• Werders Bürgermeisterin im Interview: Manuela Saß: "Da sind wir überrollt worden"

Werders Bürgermeisterin im Interview : Manuela Saß: "Da sind wir überrollt worden"

Die erste Hälfte ihrer Amtszeit ist rum. Im PNN-Interview spricht Werders Bürgermeisterin Manuela Saß über die Entwicklung der Therme und das Wachstum der Stadt.

Manuela Saß ist seit 2014 Bürgermeisterin von Werder (Havel).
Manuela Saß ist seit 2014 Bürgermeisterin von Werder (Havel).Foto: B. Stelley

Frau Saß, zur Hälfte Ihrer ersten Amtszeit als Werderaner Bürgermeisterin haben Sie am Freitag den Bauantrag für die Haveltherme unterschrieben. Ist das unter Ihrem Vorgänger begonnene Großprojekt, das die Stadt am Ende wohl gut 50 Millionen Euro gekostet haben wird, nach Jahren des Stillstands damit in trockenen Tüchern?
Das Projekt ist in trockenen Tüchern, wenn wir gemeinsam mit unserem jetzigen Partner die Haveltherme im Frühjahr 2021 hoffentlich eröffnen. Aber wir sind dem Ziel, unseren Werderanern und den Touristen auch im Winter Attraktionen zu bieten, ein ganzes Stück nähergekommen. Das war am Freitag ein Meilenstein in den ersten vier Jahren meiner Amtszeit.

Was war die größte Herausforderung auf dem bisherigen Weg?
Die Trennung von der Kristall Bäder AG...

…dem ersten privaten Partner, der die Therme bis 2012 vollenden sollte und von dem sich die Stadt im April 2016 nach langwierigen Verhandlungen und der Zahlung von etwa 16 Millionen Euro für den Thermenrohbau getrennt hat.
Wir haben es mit einer einvernehmlichen Lösung geschafft. Hätten wir es auf ein Gerichtsurteil ankommen lassen, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Mit Sicherheit gäbe es bei den Bearbeitungszeiten unserer Gerichte noch keine Entscheidung. Wenn das Vertrauen zum Partner fehlt, ist es besser, man trennt sich. Das ist wie in einer Ehe: Man hat sich mal vertragen, hat entschieden zu heiraten, und wenn man nicht mehr miteinander klarkommt, sollte man einen ordentlichen Schlussstrich ziehen, ohne einen Rosenkrieg zu führen.

Die Therme in Werder (Havel) ist seit Jahren eine Baustelle. Dieses Foto stammt aus dem Juni 2018.
Die Therme in Werder (Havel) ist seit Jahren eine Baustelle. Dieses Foto stammt aus dem Juni 2018.Foto: Andreas Klaer

Was könnte die Thermeneröffnung jetzt noch gefährden?
Jeder, der schon mal gebaut hat, weiß, wo die Risiken im Bau liegen. Wir kennen die angespannte Lage am Markt. Glücklicherweise hat unser Partner Andreas Schauer in der vergangenen Woche berichtet, dass er schon einen Großteil der Gewerke gebunden hat. Es handelt sich aber auch nicht um einen Neubau. Da können noch unvorhergesehene Probleme an der Baustelle auftreten, die es kurzfristig zu lösen gilt. Da sind wir aber gut aufgestellt mit Herrn Schauer und dem Werderaner Projektcontroller.

