Potsdam-Mittelmark : Ohne aufs Brett zu schauen

Ein fast blinder Schachspieler aus Stücken setzt sehende Gegner schachmatt

Ein Kinderspiel? Der 15-jährige Mirko Eichstaedt spielt regelmäßig Blitzschach gegen seinen sehenden Freund Tim Cech.
Ein Kinderspiel? Der 15-jährige Mirko Eichstaedt spielt regelmäßig Blitzschach gegen seinen sehenden Freund Tim Cech.

Michendorf - Mit einem Handschlag eröffnen Mirko Eichstaedt und Tim Cech ihre Partie. Die ersten Bauern werden geopfert, dann geht es los. Blitzschnell zieht Mirko sein Pferd vor, dann den Läufer. Nach jedem Zug schlägt er schwungvoll auf die Stoppuhr. Eigentlich hat Tim einen Vorteil, denn Mirko ist fast blind. Der 15-jährige Junge aus Stücken sieht nur noch zehn Prozent auf einem Auge. Doch Mirko wirkt zielstrebig, treffsicher, angriffslustig.

Schach ist seine große Leidenschaft: „Mit vier Jahren habe das von meine Opa gelernt“, erzählt das Jugendtalent des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbundes. In der Grundschule Wilhelmshorst ging es in der Schach-AG weiter. Mittlerweile trainiert er im Schachverein der Uni Potsdam. Vor Kurzem hat er zum zweiten Mal die Landesmeisterschaften des Brandenburgischen Schachverbandes gewonnen. Den ersten Platz hat er im Spiel gegen einen sehenden Kontrahenten, gegen seinen besten Freund Tim, verteidigt.

Für Mirko ist es nichts Besonderes mehr, gegen Gegner anzutreten, die sehen können. „Ich habe ja von Anfang an gegen sie gespielt und bin das gewöhnt.“ Sein Trainer Karsten Graudons meint: „Das ist eine wahnsinnige Gedächtnisleistung.“ Kein Spieler des Universitätsvereins habe so ein gutes Gedächtnis wie Mirko.

Aus Sicht seines Trainers scannt der sehbehinderte Junge das Brett nur einmal ab und merke sich dann nach jedem Zug die neue Position einer Figur. „Man merkt ihm an, dass er bei seinen Zügen überlegt, ohne auf das Brett zu schauen“, sagt Graudons. Wenn er die komplette Aufstellung bis ins Detail im Kopf hätte, könnte er leicht etwas übersehen. Seine Gedächtnisleistung ist für den jungen Schachspieler keine besondere Begabung. Im Gegenteil – er sagt, dass er sich gar nicht so viel merken müsse, weil er ja doch noch ein bisschen sehe. Blinde Spieler hätten es viel schwerer.

Wenn Mirko etwas lesen muss, dann führt er die Buchstaben bis vor die Nasenspitze, um sie zu erkennen. Während des Unterrichts im Potsdamer Leibniz-Gymnasium nutzt er eine Tafelbildkamera. Sie ist in einen Laptop integriert, der vor ihm auf dem Tisch steht. Mithilfe dieser Technik wird das, was auf der Tafel oder in Büchern steht, für Mirko auf dem Laptop vergrößert.

Mit seinem Freund Tim verbringt Mirko viel Zeit. Man sieht, die beiden Jungs sind ein eingespieltes Team. Tim läuft voran, Mirko geht immer ein Stück hinter ihm. In ihrer Freizeit spielen sie Schach oder lösen Matheaufgaben. Seit der vierten Klasse sind beide im Potsdamer Club der jungen Mathematiker.

Im letzten Jahr hat der junge Schachspieler auch das Siegertreppchen der Potsdamer Matheolympiade erklommen. Auch Mirkos Leidenschaft für Zahlen verrät, dass seine Gedächtnisleistungen beachtlich sein müssen. „Mathe hilft beim Schach – so kann man fünf bis sechs Züge weiter rechnen und sich besser einen Fahrplan überlegen, dass die eigenen Figuren gut stehen.“ Eine Figur stehe dann gut, wenn man angreifen und verteidigen könne, die Figur aber nicht angreifbar sei, erklärt er.

Für den Michendorfer Jungen ist klar, dass er später Mathe studieren und danach in einer Bank arbeiten wird. Eine Karriere als Schachspieler kommt nicht infrage. „Um das professionell zu machen, investiere ich zu wenig Zeit.“ Dabei spielt er fast jeden Tag, selbst in den Ferien. Ob Griechenland, Serbien oder Argentinien – mit seinen Eltern macht er Ferien, wo die Turniere stattfinden. Sie unterstützen ihn, können seine Leidenschaft für das Spiel der Könige aber nicht immer nachvollziehen. „Schachspieler sind eben exotisch, verplant und durcheinander“, sagt er entschuldigend. Und er gibt zu, so manchmal auch zu sein.

Gegenüber Fremden ist Mirko eher zurückhaltend, mit Schachspielern komme er indes schnell ins Gespräch. Seine Schachfreunde begrüßt er nicht mit einem Hallo, sondern mit einer Frage zu einer komplizierten Figurenstellung.