PNN-Talk zur Landtagswahl in Kleinmachnow : Mensch, wer bist Du?

Wie Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff am Donnerstagabend in der Evangelischen Kirche Kleinmachnow die Kandidaten des Wahlkreises 20 herausforderte.

Der PNN-Wahltalk "Aus unserer Mitte" im Gemeindesaal der evangelischen Kirche Kleinmachnow. 
Der PNN-Wahltalk "Aus unserer Mitte" im Gemeindesaal der evangelischen Kirche Kleinmachnow. Foto: Manfred Thomas

Kleinmachnow - Es war ein ungewöhnliches Format an einem ungewöhnlichen Ort: Unter einem großen Kreuz im Saal der evangelischen Kirchengemeinde in Kleinmachnow diskutierten die sieben Direktkandidaten des Landtags-Wahlkreises 20 am Donnerstagabend über Politik. Moderiert wurde der PNN-Wahltalk "Aus unserer Mitte" von Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff. Es waren knapp 300 vor allem Kleinmachnower, Teltower und Stahnsdorfer zur gemeinsamen Veranstaltung des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN) gekommen.

Wer ist der Mensch hinter dem Politiker?

Die Kandidaten saßen in der Mitte des Saales wie in einer Arena und auf drehbaren Hockern, um für das sie umgebende Publikum zu allen Seiten hin offen zu sein. Casdorffs Ziel an diesem Abend: Den Menschen hinter dem Politiker und der Politikerin zum Vorschein zu bringen. Warum lässt sie oder er sich aufstellen? Was treibt den Menschen an, warum ist er in die Politik gegangen - und wovor hat er, möglicherweise gemeinsam mit seinen potenziellen Wählern, Angst?  

Linke-Direktkandidatin Marlen Block und Moderator Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Tagesspiegels. 
Linke-Direktkandidatin Marlen Block und Moderator Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Tagesspiegels. Foto: Manfred Thomas Tsp


Casdorff bat, auch mit Verweis auf den Ort des Gesprächs, um ehrliche Antworten. Er führte mit den Kandidatinnen und Kandidaten eine Art Werkstattgespräch, um sich gemeinsam Themen der Zeit anzunähern. Themen, die zum Teil auch eine Spaltung der Gesellschaft widerspiegeln - wie die Ängste, die offenbar Menschen im Osten Deutschlands mehr umtreiben als im Westen, Möglichkeiten einer neuen Beteiligung der Bürger, die sich vielleicht abgewandt haben von der Politik. Erst zum Ende der gut anderthalb Stunden Gespräch ging es um Konkretes aus der Region, zum Beispiel um die Stammbahn oder das Nachtflugverbot. 

Rente, Klimaschutz und Nachtflugverbot 

Die ungewöhnliche Herangehensweise überraschte die Kandidaten, manche schienen zunächst auch etwas überfordert - sind die meisten von ihnen doch keine Politprofis, sondern kandidieren zum ersten Mal um ein Landtagsmandat. Manche ließen sich schneller ein, bei manchen dauerte es. Das gleiche galt für das Publikum. Wer sich eher auf konkretes Abfragen der Wahlprogramme eingestellt hatte, wurde damit nicht bedient. 

Alexandra Pichl (Bündnis 90/Die Grünen, M.), daneben Andreas Wolf (BVB/Freie Wähler, l.).  
Alexandra Pichl (Bündnis 90/Die Grünen, M.), daneben Andreas Wolf (BVB/Freie Wähler, l.).  Foto: Manfred Thomas

Doch das Publikum wurde einbezogen: Auf Papier konnten die Zuhörer ihre Fragen notieren und sie in eine transparente Lostrommel werfen. Aus dieser zog der Moderator im Laufe des Abends einige Fragen und stellte sie den Kandidaten. Jene, die gezogen wurden, hatten erstaunlicherweise kaum Fragen zu lokalen oder regionalen Themen gestellt. Sie beschäftigten Themen wie der Kohleausstieg und der Strukturwandel in der Lausitz, der Umgang mit dem Klimawandel und dem Hass Rechtsextremer im Netz. 