In Zusammenhang mit der Therme gab es dieses Jahr auch das erste Bürgerbegehren Werders. Das ist zwar gescheitert, trotzdem hat etwa jeder zehnte Werderaner für mehr Transparenz bei der Therme unterschrieben. Wie wollen Sie diese Menschen künftig mitnehmen?
Wir sind mit dem Thema Therme transparent umgegangen, aber zum Zeitpunkt des EU-weiten Vergabeverfahrens war es damit vorbei. Da galt es, den Wettbewerb zwischen den Bietern nicht zu gefährden. Auch das Verwaltungsgericht hat ja klargestellt, dass das Bürgerbegehren mehr als ein Jahr zu spät kam und deshalb unzulässig war. Das Thema Bürgerbeteiligung haben wir dennoch aufgegriffen. Wir werden eine Bürgerbeteiligungssatzung erstellen und sie so gestalten, dass man diese Satzung auch mit Leben erfüllt. Bürgerbeteiligung muss gelebt werden, es gibt sie aber schon, etwa bei Anwohnerbefragungen zu Straßenausbauten oder der Erstellung des Stadtentwicklungskonzeptes. Für die Umgestaltung des Stadtwaldes gibt es ebenfalls eine Konzeption, die wir am Donnerstag in die Stadtverordnetenversammlung einbringen werden. Wir werden die Konzeption im kommenden Jahr den Einwohnern vorstellen und mit ihnen diskutieren, was sie sich für den Stadtwald wünschen.

Ein Hauptkritikpunkt der Thermengegner war, dass man das Geld lieber für Kitas und Schulen ausgeben sollte. Tatsächlich fehlen Werder zum Jahreswechsel 160 Kitaplätze, ähnlich wie in den Vorjahren. Neue Kitas sind geplant, werden aber wohl nicht zum Herbst 2019 fertig sein. Hat die Stadtverwaltung das Wachstum verschlafen?
Das kann ich so nicht bestätigen. Das Wachstum der Stadt ist atypisch verlaufen. Im Jahr 2008 hatten wir 23 000 Einwohner, in 2017 haben wir die 25.000er-Marke geknackt und sind inzwischen bei weit über 26.000. Unter den Zuzüglern waren außergewöhnlich viele Familien mit Kindern, zudem geht die Tendenz dazu, dass wieder mehr Kinder geboren werden. Da sind wir sicherlich überrollt worden. Wir sind aber dran, 183 neue Kitaplätze wurden geschaffen und die Baugenehmigung für die neue Kita in der Poststraße liegt vor. Auch ist durch den Thermenbau keine Investition im Bildungsbereich gestrichen worden, Kitas und Schulen behalten oberste Priorität. Wir haben etwa für 3,5 Millionen Euro einen Grundschulneubau an der „Carl von Ossietzky“-Schule vollendet und im Haushaltsplan fast fünf Millionen Euro für die Erweiterung des städtischen Gymnasiums eingeplant.

War es nicht vorhersehbar, dass viele Familien kommen, wenn man in den Havelauen ein Wohngebiet mit Ein- und Zweifamilienhäusern genehmigt?
Die Havelauen haben lange im Dornröschenschlaf gelegen. Dass innerhalb von wenigen Jahren das gesamte Baugebiet voll bebaut ist, war in dieser Geschwindigkeit schwer vorhersehbar. Es ist natürlich einfach, heute zu sagen, dass man eine Kita oder eine Schule hätte einplanen müssen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir heute handeln müssen. Und das tun wir auch. Weitere Kitas sind in Planung, und auch an die Entwicklung unserer Grundschulen denken wir jetzt.

Laut einer Studie soll Werder in den nächsten zehn Jahren auf mehr als 30 000 Einwohner anwachsen. Was sind die größten Probleme beim Wachstum und wie wollen Sie die lösen?
Wir lassen von der Firma Complan derzeit ermitteln, wie unsere Grundschulkapazitäten erweitert werden können. Neben der Bildung ist die Verkehrsinfrastruktur die größte Herausforderung. Wir haben mit einem neuen Buskonzept die richtigen Weichen gestellt, seither steigen die Fahrgastzahlen. Bremsklotz für die Entwicklung ist natürlich der Bahnübergang, aber auch da sehen wir langsam Licht am Ende des Tunnels…

… da die Stadt für eine Untertunnelung der Gleise anstelle der Bahn die Baulastträgerschaft für einen Fuß- und Radwegtunnel übernehmen will.
Da nicht wir, sondern der Landesbetrieb das Planungsverfahren startet, haben wir kaum Möglichkeiten, aufs Gaspedal zu treten. Wir werden aber auch weiter auf den Nahverkehr und die Busanbindung unserer Ortsteile setzen. Zudem wird es für Pendler ein zweites Parkhaus am Bahnhof geben.

