• Auf gute Nachbarschaft: Bornstedt feiert das Zusammenleben im Kiez

Auf gute Nachbarschaft : Bornstedt feiert das Zusammenleben im Kiez

Die zweite Auflage des Bornstedt Open Air brachte am Samstag die Bewohner des Stadtteils zusammen. Das Festival soll die Nachbarschaft stärken.

Sabrina Lösch
Die russische Speed Folk-Band Zhetva spielte am Abend auf der Bühne neben der David-Gilly-Straße.
Die russische Speed Folk-Band Zhetva spielte am Abend auf der Bühne neben der David-Gilly-Straße.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Kinder, die über die Wiese toben, Live-Musik und Stadtteilbewohner, die einen Anlass zum Kennenlernen haben: Das zweite Bornstedt Open Air am Samstag hat für Leben im sonst eher ruhigen Stadtteil gesorgt. Bereits am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, herrscht ein buntes Treiben auf dem kleinen Platz an der Kreuzung David-Gilly-/Erwin-Barth-Straße, hinter dem Penny-Markt. Jugendliche und Erwachsene, Familien und Senioren lauschen den Klängen von zeitgenössischem Folk, das die skandinavische Band Hälm aus einem Zusammenspiel von Geigen und Kontrabass formt. Bis 22 Uhr feiern die Bornstedter.

Der Verein Stadtrandelfen hat das Fest gemeinsam mit der Stadtteilkoordination Bornstedt organisiert. Das Open Air wird von der Landeshauptstadt und der kommunalen ProPotsdam gefördert. Katrin Binschus-Wiedemann und Frank Hübner, die Vorsitzenden der Stadtrandelfen, haben nur eine Erwartung an den Tag: Viele Leute, viel Spaß und viel Freude. Mindestens 350 Menschen sind am Abend auf dem Platz, schätzt der Verein. Laut Tim Zech, der im vergangenen Jahr auf der Bühne stand und am Samstag im Publikum sitzt, ist es deutlich voller als im Vorjahr.

Menschen aus den Häusern locken

Das Bornstedt Open Air ist laut Binschus-Wiedemann ein erfolgreicher Versuch, Menschen aus der Nachbarschaft zusammenzubringen. „Unser Ziel ist es, auch die ältere Generation 50 plus aus ihren Häusern zu locken.“ Viele Senioren seien in den Stadtteil gezogen. Binschus-Wiedemann vermutet, dass sie sich etwas verloren fühlen. Das Fest sei als eine Gelegenheit zum Kennenlernen in ungezwungenem Ambiente gedacht, wahlweise bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Bier. Der Verein möchte die Bewohner dazu animieren, „ihre Bedarfe zu formulieren und sich auch für sie einzusetzen“, sagt Hübner.

Dass es dem rasant wachsenden Stadtteil an Begegnungsstätten fehlt, geht aus einer kürzlichen Stadtteilumfrage im Rahmen des Seminars „Bornstedt vernetzt sich“ der Fachhochschule hervor. Von 6000 angeschriebenen Haushalten hätten sich 900 beteiligt.

Die Bewohner hätten ein „hohes Vernetzungsbedürfnis“ ausgedrückt, sagt Sylvia Swierkoswi, Studentin der Fachhochschule. Sie hilft auch bei der mobilen Sommerkneipe mit, die an diesem Tag eröffnet wird. Dort schenken Studierende Wein, Bier und nichtalkoholische Getränke aus. Die mobile Sommerkneipe hat die Stadtteilkoordination unter Leitung von Christian Kube als Reaktion auf die Studienergebnisse initiiert. Ziel sei es, dass sich die Sommerkneipe „verselbstständigt und nicht nur ein Projekt bleibt“, erläutert Kube.

Die Studienergebnisse der Fachhochschule spiegeln offensichtlich die allgemeine Stimmung der Bornstedter wider, das Thema Vernetzung und Nachbarschaft kommt im Laufe des Abends immer wieder auf. Mit dem Festival als Anfang scheinen die Besucher zufrieden zu sein. Silke Häckel war auch schon im Vorjahr dabei. Das Open Air findet die 44-Jährige „fantastisch“. „Die Atmosphäre ist gemütlich. Von mir aus soll es immer so weitergehen, wenigstens einmal im Jahr.“

Bornstedt so groß wie eine Kleinstadt

Die Stadtverwaltung hat es verpasst, eine soziale Infrastruktur für den konstant wachsenden Stadtteil zu schaffen, obwohl der Bedarf offensichtlich da ist, sagt Katrin Binschus-Wiedemann. „Soziale Infrastruktur wird in Potsdam ganz oft im Sinne von Kitas und Schulen verstanden. Es braucht aber mehr, damit eine Nachbarschaft funktioniert.“ Inzwischen steuert der Stadtteil auf eine Bewohnerzahl von 15.000 zu. Das entspreche der Vereinsvorsitzenden zufolge einer Kleinstadt in Westdeutschland, „die innerhalb von zehn Jahren komplett neu erschaffen wurde.“ Dass der Bedarf nach einem sozialen Zusammenhalt da ist, zeige die Stadtteilumfrage. Laut Binschus-Wiedemann verstehen sich die Stadtrandelfen als „Anschubser“ für das soziale Leben.

Einen kurzen Moment der Ratlosigkeit gibt es allerdings beim Open Air: Gegen 17.30 Uhr sollte eigentlich der Blues- und Soulmusiker Tony Heidenreich auftreten. Doch er hat Verspätung. Kurzerhand schnappt sich Sylvia Swierkowski eine Gitarre und legt einen spontanen Kurzauftritt hin. Diesen stimmt sie mit den Worten an: „Damit es keine kulturelle Lücke bei diesem Fest gibt, so wie sonst in Bornstedt.“ Das Publikum applaudiert.