• "Waldschlösschen" in Töplitz: Heimstätte für Kinder aus schwierigen Verhältnissen

"Waldschlösschen" in Töplitz : Heimstätte für Kinder aus schwierigen Verhältnissen

Im Wald von Töplitz betreut die Jugendhilfe Geltow Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern leben können. Die Kinder müssen sich an Regeln halten, haben aber auch Mitspracherechte.

Emilio bastelte aus Ästen und Zweigen eine besondere Lampe.
Emilio bastelte aus Ästen und Zweigen eine besondere Lampe.Foto: Carsten Holm

Töplitz - Der neun Jahre alte Jason findet es offenbar höchst aufregend, dass ihn ein Journalist in seinem neuen Zuhause aufsucht, um ein paar Fragen zu stellen. Mit Karacho fegt er vom Gemeinschaftsraum in die Küche, knapp schafft er es zu bremsen und vor dem großen Tisch zum Stillstand zu kommen. Er stemmt seine Fäuste in die Hüften und gibt mit großem Ernst eine Erklärung ab: „Hier bei uns ist es toll, weil man sich überall so gut verstecken kann.“

Dann grinst Jason breit und saust fröhlich weiter. Er hat noch einiges zu erledigen, bevor er sich, einen Fußball unter den rechten Arm geklemmt, zum Bolzen abmeldet.

Im vergangenen August sind der Junge und drei weitere Kinder im Alter zwischen fünf und acht Jahren in das „Waldschlösschen“ auf dem Schwarzen Berg eingezogen, eine weiße Villa in unverbaubarer Alleinlage mit Blick auf die im Tal fließende Havel. Dort betreut die evangelische Jugendhilfe Geltow Mädchen und Jungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Eltern leben können.

Bis zu acht Kinder sollen im Waldschlösschen wohnen

Drei Kinder besuchen eine Potsdamer Schule, ein Junge die 1. Klasse der Töplitzer Grundschule. „Er fühlt sich dort sauwohl“, sagt Marie Dulle, die Leiterin der Jugendhilfe, „aber wir alle sind in der Gemeinde schon beim ersten Besuch in der Bürgersprechstunde ungemein herzlich aufgenommen worden“.

Bis zu acht Kinder sollen im Waldschlösschen wohnen, sie werden von sechs Erzieherinnen und einer Heilpädagogin im Schichtdienst rund um die Uhr betreut. Für manchen Erwachsenen mag das mitten im Wald stehende Haus zu weit vom Zentrum des Werderaner Ortsteils Töplitz entfernt sein – Kinder leben dort wie auf einem Abenteuerspielplatz, der keine Langeweile aufkommen lässt.

Für die evangelische Jugendhilfe Geltow, ein Ableger des ostwestfälischen Diakonieverbunds Schweicheln, ist das „Waldschlösschen“ auf der Havelinsel Töplitz ein Glücksfall. Die Villa bietet auf rund 200 Quadratmetern Wohnfläche reichlich Platz für Kinder und Betreuer, und wenn Schulfreunde oder Eltern der Mädchen und Jungen zu Besuch kommen, können sie dort sogar übernachten. „Unsere Mädchen und Jungen laden auch zu Kindergeburtstagen ein“, sagt Marie Dulle, „wir arbeiten nach dem Grundsatz: so viel Normalität wie möglich.“

Villa wurde früher für Klassenfahrten genutzt

Die Villa hat, wie viele historische Gebäude in Brandenburg, eine wechselvolle Geschichte. 1936 ließ sich der Uhrmacher Heinrich Lehmann, der wohlbekannte Erfinder der Tankanzeige für Flugzeuge, das Haus auf einem Areal von mehr als zehn Hektar bauen, auf dem Gelände gab es auch einen Segelflugplatz. Zu DDR-Zeiten wurde das Gebäude als Ferienlager oder für Klassenfahrten genutzt, es ist umgeben von einer Vielzahl kleiner, inzwischen verwilderter Hütten.

Der Landkreis Potsdam-Mittelmark überließ die Anlage später der Kinder-, Jugend-, Begegnungs- und Freizeitzentrum Töplitz GmbH (KJBF), nach sechs Jahren aber gab die GmbH wegen zu hoher Renovierungskosten auf. Beide Träger des KJBF, der Verein Lebenshilfe und die AWO, erklärten, die veranschlagten Kosten von einer Million Euro nicht aufbringen zu können.

Heimbewohner Jason gewährt Diakonie-Chefin Marie Dulle Zutritt zu seinem Kinderzimmer.
Heimbewohner Jason gewährt Diakonie-Chefin Marie Dulle Zutritt zu seinem Kinderzimmer.Foto: Carsten Holm

2012 schien es eine attraktive Lösung für die Lehmannsche Villa zu geben. Ein Berliner Investor trumpfte mit dem Plan auf, das frühere Kinderdorf zu einem Familienhostel mit 200 Betten umzubauen. An den Deal hat der Töplitzer Ortsvorsteher Frank Ringel (Bürger Bund Töplitz) keine guten Erinnerungen: „Die haben gekauft, aber nicht bezahlt“, sagte er den PNN.

