Flüchtlinge in Potsdam-Mittelmark : Eine neue Heimat in Michendorf

Im Dezember mussten jugendliche Flüchtlinge aus dem Ankerhaus in Caputh ausziehen. In Michendorf haben sie ein neues Zuhause gefunden und jetzt zum Tag der offenen Tür eingeladen.

Neues Zuhause. Farshid ist vor drei Jahren aus Afghanistan geflohen und nach Deutschland gekommen. 
Neues Zuhause. Farshid ist vor drei Jahren aus Afghanistan geflohen und nach Deutschland gekommen. Foto: Ottmar Winter

Michendorf - Eine große Lichterkette an der Decke spendet warmes Licht, auf der Vitrine mit persönlichen Gegenständen und Andenken sitzt ein Teddybär, an den Wänden hängen eine Gitarre, Bilder und ein Traumfänger. „Ich habe das Zimmer gesehen und wollte es sofort haben“, sagt Farshid, der sich den gemütlichen Raum eingerichtet hat.

Alle sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Farshid ist 17 Jahre alt. Der Afghane wohnt zurzeit gemeinsam mit acht anderen männlichen Jugendlichen zwischen 15 bis 19 Jahren in der Jugendwohngruppe des Sozialträgers Job gGmbH in Michendorf. Sie alle sind sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, haben ohne ihre Familien ihre Heimat verlassen und leben seither in Deutschland in betreuten Wohngruppen wie in der Orionstraße in Michendorf.

Am Freitag luden die Jugendlichen und ihre Betreuer die Nachbarschaft zu einem Tag der offenen Tür ein. Denn sie sind gerade erst frisch eingezogen: Mitte Dezember mussten die Jugendlichen aus ihrer bisherigen Wohnstätte, dem Caputher Ankerhaus, wie die ehemalige Gaststätte und Hotel „Goldener Anker“ genannt wird, ausziehen. Das Gebäude, in dem seit 2016 bis zu 27 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus zehn Nationen untergebracht waren, musste 2017 zwangsversteigert werden

Kennenlernen. Zum Tag der offenen Tür durften die Nachbarn vorbeischauen.
Kennenlernen. Zum Tag der offenen Tür durften die Nachbarn vorbeischauen.Foto: Ottmar Winter

Erworben hatte es die Firma Taruk International, die von Melanie Haape geführt wird. Haape wollte die Jugendlichen nicht einfach auf die Straße setzen und verlängerte den Vertrag noch bis Ende 2018, berichtet Hans Hansen, Fachbereichsleiter für stationäre Hilfen zur Erziehung. Nun soll das ehemalige Hotel zum Wohn- und Geschäftshaus umgebaut werden.

Für die Wohngruppe sind fünf Betreuer verantwortlich

Das neue Haus in der Orionstraße in Michendorf ist in Privatbesitz und an den Sozialträger vermietet. Ein Doppelzimmer und sieben Einzelzimmer gibt es. Die drei Ältesten Flüchtlingsjungs wohnen in einer Einliegerwohnung und haben eine eigene Küche, Bad und Waschmöglichkeiten. Alle müssen mitanpacken und sind der Reihe nach zum Putzdienst eingeteilt. Fünf Betreuer sind für die Wohngruppe verantwortlich. Zwei sind jeden Nachmittag vor Ort. Vormittags sind die Jugendlichen in der Schule oder bei ihren Ausbildungsstellen.

Das Haus in der Orionstraße in Michendorf.
Das Haus in der Orionstraße in Michendorf.Foto: Ottmar Winter

Der Sozialträger betreut noch andere Einrichtungen in Potsdam-Mittelmark. Der ursprüngliche Verein Job e.V. wurde 1993 in Teltow gegründet. 2017 ging der Verein dann als neuformierte gGmbH in der Stiftung auf, wie Hansen erklärt. Derzeit betreut der Sozialträger 25 junge Menschen in vier Einrichtungen für Jugendliche und Kinder in Michendorf, Caputh und Teltow. Die Job gGmbh betreut außerdem Familienzentren, ist mit ihren Sozialarbeitern an Schulen, Kitas und in Jugendeinrichtungen.

Farshids Familie wurde auf der Flucht verhaftet

In der Wohngruppe in Michendorf kommen vier der Jungs aus Afghanistan, vier aus Somalia und einer aus dem Iran. Farshid ist 2015 mit seiner Familie aus Kabul geflohen. Im Iran wurden die anderen Familienmitglieder von der Polizei verhaftet, wie er erzählt. Er sei weggerannt und habe entkommen können. Seine Familie sei wieder zurück in Afghanistan. Einen Monat war Farshid unterwegs, durchquerte Pakistan, Griechenland, die Türkei – bis er in Deutschland ankam. „Ich hatte gehört, dass den Flüchtlingen hier geholfen wird. Hier bin ich sicher“, sagt der 17-jährige Schüler. 

Am Oberstufenzentrum in Werder (Havel) besucht er die zehnte Klasse. Gerne würde er danach eine Ausbildung zum Mechatroniker machen. Bisher hat er jedoch noch keine Lehrstelle gefunden. In Michendorf fühlt er sich wohl, hat viele Freunde gefunden. Er spielt gerne Fußball, würde sich aber am liebsten in einem Fitnessstudio anmelden. „Aber das bezahlt das Jugendamt nicht“, sagt er und lächelt.

Qudrad weiß nicht, wo seine Familie ist

Qudrad ist mit seinen 15 Jahren der jüngste der Wohngruppe. Vor mehr als einem Jahr kam er aus Afghanistan nach Deutschland. An der Oberschule in Brück geht er in die achte Klasse. „Herzlich willkommen“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Schnell hat der Jugendliche Deutsch gelernt. „Viele in meiner Schule können es nicht glauben, dass ich erst ein Jahr und drei Monate in Deutschland bin“, sagt er. Er sei ein fleißiger Schüler. Später möchte er eine Ausbildung zum Kraftfahrer beginnen oder zur Polizei. 

In seiner Heimat habe er Krieg erlebt, zurück möchte er nicht. „Ich kann nicht dahin, ich bin noch ein Kind. Ich bin froh, hier zu sein.“ Mit seiner Familie sei der Kontakt nach seiner Ankunft in Deutschland abgebrochen, weil sie im Land auf der Flucht vor den zahlreichen bewaffneten Konflikten seien. Wo sich seine vier Geschwister und seine Eltern derzeit aufhalten, das wisse er nicht.

Hans Hansen ist Fachbereichsleiter für stationäre Hilfen zur Erziehung.
Hans Hansen ist Fachbereichsleiter für stationäre Hilfen zur Erziehung.Foto: Ottmar Winter

Die Arbeit mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen begann für die Stiftung nach dem rasanten Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015, erklärt Hans Hansen. „Damals haben wir in Teltow als Träger 30 unbegleitete Jugendliche aufgenommen, weil es bis dahin keine solche Einrichtung für den Bedarf gab.“ Mittlerweile sei die Zahl merklich zurückgegangen. Zudem würde rund 80 Prozent der Asylanträge der Jugendlichen abgelehnt, so Hansen. Die rechtlichen Hürden seien hoch. Für die Sozialarbeiter sei die Arbeit eine Gratwanderung. In erster Linie würden sie versuchen, die Jungs zu integrieren, ihnen Bildungschancen zu ermöglichen und bei der Ausbildungs- und Arbeitssuche zu unterstützen. Wenn die Behörden nach vier, fünf Jahren über die Anträge entscheiden, sehe es dann vielleicht mit dem Bleiberecht anders aus.