Potsdam-Mittelmark : Vom Busfahrer zum Liedermacher

Zwischen Apfel- und Kirschbäumen singt der Werderaner Karsten Perenz Lieder „Für’n Jart’n“

Im Garten lachen. Sänger Karsten Perenz bietet Werderaner Musikkabarett.
Im Garten lachen. Sänger Karsten Perenz bietet Werderaner Musikkabarett.Foto: es

Werder (Havel) - Auf seiner täglichen Strecke zwischen dem Berliner Kudamm und Spandau ging Karsten Perenz die Stadt Werder nicht aus dem Kopf. 14 Jahre lang arbeitete er in Berlin als Busfahrer. Er summte vor sich hin, und jeden Tag kam eine neue Zeile hinzu – bis das Lied mit der Melodie des bekannten Schlagers fertig war. Beim Einsteigen mussten seine Fahrgäste schmunzeln. Kein Wunder bei diesem Refrain:

„Werderscher Wein, macht Dir die Rübe müde, geht gleich ins Bein; macht mir die Augen trübe, bist Du auch schön; ich kann nichts mehr sehn, Du musst verzeihn; Du schläfst allein – ein.“

Den Busfahrerjob hat er schon lange an den Nagel gehängt: Heute macht der 51-jährige Sänger, der seit über zwanzig Jahren in Werder lebt, nur noch Musik. Die Liedtexte des aus Groß Kreutz stammenden Sängers handeln hauptsächlich vom Obst. Er wirbt mit Stimmungsliedern „Für’n Jart’n“. Das Geschäft läuft für ihn immer besser, sodass er auch seinen Potsdamer Laden für Drucker und Patronen, den er in den letzten Jahren neben seinem Musikgeschäft führte, jetzt sogar verkauft hat.

Wenn der schlanke blondhaarige Mann auftritt, zeigt er mit seiner Schuffel, die er von seinem Großonkel geerbt hat, dass er zu Werder gehört. Seine Vorfahren waren Mucker und hatten einen bekannten Nachnamen – sie hießen Hagemeister. Möglicherweise waren sie mit dem berühmten Werderaner Maler gleichen Namens verwandt. Doch der Maler sei wütend geworden, als der Urgroßvater von Karsten Perenz ihn Anfang der 30er-Jahre danach gefragt habe. Karl Hagemeister habe ihn daraufhin angeschrien: „Ich habe doch niemals etwas mit euch Muckern zu tun.“

Seit drei Jahren nimmt der Werderaner Musiker Unterricht beim Potsdamer Gitarristen Axel Merseburger. „Seitdem klappt es auch endlich mit dem Takt“, sagt Karsten Perenz und lacht. Davor habe seine Familie ihn jahrelang ertragen müssen. Obwohl er bereits mit 12 Jahren unterrichtet wurde: „Mein Vater war Imker und bezahlte die Pfarrersfrau mit Honig, damit sie mir die Gitarrenakkorde beibringt.“ Zu DDR–Zeiten war er lange Jahre Mitglied einer FDJ-Singegruppe. Auch deren Name war bereits mit Werderaner Früchten verbunden – sie nannte sich „Vitamin“.

„Der musikalische Urknall kam für mich mit dem Havelobstlied.“ Damals hat Wolfgang Protze, der später mit der Fercher Obstkistenbühne bekannt wurde, ein Lied von Harry Belafonte umgedichtet. Auf die Melodie des bekannten Banana Boat Songs wurde über den „Gelben Köstlichen“ gesungen, einer in der DDR weithin bekannten Apfelsorte. Seither schreibt Karsten Perenz die Texte bekannter Lieder um. „Da jeder die Melodien kennt, können sich die Zuhörer auf den Text konzentrieren“, erklärt der Liedermacher.

Als Musik mit einem Augenzwinkern kann man seine Lieder bezeichnen. „Es ist eigentlich Musikkabarett“, so Karsten Perenz. Auch kritische Töne stimmt er an: Auf die Melodie des Klassikers der Neuen Deutschen Welle, „Goldener Reiter“, singt er über einenTafelapfel, den keiner pflückt: „Hinter dem Obstkistenstapel sitzen die Bauern, sind unendlich schlapp, weil so viel Obst an den Bäumen, bisher noch keiner gesehen hat. Es gibt keine Erntehelfer, selbst die Hartz-IV-Empfänger sind satt; He he he, ich werde größer und reifer; he he he, keiner will auf die Leiter – dann fall ich halt ab!“ Auch gegen die Obstindustrie wettert er: „Globalisierungsäpfel werden hier zu Werderfrüchtchen gemacht – in märkischen Einkaufszentren siehst du das heimische Obst leider nie.“ Der Song komme sehr gut bei seinem Publikum an. „Die Werderaner kennen mich mittlerweile ganz gut und wissen, wie ich das meine“, erklärt Karsten Perenz.

Der Sänger ist auch leidenschaftlicher Sammler alter Schreibmaschinen. Über hundert Stück lagern mittlerweile verpackt in seinem Haus am Plessower See. In seinem Fundus ist unter anderem auch eine Maschine der bekannten Autorin Christa Kozik. „Und mit Jim Rakete, der auch Schreibmaschinensammler ist, habe ich schon eine Maschine getauscht“, sagt Karsten Perenz mit Stolz. Gerne würde er seine Sammlung ausstellen, derzeit geht die Musik aber vor. Gäste wie zu Busfahrerzeiten begrüßt er nach wie vor. In privaten Gärten stimmt er für sie sogar ganz individuelle Lieder an. Eva Schmid

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