Skisprunganlage zog Sportbegeisterte an : Höhenflüge in den Geltower Bergen

Geltow war seit Ende der 1950er Jahre zwei Jahrzehnte lang ein Austragungsort für Wintersportwettkämpfe.

Der Geltower Emil Schulze beim Aufstieg. 
Der Geltower Emil Schulze beim Aufstieg. Foto: Archiv Heinz Ofcsarik

Geltow - 1965 stellt der Kleinmachnower Karl Lorenz einen beeindruckenden Rekord auf: Bei den Bezirksmeisterschaften im Wintersport in den Geltower Bergen springt er von der Skisprungschanze 29 Meter weit. Skispringen in Geltow? Ja, ganz richtig. Der Ort war seit Ende der 1950er Jahre zwei Jahrzehnte lang ein Austragungsort für Wintersportwettkämpfe. An sich ungewöhnlich, zeichnet sich die Region doch nicht gerade durch hohe Berge und Unmengen an Eis und Schnee aus. Doch Sportbegeisterte aus Geltow und den Nachbargemeinden hielt das nicht ab: Seit 1959 stand eine Skisprungschanze am Westhang des Schäfereiberges zwischen der einstigen Bergmeierei in Geltow und dem Hotel Bayrisches Haus in Potsdam.

Von dieser ungewöhnlichen Anlage schreibt der Geltower Heinz Ofcsarik im Heimatkalender für Potsdam-Mittelmark 2020, den die Chronistenvereinigung des Landkreises herausgegeben hat. Der 81-jährige Ofcsarik, jahrelang Ortsvorsteher von Geltow, war seit Ende der 50er Jahre Sportlehrer an der örtlichen Grundschule und nahm mit seinen Schülern an den Wettkämpfen teil.

Anlage wurde aus Kiefernstämmen gebaut

„Die Skisprunganlage war ursprünglich auf Initiative von Werner Scheffler aus Caputh und Emil Schulze aus Geltow entstanden“, sagt Ofcsarik. Scheffler und Schulze hatten ihre Wintersporterfahrungen im Riesengebirge sammeln können. Die Geltower Schanze wurde 1958 bis 1959 unter Anleitung von Werner Scheffler von einem beauftragten Zimmermann aus Kiefernstämmen gebaut. Der Hang wurde aufgeschüttet. Der Anlaufturm, von dem die Skispringer starteten, war elf Meter hoch. Der Höhenunterschied vom Auslauf der Anlage bis zur Anlaufhöhe betrug insgesamt 45 Meter.

Werner Gromann, Karl-Heinz Salomon und Heinz Ofcsarik (v.l.) schauen sich Bilder der Skisprungschanze an. 
Werner Gromann, Karl-Heinz Salomon und Heinz Ofcsarik (v.l.) schauen sich Bilder der Skisprungschanze an. Foto: Andreas Klaer

Werner Gromann, einer der ehemaligen Schüler von Ofcsarik, sprang als Zwölfjähriger von der Schanze. Die anderen Gleichaltrigen, die alle vor ihm runterfuhren, waren einer nach dem anderen hingefallen. „Ich hatte mir schon die Schuhe wieder ausgezogen und wollte abbrechen“, sagt der heute 70-Jährige. Da habe Heiner Schulze, Sohn von Emil Schulze, gerufen, dass noch einer da sei, der springen müsse. „Ab dem Schanzentisch ist alles schwarz. Wie ich da runtergekommen bin, weiß ich nicht mehr“, sagt Gromann und lacht.

Ursprünglich wurden die Skisportwettkämpfe unter der Leitung vom Verein BSG Traktor Caputh ausgetragen, später übernahm das die Sportgemeinschaften aus Geltow und Caputh. Emil Schulze war Leiter der Sektion Skisport der SG Geltow und damit einer der Organisatoren der Wettkämpfe in den Geltower Bergen. Jedes Jahr wurden Kreis- und Bezirksmeisterschaften im Skisport und bis zum Ende der Anlage auch im Skisprung abgehalten.

Historische Fotos zeigen lange Schlangen entlang der Schanze. Doch nur wenn der Schnee länger lag, konnten überhaupt Wettbewerbe stattfinden, wie sich der 66-jährige Karl-Heinz Salomon erinnert, ebenfalls ein ehemaliger Schüler von Ofcsarik. Sobald sich der erste Schnee zeigte, wurden die Ankündigungen für die Wettkämpfe in den Lokalzeitungen inseriert. „Das war damals die einzige Möglichkeit, die Leute zu erreichen“, sagt Salomon. Vorher wurden noch schnell die Strecken für den Skilanglauf mit Fähnchen abgesteckt und die Spuren vorbereitet. Sogar Biathlon gab es, wie Salomon erzählt. „Wir haben mit Luftgewehren auf Luftballons statt auf Scheiben geschossen.“ Die Ballons wurden an den Bäumen festgemacht. Die Wintersportbegeisterten kamen aus Werder (Havel), Glindow und Potsdam, aber auch aus Rathenow (Havelland) oder Berlin. Auch die umliegenden Schulen beteiligten sich. Selbst Profis vom ASK Oberhof im Thüringer Wald, einem der damals erfolgreichsten Wintersportclubs der Welt, kamen vorbei, sagt Salomon.

Oftmals dünne Schneedecke

So manches Jahr sei die Schneedecke sehr dünn gewesen. Dann wurde Werner Gromann zufolge per Traktor noch Schnee vom zugefrorenen Petzinsees geholt. Kinder und Jugendliche schufen sich noch andere Trainingsmöglichkeiten. „Hinter der Schule wurden kleine Hügel gebaut und in der Pause haben die Jungs dort kleine Hüpfer gemacht, um ihren Absprung zu üben.“ Eine ähnliche aus Erde aufgeschüttete Schanze gab es auch neben der Skisprunganlage, damit die Jüngeren sich erst einmal im Springen ausprobieren konnten.

Die Schanze wurde im Winter 1958/59 nahe der Bergmeierei errichtet.
Die Schanze wurde im Winter 1958/59 nahe der Bergmeierei errichtet.Fotos: Archiv Heinz Ofcsarik

Seit 1961 hatten die Geltower auch regelmäßig im Februar Trainingslager in Masserberg im Thüringer Wald durchgeführt, auch ins Erzgebirge gab es Ausflüge zu Übungslagern und für Wettkämpfen. Dabei gab es einige Erfolge: So landete etwa Werner Gromann noch als Schüler bei Bezirksmeisterschaften unter den ersten drei Plätzen im Langlauf, Skispringen und der Nordischen Kombination. Auch Salomon erreichte im Langlauf mehrmals Plätze auf dem Siegertreppchen.

1970 war es mit der Anlage vorbei: Es gab kein Material, um die marode Schanze in Stand zu halten, so Heinz Ofcsarik. Die Anlage wurde daher wieder abgebaut. Einige Ski-Wettkämpfe, für die man keine Schanze braucht, wurden noch bis zum Winter 1989/90 kämpfe in Geltow ausgefochten.

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