Lesermeinung : Flüchtlinge auf Hermannswerder willkommen heißen

Zu „Unerwünscht“ vom 8. 11

Am Samstag berichteten die PNN über eine sich formierende Bürgerinitiative gegen ein Asylbewerberheim auf Hermannswerder. Auch bei mir haben sie geklingelt und wollten meine Unterschrift. Bei allem Verständnis für eine reservierte Reaktion mancher Mitbürger auf den Zustrom von Kriegsflüchtlingen kann ich angesichts der Schreckensbilder in den Krisenregionen der Welt doch nicht einfach die Augen schließen und diese Menschen ihrem Schicksal überlassen.

Wir dürfen heute in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben. Aber das war nicht immer so, und wir können nicht wissen, ob es so bleibt. In vielen Familien sind die Erinnerungen an Flucht und Vertreibung noch lebendig. Meine Mutter musste im Februar 1945, mit 15 Jahren, fliehen. Jahrzehntelang, immer im Februar, überkamen sie wieder die schrecklichen Erinnerungen an diese Wochen und Monate der Flucht, an Kälte, Hunger, Tieffliegerangriffe. Mit ihren Erinnerungen bin ich groß geworden. Bis heute spricht sie davon.

Wenn heute Menschen kommen, die ein ähnliches Schicksal erleiden, die alles zurücklassen mussten, da kann ich nicht so tun, als ginge mich das nichts an. Im Libanon kommt mittlerweile ein Flüchtling auf drei Einwohner. Und wir sorgen uns um „nachhaltige Entwicklung“ unserer Vorgärten? Es gibt zum Glück auf Hermannswerder genügend Nachbarn, die bereit sind, auf die Asylbewerber zuzugehen und sie willkommen zu heißen. Auf der Einwohnerversammlung wurde der Stadtverwaltung Unterstützung und Mitarbeit angeboten.

Ulrich Lampe, Potsdam

Der Hinweis der Bürgerinitiative, Hermannswerder sei als Standort ungeeignet, weil es für den Küssel und Tornow keine zweite Zufahrtsstraße als Fluchtweg gebe, wirft die Frage auf, wer hier eigentlich auf der Flucht ist. Tag für Tag erfahren wir von Flüchtlingen, die in überfüllten Nussschalen das Meer überqueren, obwohl sie gehört haben, wie gefährlich die Reise ist. Männer, die einem lebenslangen Zwangswehrdienst entkommen wollen, Familien, die unterwegs Mitglieder verloren haben. „Nicht alle sind Flüchtlinge“, höre ich oft.

Sollen wir deshalb unsere Grenzen schließen? Es mag mir nicht gelingen, von Flüchtlingen das Schlimmste zu befürchten. Genügend Menschen in meinem Bekanntenkreis sind selbst nach dem Zweiten Weltkrieg geflohen und nicht kriminell geworden. Seit knapp 70 Jahren herrscht Friede in Deutschland. Während eines Menschenlebens ist Deutschland geteilt und wiedervereinigt worden, haben der Fall des Eisernen Vorhangs und der Arabische Frühling Hoffnungen auf eine bessere Welt geweckt und enttäuscht. Putins Drohgebärden erinnern mich daran, wie kostbar und zerbrechlich Frieden ist und dass es keine Garantie dafür gibt, dass nicht auch meine Kinder oder ich eines Tages in der Fremde eine neue Heimat suchen müssen. Und gerade deshalb möchte ich an einer besseren Welt mitwirken. Ich wünsche mir, dass eine Unterkunft für Flüchtlinge nicht nur als „tragbar“ wahrgenommen wird, sondern als eine Willkommenschance.

Anna Eschenhagen, Potsdam