Potsdam-Mittelmark : „Dann war nur noch Schweigen“

Nach fast 70 Jahren wurde in Stahnsdorf des jüdischen Arztes Emil Heymann gedacht

Gerold Paul

Nach fast 70 Jahren wurde in Stahnsdorf des jüdischen Arztes Emil Heymann gedacht Stahnsdorf. „Wir ehren einen Pionier der Chirurgie des Nervensystems und erinnern an das Unrecht, das er während des Nationalsozialismus erlitten hat". Seit gestern kann man diesen Spruch des Eingedenkens an der Grabstatt von Emil Heymann auf dem Stahnsdorfer Südwestfriedhof lesen. Gestiftet hat sie die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie mit Sitz in Ulm nicht allein, um an einen ihrer berühmtesten Kollegen zu erinnern, sondern auch als Wiedergutmachung, wie der Geschäftsführer der Gesellschaft, Professor Thomas Gommer, während der Feierstunde im „Infohaus" am Eingang des Kirchhofs zu verstehen gab. Der „Chirurg und Neurochirurg" Emil Heymann erscheint in vielen Lexika bis heute nicht, man hat ihn wohl vergessen. Noch im Jahr 2000 galt seine Ruhestätte als „unbekannt", jetzt weist ein nicht zu übersehender Stein jedem Friedhofsbesucher den Weg. 1878 in Altona geboren, studierte er in verschiedenen deutschen Städten, ging dann zur Ausbildung an die Berliner Charité, bevor er am noch heute bestehenden hauptstädtischen Augustahospital die Dienste des Chirurgen Fedor Krause trat. Hier spezialisierte er sich auf die Anwendung von Hochfrequenzströmen bei Hirnoperationen, medizinisches Neuland bis dahin. Sein „elektrisches Messer" wird, so hörte man, bis heute fast unverändert im OP genutzt. Als Nachfolger Krauses übernahm er die chirurgische Abteilung als Chefarzt. 1930 veröffentlichte er Arbeiten über Operationen des Rückenmarks, zwischen 1912 und 1914 hatte er bereits an einer mehrbändigen Operationslehre geschrieben. Fachurteil: Ein glänzender Operateur. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde Emil Heymann 1933 entlassen. Absolutes Praxisverbot. Drei Jahre später starb er. Über die Todesursache wird gestritten, die einen sprechen von Suizid, andere gehen von einem Herzinfarkt aus. Auf letzteres einigte sich am Freitag die Versammlung des Eingedenkens, welche auch die weitverstreute Familie „wieder zusammengeführt" habe, so Professor Hartmut Collmann, Chef der Neurologischen Gesellschaft. Stahnsdorf versammelte drei Generationen, etliche waren aus Süddeutschland angereist, zwei sogar, nur um dieses Anlasses willen, aus Frankreich und Großbritannien. Gerhard Heymann, Sohn des verdienstvollen Vaters, drückte den Dank der Familie aus, weiß er ihn doch endlich so verdienst- wie eindrucksvoll gewürdigt. Ein Beispiel, auch weitere Opfer der Nationalsozialisten dergestalt zu ehren. Wie die Gesellschaft die gestiftete und auch entworfene Tafel „als allen sichtbare Wiedergutmachung" verstanden wissen möchte, so wird sie fortan auch die Pflege der Grabstatt übernehmen. Glücklich, dass „Verschweigen und Vergessen" nun ein Ende haben, zog man zum Grab des Arztes, ein stilvolles Blumengesteck in Gelb niederzulegen. Hier hatte, obwohl vom „Reichsführer SS der Ärzte" streng verboten, der berühmte Ferdinand Sauerbruch eine Rede auf den Tod Emil Heymanns gehalten. Aber mehr als die fehlenden Nachrufe in der damaligen Presse muss diese jüdische Familie etwas anderes geschmerzt haben: Fast die gesamte akademische Welt überging Heymanns Tod: „Hinterher war nur noch Schweigen" – offenbar fast bis ins neue Jahrtausend hinein. Der Förderverein des Stahnsdorfer Friedhofes wird die neugestaltete Grabstelle in ihre Führungen einbeziehen. Auch sein Vorsitzender Olaf Ihlefeldt war des Dankes an die Neurochirurgen voll. Ihnen ging es ja, wie Thomas Gommer eingangs formulierte, ausdrücklich "um Ehrlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit". Aber warum eigentlich nicht schon eher? Gerold Paul

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