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Stahnsdorfer Friseurmeisterin : Für Isabell Lojek ist die Coronakrise nicht vorbei

Die Stahnsdorfer Friseurmeisterin Isabell Lojek musste bereits eine Angestellte kündigen, weil diese keine Betreuung für ihre Kinder hat.

Salonleiterin Isabell Lojek (l.) mit ihrer Stellvertreterin Antje Jentzsch in ihrem Laden „Abschnitt Eins“ in der Potsdamer Allee.
Salonleiterin Isabell Lojek (l.) mit ihrer Stellvertreterin Antje Jentzsch in ihrem Laden „Abschnitt Eins“ in der Potsdamer Allee.Foto: privat

Stahnsdorf - Isabell Lojek sieht derzeit viele glückliche Gesichter im Spiegel. Seit neun Tagen hat ihr Stahnsdorfer Friseursalon „Abschnitt Eins“ wieder geöffnet – nach fast achtwöchiger Zwangspause. Die Kunden sind froh, dass sie sich wieder die Haare schneiden lassen können, doch Lojek ist nicht zum Lachen zumute. Die Coronakrise ist nicht vorbei, die Folgen zeigen sich deutlich.

Zehn Angestellte hat die 32-jährige Friseurmeisterin Lojek, neun von ihnen sind Frauen mit Kindern. Auch Lojek hat zwei Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren. Sie alle haben das gleiche Problem: die fehlende Kinderbetreuung, weil Schulen und Kitas nicht regulär oder wenigstens deutlich mehr öffnen. Und Friseure dürfen zwar wieder arbeiten, doch systemrelevant sind sie nicht – sie haben keinen Anspruch auf Notbetreuung.

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Zwangspause riss großes Loch in die Kasse

Die Folge: Lojek musste Anfang der Woche eine langjährige Mitarbeiterin, die im Salon Kosmetik, Fußpflege und Maniküre angeboten hat, kündigen. Die selbstständige Friseurmeisterin kann es sich in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten nicht leisten, Angestellte weiterzubezahlen, ohne dass sie tatsächlich arbeiten. Dafür hat die Zwangspause ein zu großes Loch in die Kasse gerissen. Weil die Angestellte keinen Kitaplatz habe und sich aufgrund der Berufstätigkeit ihres Mannes nicht einen Tag freischaufeln konnte, „mussten wir uns schweren Herzens von ihr trennen“, sagt Lojek. Wenn ihre Kinder und die ihrer Mitarbeiter nicht bald regulär betreut werden können, „dann weiß ich nicht, ob wir eine solche Situation noch monatelang weitertragen können“.

Zumal die Kosten steigen. In acht Tagen verbrauchten die Mitarbeiter im Salon 250 Mundschutzmasken, auch Einmalhandschuhe sind jetzt teurer – und die Einnahmen fallen aufgrund von Hygiene- und Abstandsregeln derzeit geringer aus als sonst. „Unsere Kinder in den Salon mitnehmen können wir ja schlecht“, sagt Lojek, deren Mann in der Baubranche selbstständig ist und es sich derzeit auch nicht leisten kann, Aufträge aufgrund der Kinderbetreuung abzusagen. Also muss an zwei Tagen nachmittags die Oma ran, die auch berufstätig ist.

Kritik an Bildungsministerin

Lojek fühlt sich als Arbeitgeberin von den Behörden und der Politik völlig im Stich gelassen. Über den Vorschlag von Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) zum künftigen Präsenzunterricht in Schulen und einem Kitatag pro Woche ab dem 25. Mai kann Lojek nur den Kopf schütteln: „Das ist noch nicht mal mehr ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Kita-Elternbeirat kämpf für bessere Bedingungen

Von der Gemeinde Stahnsdorf hätte Lojek sich auch mehr erwartet: In einem Schreiben erklärte sie der Rathausverwaltung ihre Situation, machte deutlich, dass sie Personalverantwortung habe für ihre Angestellten, die auch ihre Familien ernähren müssten. Sie bat um Betreuungsplätze für ihre Kinder, damit sie mehr als derzeit zwei Tage pro Woche arbeiten könne. Auf ihren Brief erhielt sie ein bürokratisches Schreiben: Friseure seien in der Liste systemrelevanter Berufe nicht aufgeführt, hieß es darin lapidar.

Die Gemeindeverwaltung war am Mittwochnachmittag dazu nicht zu erreichen. Aktuell gebe es 246 positive Bescheide für Notbetreuung, sagte Gemeindesprecher Stephan Reitzig jüngst den PNN. Am Montag wurden tatsächlich aber nur 183 Kinder betreut. Das liege daran, dass „nicht alle dieser Kinder zeitgleich in den Kitas sind, sondern tage- und wochenweise variierend“, so Reitzig.

Unterdessen kämpft auch der Kita-Elternbeirat des Landkreises für bessere Bedingungen: In einer Onlinepetition fordert er unter anderem, Notbetreuung für Eltern in systemrelevanten Berufen zugänglich zu machen, auch wenn die Arbeit im Homeoffice erledigt wird. Eine Vollzeitstelle im Homeoffice auszuüben und gleichzeitig Kinder zu betreuen, sei nur schwer möglich, sagt Doreen Recknagel, Vorstandsmitglied im Kita-Elternbeirat.

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