Von Kirsten Graulich : „Ohne viel Federlesens verschwunden“

AEG-Gründer Paul Mamroth starb kurz nach der Pogromnacht in Seehof – der Druck war seit Jahren gewachsen

Kirsten Graulich

Die Sommer verbrachte Familie Mamroth in Seehof. „Ich lief den ganzen Tag mit obstgefüllten Taschen umher“, erinnert sich Ilse Traubner an ihre Kindheit bei ihrem Großvater, Paul Mamroth, auf dem Gut in Seehof. Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen – alles durfte sie pflücken. Außerdem gab es Pferde, Kühe, Schweine, Hühner, Gänse und Pfauen. Den Winter verbrachten Ilse und ihr Bruder bei den Eltern in Berlin. Ihr Vater, Paul Hirsch-Mamroth, war Arzt für Magen- und Darmleiden und betrieb eine Privatklinik. Aber der Sommer war Teltow-Seehof vorbehalten.

„Die verschiedenen Familienzweige hatten hier eigene Häuser, so dass wir alle uns ständig treffen konnten“, schreibt die 1918 geborene Ilse Traubner in ihren Erinnerungen und schwärmt: „Seehof war für uns Kinder ein Paradies.“ Im Januar 1933 waren die paradiesischen Zustände schlagartig beendet.

Es begann auch in Teltow ein Geschichtskapitel, an das sich später einige nicht erinnern wollten. Die Säuberungsaktionen, die gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnen, treffen auch Anwälte, Ärzte, Beamte und Lehrer. Der Antisemitismus wird Regierungsprogramm und der antijüdische Boykott am 1. April gegen Geschäfte und Warenhäuser ist laut „Völkischem Beobachter“ vom 4. April „lediglich als Generalprobe für eine Reihe von Maßnahmen zu betrachten“.

Die 14-jährige Ilse hat seit Januar unter Sticheleien ihrer Mitschülerinnen zu leiden, „darunter Mädchen, die ich für meine besten Freundinnen hielt“. Sie versucht durchzuhalten, die Verunglimpfungen nehmen zu. Ostern 1933 wechselt sie von der Berliner Kleist-Schule auf eine Haushaltsschule, auch dort fühlt sie sich nicht wohl. Für den ersten Schock sorgt die Klassenlehrerin, die erklärt, sie heiße Sass, was wegen der Buchstaben SA und SS ein sehr aktueller Name sei.

In dieser Zeit finden auf dem Gut in Seehof mehrere Familientreffen statt. Man wird sich einig, das Gut zu parzellieren. Denn jüdischen Familien ist es nicht mehr erlaubt, Landwirtschaft zu betreiben, wie das „Bäuerliche Erbhofrecht“ vom 15. Mai 1933 festschreibt. Mehrere Verwandte entschließen sich auszuwandern, unter ihnen Peter Sabersky, ein Enkel von Max Sabersky. Letzterer war Begründer der Ansiedlung, mit seinem Bruder Albert hatte er 1872 das Gut erworben. Paul Mamroth wiederum war ein Schwiegersohn von Max Sabersky.

Die Verdrängung nimmt zu und in der „Täglichen Rundschau“ jubelt der rechtskonservative Wirtschaftspublizist Ferdinand Fried: „Die nationale Revolution greift auf die Wirtschaft über.“ Zufrieden stellt er fest, dass „solche Persönlichkeiten, die noch bis vor wenigen Monaten als mächtiger galten als der Staat ... plötzlich ohne viel Federlesens verschwunden sind – freiwillig oder mit leisem Nachdruck“. Schon Ende 1933 gelten 23 Berliner Unternehmen als „entjudet“, weil aus deren Vorständen und Aufsichtsräten alle „Nichtarier“ ausgeschieden sind.

