Lesermeinung : Historischer Solitär?

Zum Besuch von US-Präsident Obama in Hiroshima, 27. Mai

Sie berichten in den PNN über den Besuch von US-Präsident Obama in Japan und speziell in Hiroshima. Ihre Meinung wird nicht ganz deutlich, aber in der Berichterstattung schwingt immer mit, dass die Atombombenabwürfe damals etwas Schreckliches waren und es wohl naheliege, dass sich der US-Präsident dafür entschuldigt. Dabei fällt auf, dass die Darstellung der „Atombombenabwürfe“ irgendwie als historischer Solitär daherkommt, es also keine Geschichte darum herum gegeben habe. Ist das korrekt? War da nicht etwas? Na, und ob!

Was die Kaiserliche Japanische Armee ab 1931 (ich lasse die Jahre davor, wie etwa die militärischen Attacken in Sibirien 1918 bis 1922 oder noch Früheres extra aus) verübt hat, dafür mögen die folgenden Schlaglichter ein nicht vollständiges, aber hinreichend deutliches Bild geben: 1931 Einfall in die Mandschurei, Errichtung des „Kaiserreiches Mandschukuo“; Morden, Sengen, Plündern; 1937 Kriegserklärung an China und Besetzung einschließlich Korea; Morden, Sengen, Plündern; Ende 1937 Nanking-Massaker mit etwa 200 000 Toten. In der Folge Besetzung von Staaten in Südostasien, z.B. auch der Philippinen, Indochina; Morden, Sengen, Plündern; Frühjahr 1942 Einsatz biologischer Kampfstoffe in China mit etwa 250 000 Toten; Dezember 1941 Überfall der Kaiserlichen Luftwaffe auf Pearl Harbour, auch ohne Kriegserklärung; Februar 1945 Manila-Massaker mit etwa 100 000 Toten. Die Gesamtzahl der Toten wird auf mehrere Millionen, manchmal auf bis zu 20 Millionen, geschätzt. Hinzu kommen zum Beispiel die Hunderttausenden „Trostfrauen“ (= Zwangsprostitution). Wenn ich von Morden und Sengen spreche, versuche ich die systematischen Gräueltaten an Zivilisten zu umschreiben. Es gibt keinen Anlass, die Atombombenabwürfe auf die Zivilbevölkerung zu rechtfertigen. Aber der Blick auf die historischen Zusammenhänge fördert sicher eine angemessene Bewertung, wer Kriegsverbrechen in welchem Umfang begangen hat und dass Japan regelmäßig als Aggressor aufgetreten ist.

In diesem Zusammenhang sollte man sich auch an ein bestehendes völkerrechtliches Notwehrrecht erinnern. Wenn dann noch einbezogen wird, dass für Japan wohl ab Sommer 1942 klar war, dass es den von ihm in die benachbarten Staaten getragenen Krieg nicht gewinnen kann, vielmehr ab Februar 1945 wohl sogar klar war, dass er verloren war, und trotzdem „bis zum letzten Blutstropfen“ weitergemacht hätte, dann wird eine angemessene Bewertung möglich. Insofern habe ich auch die Antwort von Herrn Joffe (PNN vom 10. Mai 2016, S. 1) als wohlüberlegt, nahezu wohltuend empfunden.

Friedrich Band-Rieger, Potsdam