worden.
Auf dem Bassinplatz ist für die Zeit der Krise ein Parkplatz für Bergmann-Mitarbeiter eingerichtet worden.Foto: Ottmar Winter

CNN sprach mit leitenden Mitarbeitern des Hauses

Am Sonntag hatte der US-Fernsehsender CNN in einem Beitrag über die Coronalage in Deutschland mehrere Mitarbeiter des Potsdam Klinikums zu Wort kommen lassen. Dabei sagte Michael Oppert, Leiter der Intensivstation: „Wir haben eine Kapazität für ein paar weitere Patienten, aber wenn dies mit der Geschwindigkeit weitergeht, die wir gerade erleben, würde ich mir vorstellen, dass sogar unser Krankenhaus mit über 1000 Betten zu einem Punkt kommen wird, an dem wir Patienten nach Hause oder besser: in andere Krankenhäuser senden müssen.“ Bettina Schade, Oberschwester auf der Covid-Station, erklärte: „Natürlich haben wir alle die Angst, dass wir es vielleicht irgendwann nicht mehr schaffen und eine Situation wie in Italien haben könnten, in der Patienten draußen in Autos sitzen, weil sie mit Sauerstoff behandelt werden.“ Viele viele Patienten müssten von der normalen Covid-Station sehr schnell auf die Intensivstation gebracht werden, weil sich ihr Zustand sehr schnell verschlechtere. Dies gelte auch für viele jüngere Patienten mit schweren Symptomen, sagte in dem Beitrag Tillman Schumacher, Leitender Arzt für Infektionskrankheiten. „Wir haben hier Patienten im Alter von 30 oder 40 Jahren, die beatmet werden, und ich bin mir nicht sicher, ob sie überleben werden.“ Hunsmann sagte, die Aussagen „geben die subjektiven Meinungen der Pflegekräfte und Ärzte wieder“ und seien im Gesamtkontext des Beitrags zu sehen. Seit Oktober seien 52 Corona-Patienten unter 60 Jahren verorgt worden, davon 13 als schwere Fälle.

Enge Zusammenarbeit mit Klinik in Bad Belzig

Um in Potsdam Beatmungsplätze frei zu halten, werden langzeitbeatmete Corona-Patienten, die keine intensivmedizinische Versorgung mehr benötigen, in die Klinik Bad Belzig verlegt, erklärte das Klinikum. Dort gebe es ein hochspezialisiertes Lungenzentrum mit 27 Betten, sechs davon für Covid-Patienten. „Sollte sich dieser Bedarf erhöhen, könnten – mit entsprechendem Vorlauf – zusätzliche Übernahmekapazitäten geschaffen werden“, so die Sprecherin.

Nach PNN-Informationen rund 40 infizierte Mitarbeiter seit Oktober

Keine Angaben machte der kommunale Bergmann-Konzern aus „Daten- und Mitarbeiterschutzgründen“ darüber, wie viele infizierte Mitarbeiter das Klinikum mit Hilfe seiner Teststrategie seit Oktober identifizieren konnte – nach PNN-Informationen sollen es rund 40 sein. Hunsmann betonte aber, es gebe keine gehäuften oder nosokomialen Infektionen, also Ausbrüche innerhalb des Klinikums.

Überlastung in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe?

Ebenso keine Auskünfte gab das Klinikum zu einer PNN-Frage nach dem Stand der Überlastungsanzeigen in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Dort gibt es eine besondere Lage: Auch coronainfizierte Schwangere werden dort betreut, bisher haben vier infizierte Frauen ihre Kinder im Bergmann gesund zur Welt gebracht. Die an Covid-19 erkrankten Frauen seien auf der normalen Entbindungsstation in einem „gesondert abgegrenzten Bereich unter den identischen Hygienevorkehrungen wie im Covid-Bereich“ untergebracht, teilte das Klinikum mit. Das sei besonderen medizinische Erfordernissen geschuldet: „Im Notfall ist eine absolute Kreißsaalnähe notwendig.“ Wären die Frauen auf der Corona-Station untergebracht, müssten sie zum Beispiel für einen Kaiserschnitt weit durch das Klinikum transportiert werden.

