• Afghanische Ortskräfte in Potsdam: Geflüchtete bangen um ihre Angehörigen

Afghanische Ortskräfte in Potsdam : Geflüchtete bangen um ihre Angehörigen

Die ersten Ortskräfte aus Afghanistan sind im Potsdamer Staudenhof eingezogen. Viele sorgen sich um Angehörige - helfen können sie nicht.

Nadjib Rahmati lebt seit 2011 in Potsdam. Mit seiner Familie in Afghanistan hat er zuletzt im September Kontakt gehabt.
Nadjib Rahmati lebt seit 2011 in Potsdam. Mit seiner Familie in Afghanistan hat er zuletzt im September Kontakt gehabt.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban in Afghanistan hat sich die Lage für viele Menschen vor Ort drastisch verschlechtert, vor allem für Frauen und Mädchen. Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen und ehemalige Ortskräfte, die für das westliche Militär gearbeitet haben, sind der Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt und müssen um ihr Leben fürchten. Potsdam hat sich bereit erklärt, einige Ortskräfte aufzunehmen, die ersten sind bereits in der Landeshauptstadt angekommen: Drei Familien mit insgesamt elf Menschen. Am Montag zog die erste Familie in den Staudenhof ein, zwei weitere sind in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht und sollen bald folgen.

Potsdam will 60 Menschen aus Afghanistan aufnehmen

Insgesamt will die Stadt 60 Menschen – Ortskräfte inklusive Familien – aufnehmen und stellt dazu 23 Wohnungen im Staudenhof zur Verfügung. „Die ersten elf Wohnungen sind bezugsfertig. Die anderen zwölf Wohnungen werden sukzessive bereitgestellt“, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow. Damit sind die Geflüchteten in Sicherheit, doch viele mussten Familienangehörige in Afghanistan zurücklassen – das Visum gilt nur für die Ortskräfte und ihre Kernfamilie, also Partner:innen und Kinder.

Nadjib Rahmati befindet sich in einer ähnlichen Situation: Der 28-jährige Afghane lebt seit 2011 in Potsdam, nachdem er vor den Taliban geflohen war. „Meine Mutter und meine jüngeren Geschwister sind noch in Afghanistan, drei Schwestern und zwei kleine Brüder“, sagt Rahmati. Vor einigen Monaten hatten sie sich noch in Pakistan aufgehalten, doch dann lief ihr Visum ab und sie mussten zurück nach Afghanistan. „Genau dann haben die Taliban die Macht übernommen“, sagt Rahmati.

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Nun verstecken sich Rahmatis Mutter und Geschwister in einem kleinen Dorf und trauen sich aus Angst vor den Taliban nicht auf die Straße. Das letzte Mal, als Rahmati mit ihnen Kontakt hatte, ging es ihnen sehr schlecht: „Sie weinten die ganze Zeit. Sie sagen, wir können nicht nach draußen gehen, wir können nicht mehr zur Schule gehen, wir können nur hier im Haus sitzen.“ Rahmatis Familie sei schon früher bedroht worden: Sein Vater war Politiker und sei von den Taliban immer wieder unter Druck gesetzt worden, mit ihnen zusammenzuarbeiten. „Aber er hat sich geweigert“, sagt Rahmati.

Die Erlebnisse aus seinem Heimatland verfolgen ihn noch nach Jahren

Eines Tages beschossen die Taliban sein Haus mit Raketen, Rahmatis Onkel wurde dabei getötet, er und seine Geschwister wurden verletzt. „Seitdem habe ich eine Metallplatte im Bein“, sagt Rahmati. Danach verschleppten die Taliban Rahmatis Vater, drei Monate später legten sie seinen Leichnam vor das Haus der Familie. „Danach wollten sie mich haben“, sagt Rahmati. Er schaffte es, nach Deutschland zu fliehen und sich in Potsdam nach und nach eine neue Existenz aufzubauen: Von 2015 bis 2017 machte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, lernte seine heutige Lebensgefährtin kennen, ist mittlerweile stolzer Vater und arbeitet als Sicherheitskraft im Potsdamer Jobcenter.

Doch die Erlebnisse aus der Vergangenheit verfolgten ihn weiter: „Ich musste die Ausbildung zum Hotelfachmann aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, ich hatte psychische Probleme wegen der Dinge, die ich in Afghanistan gesehen hatte“, so Rahmati. Dazu leidet er an Schlafstörungen; diese haben sich seit der Machtübernahme der Taliban verstärkt, da Rahmati in großer Sorge um seine Mutter und seine Geschwister ist. „Ich kann manchmal kaum schlafen“, sagt Rahmati. „Ich werde erst glücklich sein, wenn meine Familie in Sicherheit ist.“ So wie ihm geht es fast allen der 747 Afghaninnen und Afghanen, die in Potsdam leben: „Alle haben Verwandte in Afghanistan. Es ist sehr schlimm geworden“, sagt Rahmati.

Viele Afghan*innen in Potsdam sind in großer Sorge

Die Vorsitzende des Potsdamer Migrantenbeirats bestätigt dies. „Viele machen sich große Sorgen um ihre Familien und Verwandten“, sagt Fereshta Hussain, die selbst aus Afghanistan stammt. „Manche haben Frau und Kinder dort lassen müssen. Es gibt auch viele minderjährige Geflüchtete, die hier ankommen und sich Sorgen um ihre Eltern machen.“ Ende August hatte der Migrantenbeirat drei Sprechstunden für Potsdamer Afghaninnen und Afghanen angeboten, an den ersten zwei Tagen nahmen 57 Menschen das Angebot wahr, am dritten Tag waren es sogar 70.

„Viele waren psychisch sehr angeschlagen, weil sie zum Teil seit vier oder fünf Wochen keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen hatten“, sagt Hussain. Aufgrund der schwierigen Verhältnisse im Land sei es nur selten möglich, die Verwandten per Telefon oder Internet zu erreichen. „Ihre Tagesstruktur war ganz durcheinander geraten, weil sie ständig Nachrichten geschaut haben und versucht haben, an Informationen heranzukommen“, so Hussain.

Familiennachzug gestaltet sich oft schwierig

Viele wollen einen Familiennachzug beantragen, doch das gestaltet sich schwierig: Zum einen haben viele der in Potsdam lebenden Afghan:innen keinen Aufenthaltsstatus und sind nur geduldet, zum anderen sind die deutschen Botschaften derzeit überlastet.

Auch Rahmati hat schon lange nichts mehr von seiner Familie gehört, im September hat er es nur einmal geschafft, mit ihnen zu sprechen. Vor eineinhalb Monaten hat er einen Antrag auf Familiennachzug gestellt, doch auch er weiß nicht, wie lange er auf die Bearbeitung des Antrags warten muss. „Wir brauchen mehr Hilfe von den Botschaften“, sagt Rahmati. Auch Hussain beklagt, dass viele Menschen aus dem Land in der Luft hängen und kaum Ansprechpartner für ihre Sorgen haben: „Es wäre sehr gut, wenn die Behörden schneller arbeiten könnten.“

Rahmati bleibt nur übrig, zu warten. Seiner Familie vor Ort helfen kann er nicht: „Wenn ich nach Afghanistan gehen würde, würden die Taliban mich töten. Das haben sie mir vor ein paar Tagen auf Facebook geschrieben.“ Er wünscht sich, dass seine Familie endlich in Sicherheit ist und genauso in Frieden leben kann, wie er. „Ich hoffe, dass meine Schwestern und Brüder ihren Traum verwirklichen und in Deutschland zur Schule gehen können“, sagt Rahmati.

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