Grabungen auf dem Gutshof : Entdeckungen unterm Dorfkern

Keramik, die etwa tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden ist, historisches Pflaster und Kessel, mit denen wohl Zucker aus Kartoffeln hergestellt wurde: Die Spuren, auf die das Archäologiebüro ABD-Dressler bei Grabungen auf dem ehemaligen Kleinmachnower Gutshof gestoßen ist, ermöglichen einen Blick weit zurück in die Geschichte des Ortes.

Kirsten Graulich

Kleinmachnow - Ältester Fund war eine Grube mit Keramik, die auf eine Siedlung aus der Jungbronzezeit, etwa 1000 Jahre vor Christus verweist, erzählte Torsten Dressler am Samstag bei der Vorstellung der Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen im Gemeindehaus am Jägerstieg.

„Bei solchen Funden lässt sich oft schnell einschätzen, aus welcher Zeit sie stammen“, sagt Dressler. Denn bei Keramikfunden gebe es nicht nur charakteristische Formen, auch Glasur und Muster geben Aufschlüsse über ihre Entstehungszeit. Beim Kleinmachnower Fund waren es vor allem charakteristische horizontalen Rillen, die auf die Bronzezeit verweisen. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Funde steht noch an.

Funde aus der Bronzezeit

Im Frühjahr 2016 begannen im Vorfeld des Kirchenneubaus die Grabungen auf einem Areal von rund 2200 Quadratmetern, das zwischen Bäkemühle und Dorfkirche an den Zehlendorfer Damm angrenzt. Etwa 180 archäologische Funde wurden zutage befördert, davon 80 Baubefunde. Allein fünf Gruben stammen aus der Bronzezeit. Auch die Reste eines mit Feldsteinen eingefassten mittelalterlichen Brunnens brachten die Archäologen ans Tageslicht. Aus dem Mittelalter stammen zudem die Reste eines Grubenhauses, dessen Grundriss etwa vier mal fünf Meter maß und mit Anbauten rund 30 Jahre genutzt wurde. Grubenhäuser waren meist in die Erde eingegrabene Gebäude, die nicht nur als Wohnraum, sondern auch als Werkstatt genutzt wurden. Aus der gleichen Zeit wie die das Haus stammen auch die Funde von gebrannter Ton-Grauware, die bereits auf Drehscheiben gefertigt wurde. „Das war seinerzeit bereits alltägliches Gebrauchsgeschirr und Massenware“, so Dressler.

Akribische Zeichnungen halfen den Archäologen

Die meisten Funde gab es dort, wo sich einst das Wirtschaftsgebäude des Rittergutes befand, parallel zum heutigen Zehlendorfer Damm. Trotz Umbauten waren an den Fundamenten noch die Einteilungen in Kühe- und Schweineställe erkennbar, weiter nördlich befand sich ein Pferdestall. „Neben alten Ansichtskarten und Plänen haben uns vor allem die akribischen Zeichnungen von Helfried Winzer sehr geholfen“, sagte der Archäologe. Der Kleinmachnower Künstler und Filmarchitekt hatte ein Modell des Rittergutes gebaut, das im Rathaus ausgestellt ist und viel über das alte Dorf Kleinmachnow erzählt. Auch Lagepläne und Aufrisse der Gebäude hatte Winzer gefertigt, die Genauigkeit seiner Maßangaben verblüfften Dressler: „Das stimmt alles und hat uns bei der Zuordnung von Details sehr geholfen“.

Bei den Grabungen wurde auch eine Kalkgrube freigelegt. Mit Kalk wurde nicht nur Ackerboden verbessert, auch Ställe wurden damit getüncht und schon im Mittelalter verwendeten Bauleute Kalkmörtel zum Abdichten und Verputzen von Gebäuden. Vorm Wirtschaftsgebäude stießen die Archäologen auf zwei Arten von Pflasterungen. Die Anordnung der Steine ließ Dressler respektvoll anmerken: „Die haben im Mittelalter noch sauber gearbeitet“. Das Pflaster habe die Zeit ungewöhnlich gut überstanden.

Alte Kesselanlage entdeckt

Ein weiterer interessanter Fund resultiert aus dem Grundriss einer Kesselanlage, die mit einer Länge von sechs Metern angelegt wurde. Je drei Meter betrug der Durchmesser eines Kessels. Vermutlich wurde die Anlage laut einem zeitgenössischen Lexikon 1834 als Kartoffel-Zucker-Siederei errichtet. Sie soll jedoch nicht lange in Betrieb gewesen sein, da sie keinen Gewinn abwarf, wie Dressler recherchiert hatte. Er kenne kein vergleichbares Objekt in ganz Brandenburg.

Die Zuckergewinnung aus einheimischen Rüben und Kartoffeln erhielt erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts einen Schub, da die Einfuhr von Kolonialzucker aufgrund einer von Napoleon verfügten Wirtschaftsblockade unterbunden wurde. Während aus Rüben vorwiegend Weißzucker gewonnen wurde, war das Stärkemehl von Kartoffeln durchaus geeignet zur Sirupherstellung, wie ein Historisches Jahrbuch von 1837 empfiehlt. Ob die Zuckergewinnung nur einer Vorstufe zur Erzeugung eines geistigen Getränks dienen sollte, bleibt Spekulation.

Champagner aus der Weimarer Republik

Geistigen Getränken schienen die Bewohner des Gutes nicht abgeneigt, wie der Fund einer Flasche Danziger Goldwasser, einem Gewürzlikör, sowie Flaschen der Berliner Likörfabrik Hartwig Kantorowicz belegen. Auch Champagnerflaschen aus Zeiten der Weimarer Republik und viele Porzellanverschlüsse von Bierflaschen sind durchaus Beleg, dass es oft Anlass zum Feiern gab – und dass an Tafeln mit edlem Geschirr, wie Scherbenreste von französischem und englischem Porzellan beweisen, die ebenfalls zu den Fundstücken zählen.

Rätsel gibt noch der Fund einer Aluminium-Erkennungsmarke auf, die von einem Motorradfahrer einer Genesungsabteilung stammt. Die Zahl 12 steht ganz oben, darunter „2.Gen.Abt.KP“ und in dritter Zeile „K.E.B.4“. Vielleicht, so hofft Dressler, kann über eine Veröffentlichung dieser Daten das Schicksal des Eigentümers aufgeklärt werden, das vielleicht auch ein Stück Ortsgeschichte ist.