Auch Paul Mamroth legt bis zum Sommer mehrere Ämter nieder, so bei der Osram-Gesellschaft, der Schlesischen Elektrizitäts- und Gas-Actien-Gesellschaft, der Heinrich-Herz-Gesellschaft, dem Automobilklub von Deutschland, der Deutschen Luftschifffahrtsgesellschaft und der Deutschen Luft Hansa AG. Als Grund gibt er sein „zunehmendes Ruhebedürfnis“ an, doch seine Enkelin erinnert sich, dass er „unter dem Druck der gegen ihn gerichteten Verfolgungsmaßnahmen begann, seine Ämter und Stellungen aufzugeben“. Es gab auch Spielräume, wie das Beispiel AEG zeigt, in der einige „nichtarische“ Aufsichtsratsmitglieder wie Fritz Andrae, Hans Fürstenberg, Julius Flechtheim, Oskar Oliven, Georg Solmssen und Paul Mamroth zunächst ihre Mandate behielten, ehe sie 1937 auf der Generalversammlung ausschieden.

Mamroth, der die AEG einst mit Emil Rathenau gegründet hatte, war seit 1915 Vizevorstandschef, bis er 1928 in den Ruhestand trat und fortan dem Aufsichtsrat angehörte. Nach dem Machtantritt der Nazis war die wirtschaftlich angeschlagene AEG bemüht, das Stigma eines „jüdischen Unternehmens“ loszuwerden, doch vorerst hatten pragmatischere Überlegungen Vorrang: Man wollte auf erfahrene Fachleute nicht verzichten. Hinzu kamen beunruhigte Geschäftspartner im Ausland, 50 Prozent des Absatzes gingen in den Export. Um aber von staatlichen Aufträgen nicht ausgeschlossen zu werden, einigte sich die AEG-Leitung mit der NSDAP darauf, „nichtarische“ Mitarbeiter vom Inlandsgeschäft abzuziehen. Zudem wurden 54 leitende und 59 weitere jüdische Angestellte aus „gesundheitlichen Gründen“ pensioniert. Da reichte Mamroths Einfluss längst nicht mehr aus, um seinen Neffen Ernst Sabersky vor einer Entlassung zu bewahren.

„Seehof, einst glanzvoller Mittelpunkt unseres Familienlebens verwaiste ... mein Großvater hatte sein gesellschaftliches Leben aufgeben müssen und lebte nun recht zurückgezogen“, schreibt Ilse Traubner. Aus Sicherheitsgründen schränkte Familie Hirsch-Mamroth die Besuche ein, „auch Teltow war stark von Nationalsozialisten durchdrungen“. Dazu trug seit 1935 die Nachbarschaft von Wolf-Heinrich von Helldorf bei, einstiger SA-Führer, nun Polizeipräsident von Berlin, der bekannt war für Schikanen gegen Juden. Die „Helldorf-Spende“, mit denen er reiche Juden erpresste, musste auch Paul Mamroth zahlen.

Das Gejohle und das Geräusch zerberstender Scheiben in der Pogromnacht hat Ilse Traubner nie vergessen können. Zwei Wochen später starb der Großvater an den Aufregungen. „Nun gab es für uns keinen Grund mehr, in Deutschland zu bleiben.“ Unter großen Schwierigkeiten findet Familie Hirsch-Mamroth ein Land, das vorübergehend Asyl gewährt: Portugal. Im Frühjahr 1939 treten sie von Hamburg aus die Schiffsreise an, später wird Ecuador zur Zufluchtsstätte. Der erfahrene Arzt Paul Hirsch-Mamroth erhält keine Approbation, ernährt seine Familie mit dem Warenverkauf vor fremden Haustüren.

John Traubner, Sohn der inzwischen verstorbenen Ilse Traubner, ist heute als Rechtsanwalt in Frankfurt (Main) tätig. Er bewahrt eine silberne Brosche in Form einer Schildkröte auf, die einzige Kostbarkeit, die die Mutter retten konnte. Bei der Leibesvisitation vor der Schiffsreise wurde die Brosche offenbar übersehen.

Dabei hatte die 18-Jährige wahnsinnige Ängste ausgestanden, dass dieser Besitz die Ausreise verhindern könnte. Statt der 66 Koffer, wie Teltower zu wissen glauben, war den auswandernden Familien der Saberskys nur ein Handgepäck zugestanden worden. „Doch die Legende von den Schrankkoffern und einer angeblichen Abschiedsfeier in Paris hält sich seit Jahren hartnäckig“, sagt John Traubner verbittert.

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