Corona-Hinweisschilder am Bergmann-Klinikum
Corona-Hinweisschilder am Bergmann-KlinikumFoto: Ottmar Winter

Allerdings bedeutet das für Ärzte und Pflegepersonal zusätzliche und zeitaufwendige Hygienevorkehrungen, bevor die Zimmer mit den infizierten Schwangeren betreten werden können. Das Klinikum dementierte nicht, dass das gleiche Pflegepersonal, das die „normalen“ Schwangeren betreut, auch die infizierten Frauen versorgt. Es bestehe laut Hunsmann die Möglichkeit, „dass Mitarbeiter der Klinik für Geburtshilfe die Betreuung von Covid-19-Schwangeren ablehnen“. Im gesamten Haus erfolge die Behandlung von Corona-Patienten freiwillig. Generell sei die Gynäkologie derzeit nur reduziert belegt, weswegen die Zahl der Pflegekräfte nicht aufgestockt werde. Chefärztin der Klinik für Gynäkologie ist Dorothea Fischer, die auch der derzeit beurlaubten Bergmann-Geschäftsführung angehört.

Ermittlungen laufen

In der ersten Coronawelle hatte es einen schweren Ausbruch in dem Haus gegeben, 47 Patienten waren gestorben – die meisten davon waren nicht wegen einer Corona-Infektion, sondern mit einer anderen Diagnose ins Krankenhaus gekommen. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen drei leitende Mediziner und die beurlaubte Doppelspitze. Interimsweise wurde von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) eine neue Führung installiert.

Die Covid-Station im Potsdamer Klinikum, hier eine Aufnahme aus dem Mai
Die Covid-Station im Potsdamer Klinikum, hier eine Aufnahme aus dem MaiFoto: Andreas Klaer

HINTERGRUND: Fünfter Todesfall in Seniorenzentrum

Unterdessen kämpft auch das Vitanas Seniorenzentrum am Volkspark weiter mit einem Corona-Ausbruch. Am Montag musste Einrichtungsleiterin Becky Fischer-Liebe den mittlerweile fünften Todesfall bestätigen. Weitere 22 Bewohner, die in einem eigenen Bereich des Hauses isoliert sind, sind mit dem Virus infiziert, wie sie den PNN sagte. Der Ausbruch war vor mehr als zwei Wochen bekannt geworden, mehr als 40 Bewohner und Mitarbeiter hatten sich infiziert. Zunächst hatte die Heimleitung von symptomfreien Verläufen gesprochen. Seit Beginn der Pandemie kamen in Potsdam nun 55 Menschen an oder mit Covid-19 ums Leben.

Weitere Infektionen an Schulen

Zugleich bleibt auch die Zahl der neuen Infektionen in der Stadt auf hohem Niveau. Am Montagmorgen meldete das Gesundheitsamt 20 neue Infektionen. Damit ist auch die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz auf 107,6 Fälle pro 100.000 Einwohner leicht gestiegen, liegt aber noch unter dem Landesschnitt von mehr als 120. Insgesamt 810 Potsdamer befinden sich als Kontaktpersonen der Kategorie I in häuslicher Quarantäne – 19 mehr als am Sonntag. Unter den am Montag gemeldeten Fällen waren laut Rathaus auch zwei Ansteckungen in zwei Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge. Ferner wurden weitere Corona-Fälle an Potsdamer Schulen bekannt: Betroffen waren das das private Schiller-Gymnasium in Drewitz, die Gesamtschule am Schilfhof im Stadtteil Am Schlaatz und das Filmgymnasium in Babelsberg. Auch vergangenen Woche waren schon mehrfach Fälle an Schulen bekannt geworden, etwa drei infizierte Schüler an der Elite-Schule des Sports am Luftschiffhafen. Nach PNN-Informationen soll es dort auch weitere Verdachtsfälle in anderen Klassen geben, dutzende Schüler sind deswegen in Quarantäne. In einem aktuellen Elternbrief wurde zudem informiert, dass gegen eine weitere Verbreitung des Virus in der Schulmensa nun von Selbstbedienung auf Tellerausgabe umgestellt werde, also Salatbuffet und Dessertbuffet geschlossen seien.

Kontrollen des Ordnungsamts

Gegen die steigenden Infektionszahlen setzt die Stadt auch weiter auf Kontrollen: Bei einer gemeinsamen Streife haben Polizei und Ordnungsamt der Landeshauptstadt bereits am vergangenen Freitag 16 Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen festgestellt. „Überwiegend ging es um das Nichteinhalten der Maskenpflicht rund um den Potsdamer Hauptbahnhof“, teilte die Stadt am Montag mit. Es wurden 16 Ordnungswidrigkeitenverfahren ausgelöst. Insgesamt sprach eine Stadtsprecherin aber von einer ruhigen Lage. (mit cmü)

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