Unbekannter Mäzen kaufte die Villa

Zwischendurch, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs, wurden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Waldschlösschen untergebracht. Wie aus dem Nichts tauchte dann ein Mann auf, der Gutes tun, aber anonym bleiben wollte. Bekannt ist nur, dass er im Landkreis Potsdam-Mittelmark lebt und, so Marie Dulle, „ein sehr großes Herz“ hat. Der Mäzen kaufte die alte Villa, um sie für einen sozialen Zweck zur Verfügung zu stellen, er ließ auf eigene Kosten Wasser- und Abwasserleitungen sowie Anschlüsse für Medien einrichten und die Zimmer neu aufteilen, bevor er sie an die Jugendhilfe verpachtete. „Er hat wirklich viel getan“, sagt Dulle und zeigt auf einen Heizkörper, der mit Holz abgedeckt ist: „Wenn unsere Kinder darauf sitzen, haben sie es wunderbar warm.“

Marie Dulle führt durch das Haus. Helle Räume, in den oberen Etagen Blick in die Baumwipfel. Jason zeigt stolz die Fußballbilder, mit denen er sein Zimmer tapeziert hat, der sechs Jahre alte Emilio weist im Gemeinschaftsraum, in dem es sogar einen Kamin gibt, auf ein kunstvolles Monstrum hin, das unter der Zimmerdecke hängt. Es ist eine Lampe, die wie ein Drache aussieht. Der Junge hat sie mit dem Hausmeister aus Ästen gebaut.

Die Hausbewohner haben noch viel vor. „Tiergestützt“ heißt ein pädagogisches Prinzip für die Wohngruppe, Erzieherinnen bringen schon jetzt ihre Hunde mit, Katzen, Hasen und Meerschweinchen sollen noch aufgenommen werden.

Eltern-Coaching Teil des Programms

Die Mädchen und Jungen werden betreut, sobald die örtlichen Jugendämter die Jugendhilfe auf sie aufmerksam gemacht haben. Allen ist gleich, dass sie es in den ersten Jahren ihres Lebens nicht einfach hatten. „Wir versuchen, sie zu stabilisieren, damit sie nach ein paar Jahren wieder in ihre Familien zurückkehren können“, sagt Bettina Quade-Ruhs, pädagogische Leiterin in der Diakonie.

Zum Konzept gehört auch das sogenannte Eltern-Coaching: Es wird Wert darauf gelegt, dass die Kinder regelmäßig Kontakt zu ihrer früheren Umgebung halten. „Wir haben dabei nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern und Nachbarn im Blick“, sagt Quade-Ruhs.

Das Haus der Diakonie auf dem Schwarzen Berg über der Havel.
Das Haus der Diakonie auf dem Schwarzen Berg über der Havel.Foto: Carsten Holm

Die 120 Mitarbeiter der Geltower Jugendhilfe halten in Potsdam sowie in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming insgesamt 100 stationäre Plätze für Kinder und Jugendliche bereit, hinzu kommen drei Tagesgruppen und zwei kleine Schulen. Es gibt unter den Erziehern Erfahrungswerte darüber, wie lange es dauert, bis die Kinder die Wohngruppen der Diakonie wieder verlassen und in ihre Familien zurückkehren können. „Wir wissen, dass ein Jahr zu wenig ist“, sagt Dulle, „mindestens zwei sollten es sein, bis sich die Lage in den Familien stabilisiert hat.“ Den zuständigen Kommunen ist diese Hilfe viel Geld wert, sie bringen Jahr für Jahr mehrere hunderttausend Euro für die Betreuung auf, ob für die Pacht, für Löhne oder das Taschengeld, das die Kinder bekommen.

Kinder haben Ämter

Wöchentlich treffen sich die Kinder mit ihren Erzieherinnen zu einer Gruppenversammlung. Sie äußern Wünsche für den Essensplan, Emilio sagt oft, dass er am liebsten Spaghetti mit Tomatensauce oder Lasagne isst, wenn die Erzieherinnen für alle kochen - „aber Lasagne ohne Käse“. Und sie besprechen die Regeln, an die sich alle halten müssen. Jason erzählt: „Wir haben Ämter, müssen den Tisch decken und den Müll rausbringen, und wir haben Küchendienst.“

Dann rattert Jason einen Auszug aus der Verbotsliste runter: „Ich darf nicht den Herd allein anschalten, nicht einfach an den Kühlschrank gehen, nicht allein Wäsche waschen und nicht ohne mich abzumelden rausgehen. Und ich darf mich nicht prügeln und nicht einen Teller gegen die Kaffeemaschine werfen.“

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