Die Lage in den Seniorenheimen : Isoliert, bedroht, schlecht ausgerüstet

In einem Werderaner Pflegeheim haben sich 15 Bewohner und sechs Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Auch in anderen Seniorenheimen in der Mittelmark ist die Lage angespannt.

15 Bewohner und sechs Mitarbeiter im Werderaner Pflegeheim „Haus Am Zernsee“ haben sich mit dem Coronavirus infiziert.
15 Bewohner und sechs Mitarbeiter im Werderaner Pflegeheim „Haus Am Zernsee“ haben sich mit dem Coronavirus infiziert.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es trifft die Schwächsten: Menschen, die auf Hilfe von anderen angewiesen sind, die nicht mehr von ihren Angehörigen besucht werden können. Abgeschottet von der Außenwelt, ist die Situation aufgrund der Coronakrise derzeit auch in vielen Pflege- und Seniorenwohnheimen in der Mittelmark und in Potsdam angespannt.

Der Vorfall in dem Werderaner Pflegeheim „Haus Am Zernsee“ zeigt, wie schnell die Lage umschlagen kann. 15 Bewohner und sechs Mitarbeiter der Pflegeeinrichtung haben sich mit dem Coronavirus infiziert, wie am Samstag bekannt wurde. Ein Bewohner ist bereits verstorben. Wie sich das Virus ausbreiten konnte, ist bisher noch nicht geklärt.

Der Gesundheitszustand des ersten infizierten Bewohners hatte wie berichtet kurz nach seiner Entlassung aus dem Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus, in dem er wegen einer anderen Erkrankung behandelt wurde, verschlechtert. Er musste erneut ins Krankenhaus und verstarb dort. Rund anderthalb Tage war er zwischen den Krankenhausaufenthalten in der Werderaner Senioreneinrichtung.

Infizierte werden strikt von gesunden Bewohnern getrennt

Dort herrscht jetzt Ausnahmezustand, auch wenn die Leitung versucht, den bisherigen Alltag so gut wie es geht, aufrechtzuerhalten. „Die Bewohner sind in ihren Wohnbereichen oder Zimmern isoliert. Die Mahlzeiten nehmen sie in ihren Zimmern ein“, sagte die Leiterin, Johanna Horn, am Montag den PNN.

Das mittelmärkische Gesundheitsamt empfahl der Einrichtung eine sogenannte Kohortenisolierung. Um die weitere Ausbreitung mit dem Virus im Haus mit seinen 82 Bewohnern zu verhindern, müssen Infizierte strikt von gesunden Bewohnern getrennt werden. „Die wohnbereichsübergreifenden Veranstaltungen und Aktivitäten wurden eingestellt. Wir nutzen diese Zeit und ermöglichen unseren Bewohnern vermehrt Einzeltherapien, Gedächtnistraining oder 10-Minuten-Aktivierungen“, so Horn, die die derzeitige Situation als Herausforderung für alle bezeichnet.

Höchst schwierige Lage

Wie schwierig die Lage in den Seniorenheimen ist, schließt Kreissprecher Kai-Uwe Schwinzert aus Berichten, die an den Corona-Krisenstab des Kreises gingen: „Schutzausrüstungen sind in vielen Häusern knapp, bei manchen reicht das Material noch nicht einmal mehr für eine Woche.“ Zwar könne der Kreis kurzfristig mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen aushelfen, Bestände für eine längere Ausstattung gebe es bisher nicht. 

Auch die Geschäftsführerin des Awo-Landesverbandes, Anne Baaske, beschreibt Ähnliches: „In unseren Einrichtungen ist nach den vergangenen Lieferungen von Schutzausrüstungen an das Land nichts angekommen.“ Sie kritisierte sogar die Kreise: Sie würden bisher nur an Krankenhäuser, Rettungsdienste und Abstrichstellen liefern. Dabei hätten die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege vor zwei Wochen einen Bedarf von rund einer Million Einheiten an Kitteln, Schutzmasken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln an das Land gemeldet. „Die Awo ist nicht nur für den Schutz der Patienten, sondern auch für die 24 000 Mitarbeiter in der Pflege verantwortlich“, so Baaske.

Verstärkter Pflegenotstand

Hinzu komme ein durch die Coronakrise verstärkter Pflegenotstand, so Kreissprecher Schwinzert. Denn das Pflegepersonal könne wie im Fall in Werder mit grippalen Symptomen nicht mehr arbeiten, oder aber, wie ein den PNN namentlich bekannter Betreiber eines Seniorenheims es beschreibt, sich teilweise aus Angst krankschreiben lassen.

Es ist diese Mischung, die für die Risikogruppe in den Seniorenwohnheimen tödlich sei kann. Zum Teil zu wenig Personal, zu wenig Schutzausrüstung, demente Patienten, die sich nur schwer an Isolationsregeln halten. Auf den Betreibern von Senioreneinrichtungen lastet derzeit ein großer Druck.

