Potsdam-Mittelmark : Viele Leben gerettet

Fast 30 Jahre war Katharina Bickerich-Stoll Pilzberaterin – jetzt wurde sie 95

Ute Kaupke
Glückwunsch: Pfarrerin Carola Türpe (r.) gratulierte Katharina Bickerich.
Glückwunsch: Pfarrerin Carola Türpe (r.) gratulierte Katharina Bickerich.Foto: kau

Nuthetal – Ihr Wissen half Leben retten. Fast 30 Jahre wirkte Katharina Bickerich-Stoll aus Bergholz-Rehbrücke als Pilzsachverständige im Bezirk Potsdam. Jetzt feierte sie ihren 95. Geburtstag.

Schon während ihrer Kindheit hatte sie ihr Vater Ferdinand Erdmann Stoll mit den Pilzen vertraut gemacht. Der Ornithologe und Mykologe war Mitbegründer und Leiter des ehemaligen Zoos von Riga und ein prominenter Forscher. 1939 mussten die Stolls als Baltendeutsche umsiedeln, 1940 erneut vor den Kriegsereignissen fliehen. Katharina Bickerich absolvierte 1943 die Staatliche Hochschule für Kunsterziehung in Berlin. 1948 kam sie nach Bergholz-Rehbrücke. Seit dieser Zeit kümmerte sie sich, gemeinsam mit ihrem Mann, dem Botaniker, Dendrologen und Graminologen Günther Bickerich, um die Pilzberatung der Bevölkerung, lud zu thematischen Wanderungen und Exkursionen ein. Auf dem Potsdamer Bassinplatz richteten sie einen Beratungsstand ein. Der Informationsbedarf war groß. Lebensmittel waren knapp, die Menschen sammelten Pilze und aus Unkenntnis häuften sich die Vergiftungen.

Von 1954 bis 1983 arbeitete Katharina Bickerich-Stoll im damaligen Hygieneinstitut des Bezirks Potsdam. Sie habe „am Institut Wurzeln geschlagen“, schrieb sie einmal, „mykologisch ausgedrückt, mich mit meinem Mycel im Substrat des Instituts verankert.“ Tag und Nacht kam sie Ärzten am Krankenbett zu Hilfe, vermittelte, wie Vergiftungen schneller erkannt werden können. Auch aus dem Ausland wurde sie oft um Rat gefragt. Die „Sporen ihrer langjährigen Arbeit“ wollte sie in ihren Büchern „emsig ausbreiten“. Seit 1964 erschienen ihre selbstillustrierten Pilzratgeber, später auch ein thematisches Kinderbuch. Die Auflagen waren schnell vergriffen. Für das Naturkundemuseum Potsdam gestaltete sie Pilzmodelle, die heute noch dort zu finden sind.

Zahlreiche Gäste fanden sich auch zu den beliebten Hauskonzerten mit dem Potsdamer Pianisten Roland Brettschneider oder zu ihren berühmten Lichterfesten auf dem schönen Waldgrundstück ein. „Wenn Balten zum Kaffee einladen, machen sie eine Hochzeit draus“, beschreibt Harri Günther, einst Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser, die Gastfreundschaft der Bickerichs. Katharina Bickerichs Leben ist geprägt von Natur- und Heimatverbundenheit, Krieg und Vertreibung, aber immer gab es einen Neuanfang, und viel Selbstlosigkeit.Ute Kaupke

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