Potsdam-Mittelmark : Stückener auf Bärenjagd

Zum 80. Mal wird am Wochenende „gezempert“

Thomas Lähns

Michendorf - Es ist eine sorbische Tradition, von der niemand mehr weiß, wie sie einst nach Stücken kam: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird in dem kleinen Ort im Süden der Großgemeinde Michendorf „gezempert“. Der älteste Beweis dafür ist ein Foto aus den 20er Jahren, und den nehmen die Stückener zum Anlass, um am kommenden Sonnabend ein rundes Jubiläum zu feiern: „Mindestens 80 Jahre Zempern“, mit bunten Kostümen, einem großen Umzug – und einigen Überraschungen.

Die verspricht Ortsvorsteher Udo Reich (FBL) bereits im Vorfeld für die hiesige Variante der Fastnacht. Um 8.30 Uhr morgens treffen sich die verkleideten Zemperer vor dem „Landgasthaus zu Stücken“, um dann ab 9 Uhr unter Lärm und Musik durchs Dorf zu ziehen. Mit dem Spektakel soll der Winter vertrieben werden. Die kalte Jahreszeit wird von einem Bären symbolisiert, der den Zug anführt. Das Wort „zempern“ kommt aus dem Sorbischen und bedeutet so viel wie „einfordern“. Früher sind die Zemperer von Tür zu Tür gezogen, um Speck, Zwiebeln oder Eier zu erbeuten, mit den Zutaten wurde ein Festschmaus zubereitet. Denen, die nicht öffnen wollten, spielte man Streiche. Noch heute wird überall angeklopft, die Hausherrin vom Bären zum Tanz gebeten und ein Gläschen mit dem Hausherren geleert. Als Spende ist heutzutage Geld gern gesehen, mit dem der Heimatverein die Veranstaltung finanziert, so dessen Vorsitzender Heiko Wüstenhagen. Hunderte von Leuten würden sich an dem Spektakel beteiligen, längst nicht nur Einheimische.

Aber die sind besonders kreativ: Sie verkleiden sich nicht nur, sondern lassen ganze Bilder entstehen, die mitunter auf Wagen montiert werden. „Es wird seit Wochen gewerkelt, gebaut und genäht“, verrät Ortsvorsteher Udo Reich. Die einzige Regel: Man darf nicht zu erkennen sein. Erst um 14 Uhr, wenn der Umzug die Parkhalle erreicht hat, lassen die Zemperer ihre Masken fallen. Die besten Kostüme werden übrigens prämiert. Anonym bleibt der Bär: Der wird gegen 20 Uhr in der Parkhalle symbolisch vom Jäger zur Strecke gebracht und vom Schlächter ausgenommen. Beide gehören zur Bärenriege. Beim „Bärenschlachten“ wird aber kein Blut, sondern Rotwein fließen. Welcher Stückener unter dem Kostüm steckt, ist ein großes Geheimnis, das erst zum Tanzabend gelüftet wird. Thomas Lähns