Potsdam : Aus Jugendsünde gelernt

Ein ehemaliges Mitglied der DVU arbeitet für die Naumann-Stiftung in Potsdam – das ist so gewollt

Michael Erbach
Foto: privat

Bei der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Sitz in Babelsberg arbeitet ein ehemaliges Mitglied der DVU. Jeden Tag pendelt der 26-jährige Martin Hoeck zwischen seinem Wohnort Eberswalde und dem Sitz der Stiftung am Griebnitzsee. Seit 15. Dezember 2010 ist er als Sachbearbeiter bei der FDP-nahen Stiftung tätig. Die Aufgaben des Ex-DVU-Manns: Organisation von Veranstaltungen, unter anderem gegen Rassismus, für Toleranz und interkulturelle Verständigung oder zu Themen der Kommunalpolitik. Das ist gewollt.

Hoeck hat eine für sein Alter bereits lange politische Karriere hinter sich, die in der rechtsextremen DVU ihren Anfang nahm. Hoeck dazu heute: „Ich war von 2001 bis 2005 leider Mitglied der DVU gewesen. Mitglied geworden bin ich aus Protest gegenüber den anderen Parteien. Nach der Kommunalwahl 2003 habe ich gemerkt, dass mich Politik so sehr interessiert, dass ich mich engagieren wollte. So habe ich mich 2004 sogar für die Landtagswahl aufstellen lassen.“

Beinahe hätte Hoeck es 2004 sogar bis in den Potsdamer Landtag geschafft. Doch 2005 kam es zum Bruch mit der Partei. Hoeck: „Ich bemerkte die undemokratischen innerparteilichen Strukturen und die fehlende Basisdemokratie. Außerdem stimmte ich mit den Zielen der Partei bei Weitem nicht mehr überein.“ Seinen Austritt ließ er sich bestätigen, der Bundesvorstand der DVU teilte ihm schriftlich mit, dass er ohnehin nicht länger Mitglied der Partei geblieben wäre.

Nach seiner „Jugendsünde“ wollte der Student der Rechtswissenschaften an den Universitäten Potsdam und Zürich weiter – aber anders – politisch aktiv sein. Doch die Vergangenheit holte ihn immer wieder ein. Wie Hoeck berichtet, sei er, als er sich bei der CDU und unabhängigen Bürgerbewegungen engagieren wollte, auf Ablehnung gestoßen – ein ehemaliger DVU-Mann war nicht willkommen.

„Demokratische Parteien reichen doch Menschen, die einmal einen Fehler gemacht haben und den Weg zurück in die politische Mitte suchen, die Hand. Darin liegt ihre große Stärke“, sagt Hoeck und macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Auch an der Potsdamer Universität wird ihm seine politische Vergangenheit zum Verhängnis. 2006 wird er zunächst als Spitzenkandidat auf der CDU-nahen RCDS-Liste für das Studentenparlament aufgestellt, doch als seine Ex-DVU-Kandidatur ruchbar wird, fliegt er von der Liste.

Hoeck reagiert: „Diese Rückschläge haben mir gezeigt, dass ich mit meiner Vergangenheit offener umgehen muss.“ Er macht auf seiner Homepage im Internet nunmehr kein Geheimnis mehr aus einer Vergangenheit: Wer wissen will, dass er einmal in der DVU war, der kann es nachlesen. Und erfährt zugleich, wie der junge Mann inzwischen politisch aktiv ist. Seit Oktober 2007 ist er Mitglied der FDP, er sitzt in der Stadtverordnetenversammlung von Eberswalde, ist unter anderem Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Jugend und Sport. 2009 arbeitete er für den FPD-Landtagsabgeordneten Gregor Beyer, seit Dezember 2010 ist er nunmehr Mitarbeiter der Naumann-Stiftung.

„Seine DVU-Vergangenheit lag zum Zeitpunkt des Vorstellungsgesprächs schon Jahre zurück, er ging und geht damit offen um“, sagt Lars André Richter, ein Sprecher der Stiftung. „Hoeck muss nach jahrelangem politischen Engagement in der FDP niemandem mehr beweisen, dass er ein Demokrat ist. Im Gegenteil: Für die Aufklärungsarbeit der Stiftung gegen Rechtsextremismus ist er als jemand, der den Mut zur Umkehr aufgebracht hat, sehr hilfreich.“

Zu den nächsten Aufgaben von Hoeck gehört die Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen, so zum Thema „Mit Recht gegen Rechts“. Dabei soll und will Hoeck seine Vergangenheit als Mann der DVU mit ins Spiel bringen. „Das ist so abgesprochen, das will ich auch“, sagt Martin Hoeck. Er wolle damit ein Beispiel für andere geben, aus Fehlern zu lernen und zeigen, dass es einen Weg zurück in die demokratische Gesellschaft geben kann.

Die Jugendorganisation der brandenburgischen Liberalen, die Julis, sehen das aber offenbar anders. Der Antrag Hoecks auf Aufnahme in die Jungen Liberalen Brandenburgs wurde 2009 gleich zweimal abgelehnt – „ohne Begründung“, wie Hoeck sagt.

Der neu gewählte Juli-Vorsitzende, Kevin Lücke, kennt den Vorgang, erklärt aber, dass er zu dieser Zeit noch nicht im Landesverband tätig gewesen sei. Lücke: „Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Jeder hat eine zweite Chance verdient.“Michael Erbach

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