Michendorf : Bahnhof Michendorf an privaten Investoren verkauft

Ein privater Investor hat den Michendorfer Bahnhof für 313.000 Euro ersteigert. Nachdem die Gemeinde beim Kauf gescheitert ist, gibt es Rücktrittsforderungen gegen Bürgermeister Reinhard Mirbach.

Ein privater Investor hat den Bahnhof Michendorf ersteigert - für 313.000 Euro.
Ein privater Investor hat den Bahnhof Michendorf ersteigert - für 313.000 Euro.Foto: A. Klaer

Michendorf/Berlin - Der Berliner Unternehmer Thomas Drechsel hat den Bahnhof Michendorf gekauft. Für 313 000 Euro hat der Investor bei der Versteigerung der Deutschen Grundstücksauktionen AG im Abba Berlin Hotel in der Nähe des Kurfürstendamms den Zuschlag erhalten. Zehn Minuten dauerte der Bieterwettstreit um das denkmalgeschützte, historische Bahnhofsgebäude, das die Deutsche Bahn versteigern ließ. Drechsel gehören bereits mehrere Bahnhofsgebäude in Berlin, der prächtigste ist der S-Bahnhof Mexikoplatz in Zehlendorf.

Drechsel will den 1913 fertiggestellten Michendorfer Bahnhof sanieren und die dort vorhandenen fünf Wohnungen, von denen derzeit nur zwei vermietet sind, wieder herrichten. Sollte dies nicht genehmigt werden, will er Gewerbeflächen anbieten. Auch einen Kiosk in der Bahnhofshalle direkt neben der Unterführung hält er für sinnvoll und hofft, dass er brandschutztechnisch möglich ist. Mit der Besitzerin des Bahnhofsrestaurants „Schneider’s“ habe er bereits gesprochen, das Restaurant solle im Bahnhof bleiben. Auch einen vorhandenen Gewölbekeller will er für Gastronomie oder als Clubraum nutzbar machen. Die Besitzerin der ebenfalls im Bahnhof ansässigen Psychotherapiepraxis habe er noch nicht gesprochen, zu deren Verbleib hat sich Drechsel noch nicht festgelegt.

Fünf Interessenten für den Bahnhof Michendorf - Drechsel konnte sich durchsetzen

In der Region ist Drechsel kein Unbekannter. Er hatte vor mehreren Jahren den markanten roten Raststättenturm des früheren Grenzkontrollpunkts Dreilinden gekauft, um dort ein Jugendhotel, einen Club und ein Diner nach US-amerikanischem Vorbild zu errichten. Später gab er das Projekt auf und verkaufte das Areal 2012. Zudem ist Drechsel Besitzer der Imbisskette Wurstmaxe aus Berlin-Dahlem. Einen genauen Zeitplan zur Sanierung hat Drechsel noch nicht. Er wolle mit der Bahn, dem Brandschutz und der Gemeinde zügig verhandeln und sich demnächst auch in Michendorf noch einmal vorstellen.

Mindestens fünf Interessenten hatten für den Bahnhof Gebote abgegeben. Vom Startgebot von 98 000 Euro ging es sprunghaft auf 150 000 Euro. Zum Ende überboten sich Drechsel und ein unbekannter Bieter am Telefon in 2000-Euro-Schritten.

Die Bieter hatten der Gemeinde signalisiert, höher zu gehen

Kurz vor Beginn der Versteigerung glaubte Bürgermeister Reinhard Mirbach (CDU) nicht mehr daran, dass die Gemeinde oder einer der Investoren, mit denen sie Verträge abgeschlossen hatte, den Zuschlag erhält. Selbst hatte er kein einziges Mal die Hand bei der Auktion oben. Er hatte zuvor im Vorraum des Versteigerungssaals mit zwei vorher unbekannten Investoren gesprochen, unter anderem mit Thomas Drechsel. Dem Bürgermeister war ein Nachtragshaushalt von 295 000 Euro für den Bahnhof genehmigt worden. Die Bieter hätten signalisiert, dass sie höher gehen würden, so Mirbach vor der Auktion.

Der Bürgermeister saß im Auktionssaal neben der Vertreterin eines Schweizer Investors und dem Projektentwickler Jürgen Stoye aus Wilhelmshorst. Stoye und der Investor hatten sich beim Bahnhofsverfahren zusammengetan und zudem einen Deal mit der Gemeinde unterschrieben, nachdem Michendorf erst mitbieten würde, wenn die nicht öffentlich bekannte Höchstgrenze von Stoye und seinem Partner überboten würde. Im Gegenzug hatte sich Stoye bereiterklärt, nach zwei Jahren einen Bauantrag zu stellen und drei Jahre nach Baugenehmigung die Sanierungsarbeiten am knapp 700 Quadratmeter großen Bahnhof abgeschlossen zu haben. Doch auch die Hand der Vertreterin des Schweizer Investors ging bei den Geboten nur einmal nach oben. Die Gemeinde hatte noch mit einem weiteren Interessenten einen Deal geschlossen, der jedoch ebenfalls nicht zum Zuge gekommen ist.

„Ich hoffe jetzt auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Investor und dass er sein Konzept für den Bahnhof umsetzt“, so Mirbach nach der Auktion. Wegen der Unterbringung eigener Einrichtungen wie einer Kita im Bahnhof – was etwa das Konzept der Michendorfer Grünen vorsah – wolle er nicht auf Drechsel zugehen, obwohl dieser vorher Zustimmung signalisiert hat.

Bürgermeister Mirbach bevorzugte privaten Investoren

Obwohl im Jahr 2015 bei einer Bürgerumfrage 1 700 Michendorfer für den Bahnhofskauf durch die Gemeinde unterschrieben haben, hatte Mirbach zuletzt keinen Hehl daraus gemacht, dass er einen privaten Investor bevorzugt. Da die Gemeinde keine eigene Wohnungsgesellschaft hat, die den Bahnhof bewirtschaften könnte, würde sie Mirbach zufolge im Gegensatz zu privaten Investoren wesentlich mehr Steuern zahlen müssen.

Die Opposition in Michendorf kritisierte Mirbach für sein Vorgehen scharf: FDP-Ortsvorsitzender Uwe Große-Wortmann forderte noch am Nachmittag den Rücktritt des Bürgermeisters. „Anstatt eine der vielen Möglichkeiten des geräuschlosen Erwerbs vor Monaten zu nutzen, wollten die Gemeinde-Verantwortlichen pokern“, so Große-Wortmann. Wie berichtet hatte die Gemeinde der Bahn ein Kaufangebot für 50 000 Euro unterbreitet, zuerst wollte sie sogar nur 19 000 Euro zahlen.

"Hätten wir der Bahn 100.000 Euro geboten, hätten wir den Bahnhof auch bekommen"

Volker-Gerd Westphal von der SPD stellte zwar selbst keine Rücktrittsforderung, bedauern würde er einen solchen Schritt jedoch nicht. „Hätten wir der Bahn wie von der SPD vorgeschlagen im vergangenen Jahr 100 000 Euro für den Bahnhof geboten, hätten wir ihn auch bekommen“, war sich Westphal sicher. Die Gemeinde habe sich angesichts der jetzigen Kaufsumme mit ihren damaligen Angeboten lächerlich gemacht. Nun müsse man das Gespräch mit dem neuen Besitzer suchen.

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