Vogelgrippe in Potsdam-Mittelmark : Grippeviren aus dem Futter

Im Landkreis Potsdam-Mittelmark gab es bisher meist durch infizierte Möwen Vogelgrippe-Alarm. Naturschützer haben dafür eine Erklärung.

Wollen es eisfrei. Die Lachmöwen halten sich im Winter gern an der Havel oder dem Teltowkanal auf, da die Gewässer durch die Strömung meist eisfrei sind und die Tiere dort noch Nahrung finden. Naturschützer glauben, dass sie sich durch ihr Futter mit dem H5N8-Virus infizieren können.
Wollen es eisfrei. Die Lachmöwen halten sich im Winter gern an der Havel oder dem Teltowkanal auf, da die Gewässer durch die...Foto: David Ebener/dpa

Kleinmachnow – Noch immer grassiert die Vogelgrippe im Kreis – und erneut hat es vor gut einer Woche in Kleinmachnow einen der ursprünglich von der Meeresküste kommenden Wildvögel erwischt. Obwohl eine Ansteckung der Tiere untereinander nahezu ausgeschlossen wird, ist die aufkommende Grippewelle bei den Möwen nach Ansicht von Vogelkundlern kein Zufall. Die tödlichen Viren könnten aus dem Futter stammen, sagt der Ornithologe Klemens Steiof vom Kreisverband Potsdam des Naturschutzbundes Nabu.

Erst Ende November waren zwei Möwen in Werder (Havel) an der damals gerade erst ausgebrochenen Krankheit verendet. Auch in Berlin wurden nahezu zur selben Zeit zwei Fälle in Mitte und Treptow-Köpenick gemeldet. Nachdem zunächst vor allem Schwäne und Gänse betroffen waren, war der Erreger erstmals bei Möwen entdeckt worden. Nun hat es erneut einen Küstenvogel getroffen. In der vergangenen Woche fand sich eine tote Möwe auf einem Privatgrundstück im Kleinmachnower Norden. Auch sie trug laut Kreisveterinäramt den H5N8-Virus in sich.

"Möwen fressen, was sie bekommen können"

Klemens Steiof vermutet, dass sich die Möwen an verstorbenen Wasservögeln oder deren Nahrung infiziert haben. „Möwen sind Nahrungsopportunisten, die das fressen, was sie bekommen können. Sie gehen auch an Aas“, sagte er. Da es neben den Möwen viele infizierte Höckerschwäne gäbe, die gern an Futterstellen Nahrung suchen, nehmen die Ornithologen an, dass bereits „aus dem Lebensmittelsektor Viren in die Umwelt gelangt sind“. Den Verdacht bestätige etwa, dass in Berlin tote Schwäne an einer Stelle gefunden worden seien, an der regelmäßig Lebensmittelreste in den Kanal gekippt würden, so Steiof. Auch Lachmöwen, die im Berliner wie im Potsdamer Raum zu finden sind, würden diese innerstädtischen Futterstellen aufsuchen.

Verursacher der Pest seien möglicherweise ungarische Enten, von denen die Ornithologen vermuten, dass sehr viele in Umlauf gekommen sein könnten. In Ungarn seien weite Teile des Geflügelsektors durchseucht, bei Hausenten könne der Virus zudem unerkannt zirkulieren, so Steiof.

Naturschützer bräuchte mehr Daten, doch scheitert an den Veterinärämtern

Jedoch bewegen sich auch die Natur- und Vogelschützer gegenwärtig überwiegend im Bereich der Annahmen und Spekulation. Für mehr Gewissheit bräuchte es mehr Daten, meint der Potsdamer Ornithologe. Doch gerade die sind schwer zu bekommen, weiß er. Alle Veterinärämter habe er angeschrieben, um detailliertere Informationen über die näheren Umstände des Grippetodes der Tiere und die aufgenommene Nahrung zu erhalten, Auskünfte bekam er „genau null“.

Schon seit den 70er-Jahren beobachteten Ornithologen, dass vermehrt Möwen von den Meeresküsten zur Brutzeit ins Binnenland kommen. Vor allem die Zunahme der Nord- und Ostseepopulation, aber auch die Ausdehnung großer offener Müllkippen hätte nach Angaben der Vogelbeobachter dazu geführt, da sie den Tieren Nahrung bieten. Seit 2005 sei ihre Zahl jedoch drastisch gesunken, weil kaum noch organische Stoffe auf den Deponien verkippt werden, weiß Klemens Steiof. Im Raum Potsdam gäbe es im Frühsommer zerstreut einige Lachmöwen-Brutkolonien, im Süden Brandenburgs würden im Mai und Juni in einigen wenigen Großkolonien mehrere Großmöwenarten brüten.

Möwen immer wieder in Wassernähe zu sehen

Gerade im Winter, wenn viele Gewässer zufrieren, würden sich die Möwen in den eisfreien Bereichen der Seen und Flüsse sammeln, im Land Brandenburg etwa an der Havel. In Kleinmachnow, wo zuletzt eine tote Möwe gefunden worden war, gehören sie Gemeindesprecherin Martina Bellack zufolge zwar nicht unbedingt zum Ortsbild. Sie seien aber in Wassernähe, insbesondere am Teltowkanal und Machnower See, immer mal zu sehen.

Als der größte Möwenschlafplatz im Berlin-Brandenburger Raum gilt der Berliner Müggelsee, zu dem die Möwen aus großen Entfernungen, oftmals von über 50 Kilometern, täglich fliegen.

Seit Ende November hat die Vogelgrippe auch den Landkreis Potsdam-Mittelmark fest im Griff. Nach der toten Möwe Ende Januar in Kleinmachnow wurde vor wenigen Tagen in Wiesenburg/Mark noch ein infizierter Schwan entdeckt. Die nach den Funden in Werder Ende November verhängte Sperr- und Beobachtungszone konnte dort mittlerweile wieder aufgehoben werden, im Großraum Kleinmachnow und Wiesenburg gelten weiter strenge Sicherheitsregeln, so Landkreissprecherin Andrea Metzler. Im ausgewiesenen Sperrbezirk dürfen Enten, Gänse und Hühner 21 Tage das Gebiet nicht verlassen, in der Beobachtungszone 15 Tage. Auch Hunde und Katzen dürfen nicht frei herumlaufen. Große Betriebe wie etwa das Gut Schmerwitz bei Wiesenburg seien aber nicht betroffen. In den gegenwärtigen Sperr- und Beobachtungsbezirken würden sich nur einige wenige private Geflügelhalter befinden, so Metzler.

Stallpflicht für Landwirte gilt weiterhin

Darüber hinaus gelte aber kreis- wie landesweit weiter eine Stallpflicht für alle Landwirte, Hobby- und Geflügelzüchter. Diese war nach Ausbruch der Vogelpest vom Verbraucherschutzministerium angeordnet worden und gelte bis auf Widerruf weiter fort. Wie lange die Vogelgrippesaison noch anhalte, sei unklar.

Weil sich Wildvögel Untersuchungen zufolge kaum untereinander ansteckten, würde der Virus in der Regel in der Natur schnell von selbst wieder verschwinden, erklärt Klemens Steiof. Neuinfektionen seien oftmals mit neuen Einträgen der Viren in die Umwelt verbunden, so der Potsdamer Ornithologe. Angesichts der neu aufgetretenen Fälle sei dies offenbar deutschlandweit noch immer der Fall.

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