Zwar gab es beim Busverkehr Verbesserungen. Es gibt aber noch Ortsteile, in die am Wochenende kein Bus fährt. Wie will man so Menschen zum Umsteigen anregen?
Es wird Evaluierungen und Fahrgastzählungen geben. Wenn Bedarf da ist, müssen wir schauen, wie wir das gemeinsam mit Regiobus umgesetzt bekommen. Es wird aber nicht möglich sein, alle Ortsteile rund um die Uhr mit der Kernstadt zu verbinden.

In Werder wächst nicht nur die Bevölkerung, auch die Gewerbeflächen sind etwa in den Havelauen fast ausgelastet. Gibt es in der Stadt noch Platz für neue Firmen?
Wir haben mit dem Magna Park in Neu Plötzin noch ein Gewerbegebiet mit Kapazitäten. Auch in Derwitz gibt es noch Möglichkeiten. Weitere große Gewerbegebiete haben wir derzeit aber nicht geplant, genauso wenig wie Gebiete für Wohnbebauung. Es wird zwar noch Nachverdichtung in der Kernstadt geben und auch in einigen Ortsteilen gibt es noch Potenzial. Wir werden uns aber an den neuen Landesentwicklungsplan halten müssen, und der gesteht uns künftig eher kleinteilige Entwicklungen zu. Die Havelauen 2.0 wird es nicht geben.

Glauben Sie denn, dass noch in Ihrer Amtszeit genügend Kita- und Schulplätze für alle Werderaner Kinder errichtet werden?
Das ist kein Glaube, sondern eine Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Auch wenn es äußere Faktoren wie Baugenehmigungen gibt, die darauf noch Einfluss haben.

Dann nun zu Positiverem: Was war denn bislang Ihr Highlight als Bürgermeisterin?
Das war ganz klar die 700-Jahr-Feier von Werder im vergangenen Jahr. Dort kam so deutlich zum Ausdruck, wie viel Liebe die Werderaner ihrer Stadt entgegenbringen. So viele Menschen haben sich in die Feiern eingebracht, da können wir nur stolz auf unsere Stadt sein.

Der Festumzug zur 700-Jahr-Feier in Werder (Havel).
Der Festumzug zur 700-Jahr-Feier in Werder (Havel).Foto: Andreas Klaer

Und was wird 2019 der Höhepunkt?
Für uns als Verwaltung sind die Kommunal-, Europa- und Landtagswahlen zusätzlich zum laufenden Geschäft natürlich eine Herausforderung. Ich hoffe, dass die Bauarbeiten an der Therme wie geplant beginnen können und wir eine neue Kita übergeben können. Das absolute Highlight wird aber die Eröffnung des Lindowschen Hauses als Touristeninformationszentrum und Bürgerservice im Herzen der Stadt im Frühjahr.

Ein Blick in die fernere Zukunft: Ihrem 1. Beigeordneten Christian Große, dem Sohn Ihres Vorgängers, werden Ambitionen auf das Bürgermeisteramt nachgesagt. Wird es in vier Jahren eine Stichwahl in der CDU zwischen Ihnen beiden geben?
Zu seinen Ambitionen müssen sie Christian Große schon selbst befragen. Ich arbeite ganz ausgezeichnet mit meinem 1. Beigeordneten zusammen. Was in drei oder vier Jahren ist, kann ich nicht sagen. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Havel herunter.


Das Gespräch führte Enrico Bellin


Manuela Saß, 53, CDU, ist seit 2014 Bürgermeisterin der Stadt Werder (Havel). In Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern geboren, zog sie 1997 nach Werder. Ein Jahr zuvor hatte sie ihr zweites juristisches Staatsexamen abgelegt. Nach Anstellungen als Justiziarin wurde sie Kämmerin im Amt Beetzsee. Sie wechselte 2010 ins Werderaner Rathaus und wurde Stellvertreterin des damaligen Bürgermeisters Werner Große.