Potsdam-Mittelmark : Vom Schandfleck zum Schmuckstück

Viele mittelmärkische Bahnhöfe sind verfallen, dennoch sind sie begehrt: Wie Zugstationen in der Region reaktiviert werden

Einladend. Im Bahnhofscafé gibt es keine Spielautomaten, sondern Kultur und Tanz.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Dirk Fröhlich
15.01.2014 20:55Einladend. Im Bahnhofscafé gibt es keine Spielautomaten, sondern Kultur und Tanz.

Potsdam-Mittelmark - Dorothee Bornath streift sich die feinen schwarzen Absatzschuhe über: Heute wird Tango getanzt. Die 47-jährige Frau fährt dafür nicht ins Tanzstudio, sondern zum Bahnhof. Bis vor drei Jahren stand der Wiesenburger Bahnhof leer. Türen waren versperrt, Reisende mussten an den zugigen Gleisen warten. Heute sieht es anders aus: In dem historischen Backsteingebäude werden in einem kleinen Café und Regional-Laden Speisen aus der Region serviert. Kunst hängt in der alten Bahnhofshalle, es gibt eine Touristeninformationen und einen Fahrradverleih. Zudem wird im Bahnhof regelmäßig getanzt, Kino geschaut und Vorträgen gelauscht.

Vom Schandfleck zum Schmuckstück: 20 Bahnhofsgebäude gibt es im Landkreis, viele hat die Bahn vor Jahren verkauft, die Vermarktung lief deutschlandweit. Zu den Großabnehmern gehört die britische Patron Capitol, sie erstand fast tausend Empfangsgebäude. Viele stehen seit Jahren leer und drohen zu verfallen. Dabei schlummert in ihnen enormes Potenzial.

Das Landratsamt aktualisiert derzeit eine Studie zu den Bahnhofsgebäuden im Kreis. Darin werden ihre Potenziale ermittelt. Die setzen sich aus der Einwohnerzahl, dem Fahrgastaufkommen und der Lage der Zugstation zusammen. „Wir erhoffen uns Impulse für die regionale Entwicklung“, so Eveline Vogel, die Wirtschaftsförderin des Landkreises. Mit Ergebnissen wird Ende März gerechnet.

Bei der Untersuchung gehe es nicht nur darum, Bahnhöfe schick zu machen, „sondern zu zeigen, dass man aus ihnen attraktive Haltepunkte machen kann“. Im Idealfall sollen Bahnhöfe wieder zu zentralen Anlaufpunkten für Bewohner und Gäste werden. Der Zughalt sollte nicht nur funktionierende Toiletten, sondern auch ein Bistro, einen Minishop, einen Fahrkartenverkauf und eine Touristeninfo haben. „Das hat dann auch eine wichtige Funktion für die Region“, so Vogel. So würden nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch Service geboten.

Untersucht wird auch, an welchen Stationen dringend gehandelt werden muss, etwa leer stehende, marode Gebäude mit funktionalen Mängeln. Mit der Studie will der Landkreis Kommunen dazu bringen, aktiv zu werden. In Bad Belzig hat das bereits funktioniert. Dort betreiben die kommunalen Stadtwerke das Bahnhofsgebäude. Auch die Stadt Beelitz hat durch den Kauf ihres Bahnhofs einen sozialen Brennpunkt entschärft. Statt Graffiti und Scherben wird es künftig ein Restaurant geben. Zudem plant die Stadt, Räume für eine Wohnung und Vereine zu nutzen.

In Wiesenburg ist man weiter: In einer Winternacht war Dorothee Bornath auf die Idee gekommen, den Bahnhof zu kaufen. Sie stand auf dem Bahnsteig und wartete darauf, abgeholt zu werden. „Ich ärgerte mich, dass ich frieren muss und es keinen Wartesaal gab.“ Sie wollte das ändern, machte sich auf die Suche nach dem Besitzer, einer Immobilienfirma aus Luxemburg. Der Bahnhof war zu kaufen.