Bisher hat das Virus nur in Einzelfällen Einzug in Einrichtungen im Kreis und der Stadt Potsdam gehalten. Und dass man mit der aktuellen Herausforderung auch umgehen kann, zeigen einige Beispiel aus der Region: So ziehen Mitarbeiter des Seniorenzentrums Negendanksland in Beelitz auch mal ein Clownskostüm an, um die Bewohner aufzumuntern. Jeder gebe sich sehr viel Mühe, sagt der Leiter der Einrichtung, Markus Kolbe. Aber dennoch bewege man sich auf dünnem Eis. „Wir sind froh über jeden Tag, an dem wir keinen Verdachtsfall haben“, so Kolbe. In der vollstationären Pflege leben 32 Bewohner. Falls sich jemand infiziere, könne er isoliert werden. In den Altenpflegeeinrichtungen des Diakonissenhauses in Teltow, Kloster Lehnin, Beelitz und Caputh gibt es bisher weder Covid-19-Erkrankte noch Verdachtsfälle.

Teltow hat früh auf Abschottung gesetzt

Auf Nummer sicher geht auch die Seniorenresidenz Procurand in Ferch, auch dort gibt es bisher unter den 51 Bewohnern keine Verdachtsfälle. Bewohner, die wegen anderer Erkrankungen oder Untersuchungen in einem Krankenhaus behandelt werden, kämen nach ihrer Rückkehr in Quarantäne, heißt es aus der Einrichtung. Mittlerweile wurden auch Pandemiezonen geplant: In einem Trakt des Hauses stehen Zimmer für Infizierte bereit. Einige Mitarbeiter seien verängstigt. Doch die Einrichtungsleiterin Katja Barthel und die Pflegedienstleitung setzten auf viel Kommunikation.

Ähnliches hört man aus der Lavendelresidenz in Teltow. Dort hat der Geschäftsführer Roland Lange zudem schon früh auf Abschottung gesetzt. Das Besuchsverbot galt bereits am 13. März, wie auch im „Haus Am Zernsee“ in Werder (Havel). Zu dem Zeitpunkt hat Lange auch die Tagespflege sofort geschlossen, um kein Risiko einzugehen. Bisher ist eine Bewohnerin der 105 stationär Betreuten mit Covid-19 in einem Potsdamer Krankenhaus in Behandlung. Den anderen Bewohnern gehe es gut. 68 Menschen leben in der Lavendelresidenz im betreuten Wohnen. Lange sagt, er sei noch gut versorgt mit Schutzausrüstung, und auch er sei viel im Gespräch mit seinem Team. Es gehe darum, Ruhe zu bewahren, sodass sich Bewohner und Mitarbeiter sicher fühlten. Alles andere würde Unruhe stiften und das sei kontraproduktiv.

Die Lavendelresidenz in Teltow hat wie wenige andere Einrichtungen im Kreis bereits frühzeitig die Türen für Besucher geschlossen. 
Die Lavendelresidenz in Teltow hat wie wenige andere Einrichtungen im Kreis bereits frühzeitig die Türen für Besucher...Foto: Ottmar Winter PNN

Kein Engpass bei Desinfektionsmitteln in Potsdam

Ähnlich sieht es in Potsdam aus. Auch dort berichten Senioreneinrichtungen davon, dass es zwar noch keinen akuten Mangel an Schutzausrüstung gebe, aber auch keine großen Vorräte. Beim Pflegeheim der Hoffbauer-Stiftung auf Hermannswerder gibt es ein gemischtes Bild: „Beim Desinfektionsmittel gibt es keinen relevanten Engpass“, sagte der Vorstandsvorsitzende Frank Hohn. Anders sehe es bei Schutzbrillen aus. Einfache Masken würden bereits im Haus selbst genäht. 

Wie berichtet hatte die Hoffbauer-Stiftung am Freitagabend mitgeteilt, dass eine bereits bettlägerige 82-Jährige aus dem Pflegeheim nach drei Tagen Aufenthalt im St. Josefs-Krankenhaus positiv auf eine Corona-Infektion getestet worden und verstorben war. Daraufhin seien laut Hohn alle Mitarbeiter auf eine Infektion getestet worden. Einer sei bisher positiv ausgefallen. Der Mitarbeiter sei in häuslicher Quarantäne. Alle anderen Tests fielen negativ aus. Allerdings lagen am Montag noch nicht alle Ergebnisse vor. Insgesamt kümmern sich in dem Pflegeheim laut Hoffbauer-Stiftung 50 Mitarbeiter um 80 Bewohner. Auch die sollen nun auf eine Ansteckung überprüft werden. Die Tests dauerten am am Montag noch an.

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