Ein ungewöhnlicher Talk an einem dafür ungewöhnlichen Ort.
Ein ungewöhnlicher Talk an einem dafür ungewöhnlichen Ort.Foto: Manfred Thomas


Konkret wurde es, als der Moderator die Kandidaten nach Formen der Bürgerbeteiligung fragte. Als positives Beispiel dafür, wie man es schafft,  Menschen wieder mehr an der Politik zu beteiligen, nannte Casdorff  die Familienkonferenzen in Nuthetal – wären sie nicht auch auf Landesebene möglich? Oder wäre ein Bürgerhaushalt auf Landesebene, so wie das die Linke fordert, eine Option? Er wolle, dass die Kandidatinnen und Kandidaten "neu denken", den Zuschauern etwas vermitteln, was diese noch nicht wüssten oder im Parteiprogramm nachlesen könnten. 

Sebastian Rüter (SPD, r.), neben ihm Dietrich Rudorff (CDU).
Sebastian Rüter (SPD, r.), neben ihm Dietrich Rudorff (CDU).Foto: Manfred Thomas


Zu Abstrahieren, was von dem, was in der Kommune bereits funktioniert, auf der nächsthöheren Ebene, der Landesebene, auch gut ankommt, fiel vielen Kandidaten nicht leicht. Alexandra Pichl (B90/Grüne) und Marlen Block (Linke) konnten hier punkten: Pichl sprach von der Möglichkeit eines Wahlkreishaushalts, mit dem Ideen von Wählern eines Wahlkreises umgesetzt werden. Auch sprach sie sich für einen Kinder- und Jugendbeirat auf Landesebene aus. Block hingegen forderte, dass man jetzt anfangen müsse, „Dinge neu zu denken“, um den Anschluss an die Wähler zu behalten. 

Hans-Peter Goetz (FDP) im Kirchsaal der evangelischen Gemeinde Kleinmachnow. 
Hans-Peter Goetz (FDP) im Kirchsaal der evangelischen Gemeinde Kleinmachnow. Foto: Manfred Thomas

Was tun gegen Hetze im Netz?

Interessant war  auch die  Frage aus dem Publikum, wie die Kandidaten dem wachsenden Hass in den sozialen Medien und auf der Straße  begegnen   wollen und wie  rechtsextreme Absender in ihre Schranken gewiesen werden sollen. Casdorff bat passenderweise zuerst AfD-Kandidat Hans-Stefan Edler um Antwort. Und er wie auch die anderen Kandidaten antworteten fast erwartbar. Edler verwies sofort auf den Linksextremismus, Block, Sebastian Rüter (SPD) und Pichl  sprachen sich für mehr Zivilcourage aus. Hans-Peter Goetz und Dietrich Rudorff (CDU) kamen auf den aus ihrer Sicht im Land schlecht aufgestellten Apparat der Ermittler bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu sprechen und forderten eine bessere Strafverfolgung bei Hetze im Netz.

Hans-Stefan Edler (AfD) im Gespräch mit Moderator Stephan-Andreas Casdorff.
Hans-Stefan Edler (AfD) im Gespräch mit Moderator Stephan-Andreas Casdorff.Foto: Manfred Thomas

Anbindung an die Schiene: Gemischtes Bild der Kandidaten

Zum Ende hin wurde es dann doch noch lokal, es gab ein klares Votum für ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Weniger klar waren die Positionen zum Thema Stammbahn und der S-Bahn-Verlängerung. Rüter, Block und Pichl sprachen sich für beide Ausbauvarianten aus. Goetz, Rudorff und Edler wollen die Priorität auf die S-Bahn nach Stahnsdorf legen, das sei aus ihrer Sicht realistischer in der Umsetzung. 


Der Abend endete mit den Worten des Superintendenten Johannes Krug. Egal, welche Partei man wähle, „entscheiden Sie mit Ihrem Herzen, der Vernunft und Ihrem Gewissen“, so der Appell des Gastgebers. Casdorff hatte sein Ziel erreicht: Die Kandidaten mussten sich bekennen. Und ihr Gesicht zeigen. Dieses zu beobachten, wenn Casdorff eine jeweils neue Frage stellte, konnte schon sehr vielsagend sein.


Alle Fragen des Publikums und alle Antworten der Kandidatinnen und Kandidaten darauf finden Sie am Montag auf www.pnn.de