Sabersky-Park in Teltow : Verhärtete Fronten

Die Eigentümer des Sabersky-Areals in Teltow mussten einst vor den Nazis fliehen. Ihre Erben werfen der Stadt vor, sie erneut enteignen zu wollen.

Ein Wäldchen mitten in der Stadt: Der sogenannte Sabersky-Park in Teltow.
Ein Wäldchen mitten in der Stadt: Der sogenannte Sabersky-Park in Teltow.Foto: Andreas Klaer

Teltow - "Wir sind zwischen die Fronten geraten”, sagt Martina Schulz. Seit einem Jahr suche ihre Familie bereits ein Baugrundstück. Mit drei Kindern werde die Berliner Wohnung zu klein. Eigentlich heißt Schulz anders, doch ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. In Teltow sollte der Traum vom Eigenheim wahr werden. Doch die Untere Baubehörde verwehrte die Baugenehmigung. Das Grundstück, auf dem Schulz bauen wollte, befindet sich im sogenannten Sabersky-Park. Eine Erbengemeinschaft möchte das Gelände entwickeln. Die Stadt will genau das verhindern - und sitzt scheinbar am längeren Hebel. 

Auf dem Gelände liegen gefällte Bäume. Die Eigentümer haben sie vor einigen Wochen abholzen lassen. Die Stadtverordneten beschlossen daraufhin eine Veränderungssperre. Jetzt ruhen die Sägen. Laut Liegenschaftskataster befindet sich das Areal an der Lichterfelder Allee im Außenbereich, es handelt sich um Wald. Für die Stadt ist der Fall klar: Dort darf nicht gebaut werden. “Das Flurstück ist im rechtswirksamen Flächennutzungsplan der Stadt Teltow als Öffentliche Grünfläche dargestellt”, teilt Sprecher Jürgen Stich mit.  

Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD) möchte dort eine Parkanlage schaffen. Im Juli 2018 hat er bei der Stadtverordnetenversammlung einen entsprechenden Bebauungsplan beantragt. Inzwischen gibt es einen Vorentwurf. 

Gestritten wird seit Jahrzehnten

Die Eigentümer wollen aber keinen Park auf ihrem Gelände. Das ist nicht unbedingt ein Hindernis. Die Planungshoheit der Gemeinden ist im Grundgesetz garantiert. Das Grundgesetz schützt allerdings auch das Recht auf Eigentum. Auf das wiederum berufen sich die Erben. Um den Konflikt zu verstehen, muss man seine lange Geschichte kennen. 

Die Sabersky-Erben haben Bäume roden lassen, die SVV hat daraufhin einen Veränderungsstopp verhängt.
Die Sabersky-Erben haben Bäume roden lassen, die SVV hat daraufhin einen Veränderungsstopp verhängt.Foto: Andreas Klaer

1872 erwarben die Brüder Max und Albert Sabersky das Gut Seehof. Der landwirtschaftliche Betrieb bestand aus einem Herrenhaus und über 80 Hektar Anbaufläche. Die Saberskys waren Berliner Kaufleute, eine christliche Familie mit jüdischen Wurzeln. Auf einem Teil ihres Grundbesitzes errichteten sie Villen. Dort wohnte unter anderem Paul Mamroth, Mitbegründer und Vorstandschef der AEG in Berlin. Auf den anderen Flächen wurden Früchte angebaut. Nachdem die Brüder um die Jahrhundertwende verstorben waren, übernahm eine Erbengemeinschaft den Besitz. 

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Ab 1933 gerieten die Familienmitglieder ins Visier der Nazis, weil sie nach deren Rassenlehre als jüdisch galten. Juden durften nun nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sein. Teltow bekam einen neuen Bürgermeister: Kurt Pilling hatte Mitte der 1920er-Jahre die Ortsgruppe der NSDAP aufgebaut. Jetzt trieb er die “Arisierung” des Sabersky-Areals voran. Dort sollte eine Wohnsiedlung entstehen. 1934 unterzeichnete ein Vertreter der Erbengemeinschaft im Rathaus einen Aufschließungsvertrag, nach dem die Fläche in Wohngrundstücke aufgeteilt werden sollte. Einen Teil der Fläche mussten die Erben an die Stadt abgeben - umsonst. Für die Umsetzung sorgte ein Makler, der ebenfalls NSDAP-Mitglied war. 

Freiwilliger Verkauf?

Fast alle Sabersky-Erben flohen in den folgenden Jahren in die USA. Nach dem Krieg befand sich das Gebiet in der sowjetischen Zone, dann in der DDR. Die Nachfahren hatten keine Chance, an ihr Eigentum zu kommen. Nach dem Fall der Mauer beantragten sie die Rückübertragung. Doch die zuständigen Ämter lehnten die Anträge ab. Begründung: Die Grundstücke seien freiwillig verkauft worden, nicht aufgrund der Verfolgung durch die Nazis. Das Potsdamer Verwaltungsgericht schloss sich dieser Sichtweise an. Die Erben klagten bis zum Bundesverfassungsgericht, wo sie Recht bekamen. Doch der Streit ging weiter. 

Der sogenannte Sabersky-Park ist ein kleiner Teil des ehemaligen Guts, etwa 1,1 Hektar. 2011 wurde die Anlage auf Betreiben von Anwohnern unter Denkmalschutz gestellt. Dort habe sich ein Hausgarten befunden, so die Begründung, angelegt vom Königlichen Oberhofgärtner Theodor Nietner. Die Sabersky-Erben bezweifelten das, sahen darin eine vorgeschobene Behauptung, deren einziger Zweck es sei, eine Bebauung zu verhindern. Sie ließen ein Gegengutachten erstellen, klagten. Ende 2017 kam ein Vergleich mit dem Landesamt für Denkmalpflege zustande. Der Denkmalschutz wurde wieder aufgehoben. Nur wenige Monate darauf beschloss die SVV die Errichtung einer Parkanlage, um den Wald zu schützen. 

Protest gegen die Abholzung von Bäumen auf dem Sabersky-Areal in Teltow.
Protest gegen die Abholzung von Bäumen auf dem Sabersky-Areal in Teltow.Foto: Andreas Klaer

Ein Sprecher der Sabersky-Erbengemeinschaft ist sich sicher: “Es geht gezielt darum, die Erbengemeinschaft an der vertragsgemäßen Nutzung ihres Grundstückes zu hindern.” Das liefe auf eine erneute Enteignung hinaus, sagt er. 

Stadt bietet Kauf an

Um dennoch bauen zu können, berufen sich die Sabersky-Erben ausgerechnet auf jenen Aufschließungsvertrag, den ihre Vorfahren 1934 unterzeichnen mussten. Damals wurde auch ein Baugebietsplan erstellt, der eine Wohnbebauung vorsieht, und eine Aufteilungsgenehmigung. Doch diese Dokumente spielen nach Ansicht der Stadtverwaltung keine Rolle. Gebaut werden dürfe nicht. Der Sprecher teilt mit: "Die Stadt Teltow ist bereit, das Grundstück zu einem angemessenen Preis käuflich zu erwerben und dem Planungsziel entsprechend als Öffentliche Grünfläche zu widmen. Im Übrigen handelt es sich bei dem Baumbestand auf dem Flurstück um Wald.” 

Die Vorstellungen von einem “angemessenen Preis” dürften weit auseinander liegen. Der Bodenrichtwert liegt in diesem Gebiet den Gutachterausschüssen zufolge bei 430 Euro pro Quadratmeter für Wohnbaufläche, ein Quadratmeter Wald kostet hingegen einen Euro. 

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