Mit vier anderen Wiesenburgern gründete sie eine Genossenschaft, die das Gebäude vor vier Jahren für 35 000 Euro kaufte. Mittlerweile besitzen 33 Wiesenburger einen Teil vom Bahnhof, die Bahnhofsgenossenschaft wachse, so Bornath. Seitdem die Bewohner sich kümmern, ist die Wartehalle beheizt, die Toiletten sind nutzbar und sauber. Wer auf den Zug wartet, bekommt Kaffee und Kuchen im Bahnhofscafé. Demnächst soll ein Fahrkartenverkauf hinzukommen, auch den organisieren die Wiesenburger selbst. Dorothee Bornath hat einen Faible für alte Bahnhöfe, und damit ist sie nicht alleine.

In der Winteraktion des Berliner Auktionshauses Karhausen wurde vor wenigen Wochen der Klinkerbau in Beelitz-Heilstätten versteigert. Der Startpreis der sanierungsbedürftigen Immobilie mit über 1600 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche lag bei 5000 Euro. Ein Berliner Investor hat das Gebäude für 35 000 Euro gekauft. Laut dem Auktionshaus hat er mehrere derartige Objekte. Eine ganze Anzahl mittelmärkischer Bahnhöfe sind inzwischen in Privatbesitz, dazu zählt der Bahnhof in Werder (Havel). Laut Potenzialanalyse des Landkreises muss hier dringend was passieren. Nicht weil dass Gebäude marode wäre, sondern wegen der guten Lage und dem Fahrgastaufkommen von fast 6000 Reisenden pro Woche. Der RE 1 verbindet im 30 Minuten-Takt Werder mit Potsdam und Berlin.

Das Gebäude hat ein Privatinvestor vor fünf Jahren gekauft, der namentlich nicht genannt werden will. Jetzt will er es revitalisieren. Derzeit sucht er nach einem Mieter für den mittleren Gebäudeteil. Ein Imbiss und ein Möbelladen haben die Flächen auf den Außenseiten angemietet. Als neuer Mieter könnte sich der Eigentümer einen Biosupermarkt oder Fahrradverleih vorstellen.

Auch die Bahnhöfe Caputh-Geltow und Schwielowsee-Caputh sind in Privatbesitz. Investor Lothar Hardt will in Geltow seinen „Kulturbahnhof“ bauen. Ein Restaurant, Ateliers und ein Veranstaltungssaal könnten entstehen. Auch der Bahnhof in Wilhelmshorst ist im vergangenen Jahr unter den Hammer gekommen.

Im Katalog des Auktionshauses Karhausen finden sich immer öfter marode Bahnhofsgebäude. „Es gibt einen Run auf solche Objekte, obwohl man viel Geld hineinstecken muss“, sagt Auktionär Thorsten Schneider. Für den Architekturprofessor der Fachhochschule Potsdam, Klaus Theo Brenner, ist das kein Wunder: Große Bahnhofsgebäude seien für bestimmte Bevölkerungskreise sehr attraktiv. In den großzügig gestalteten Räumen könne man Wohnen und Arbeiten verbinden. Das locke besonders Selbständige aus der Kreativbranche an. „Zudem kann man sich sein eigenes Paradies schaffen“, so Brenner. Bei dem Wohnmodell komme auch der Selbstversorgergedanke zum Tragen, oft gebe es den Garten noch dazu. Ein weiteres Plus: „Viele Bahnhöfe sind gut angebunden.“

Auf dem Weg in die Stadt kommt auch Dorothee Bornath täglich an ihrem Bahnhof vorbei. Wenn sie morgens losfährt, sind Café und Regioladen noch nicht geöffnet. Trotzdem können Reisende sich in den Wartesaal setzen. „Der Bahnhof muss zu den Randzeiten offen sein, die Toiletten benutzbar – das ist ein wichtiger Service.“ Dafür bezahlt die Genossenschaft die Bahn, die wiederum dafür sorgt, dass der Saal auf- und abgeschlossen wird.

Im Winter draußen in der Kälte stehen, das ist in Wiesenburg vorbei. Dort ist man jetzt gerne am Bahnhof: Am Morgen freuen sich die Wiesenburger auf die Heimkehr, wenn nach Feierabend in der Bahnhofshalle getanzt wird oder man sich auf ein Glas Wein am Tresen trifft.