Kolumne PYAnissimo : Heimat ist manchmal Wurst

Steffi Pyanoe über einen Modeschöpfer, der sich gegen Potsdam entschieden und eine neue Heimat gesucht hat. Auf einem Dorf in der Pfalz.

Harald Glööckler Ende August bei der Eröffnung mit einem Kuchenteller im Café Pompöös in Bad Dürkheim, das komplett von dem Stardesigner eingerichtet wurde.
Harald Glööckler Ende August bei der Eröffnung mit einem Kuchenteller im Café Pompöös in Bad Dürkheim, das komplett von dem...Foto: Andreas Arnold/dpa

Beinahe hätte ich am Wochenende Harald Glööckler getroffen. Er hat nämlich ein Café eröffnet, Café Pompöös. Allerdings nicht in Potsdam, wo es ihn 2015 hingezogen hatte. Damals hatte er den halben Villenpark Groß Glienicke aufgekauft. Aber dann verliebte er sich in eine Villa in Kirchheim, das ist an der Pfälzer Weinstraße, und nichts war’s mehr mit Potsdam. War ja genau genommen auch gar nicht Potsdam sondern ein Dorf, aber daran kann’s nicht gelegen haben, Kirchheim ist auch Dorf. Aber offenbar ist es dort gemütlicher: „Ich mag die Gegend. Die Pfalz ist zur Heimat für mich geworden“, sagt er, der gerade erst seine wunderbaren neuen Nachbarn in Groß Glienicke gelobt hatte, jetzt in einem Interview in der Dürkheimer Zeitung. Die las ich am Küchentisch unserer dort lebenden Freunde, Luftlinie 500 Meter vom Groß-Glööckler entfernt. Und dachte mir, Mensch, guck an, der Gute ist jetzt hier und nicht in Potsdam, hatte ich gar nicht bemerkt.

Ich habe die Tage dann genutzt, die Glööcklersche Perspektiv anzunehmen. Manchmal ist ein Blick von draußen ganz erhellend. Oder zumindest unterhaltsam. Wir halten uns zwar in Potsdam für den Nabel der Welt, aber den Weinstraßen-Anrainern erscheinen wir am östlichen Horizont völlig unsexy und eher als staubtrockene Problemzone - wie man in der dortigen Lokalzeitung lesen kann: Es gibt in Berlin und der Region drum herum zu wenig bezahlbaren Wohnraum und der Mietendeckel ist Mist, wir müssten mehr bauen, erklären die Pfälzer. Eine Seite weiter geht es um die SPD-Vorsitz-Bewerber Olaf Scholz und Klara Geywitz, die lediglich mit ihrem „Salatblatt-Statement“ zitiert wird. Noch mal umgeblättert: „Sachsen und Brandenburg stecken in einer tiefen Strukturkrise… die Bürger sind unzufrieden.“ Aber: Wer heute nach Leipzig oder Potsdam komme, könne nur staunen, in welchem Glanz alles erstrahlt, insbesondere wenn man sich erinnert, welch „trostloser Zustand“ zuvor bestand. Touché. Dennoch: „Ostdeutschland weiter am Finanztopf“. Was tun die Pfälzer zum Glück? Kneippverein, Rieslingschorle, Saumagen und Landfrauentreff. Auch nicht zu vernachlässigen bei 33 Grad im Schatten: Es gibt dort in jedem Kaff ein Freibad. Selbst für 3760 Einwohner. Das würde, bei gleicher Belegung, für Potsdam 45 Freibäder ergeben.

Kein Wunder, dass Glööckler von Potsdam in den Süden zog. Wo es, ganz aktuell, außerdem den berühmten Dürkheimer Wurstmarkt gibt. Der liebevoll Wuma genannte ist sowas wie Baumblüte, nur viel größer und mit viel Fleisch. Riesen Empörung deshalb in einem Leserbrief: Mit der aktuell diskutierten Erhöhung der Mehrwehrsteuer für Fleischprodukte lässt sich das Klima auch nicht retten. Der Leser solidarisiert sich sogar indirekt mit der Hauptstadtregion, indem er auch vor einer Verteuerung der Currywurst warnt: „Ja, geht's noch?“ Das fand ich gut. Wir sind eben doch nicht so weit auseinander. Am Sonntag ist Tag der Heimat, das ist offenbar ein weites Feld. Darauf eine Currywurst - oder ein Scheibchen Saumagen. Ist auch lecker, ich hab's probiert.

Steffi Pyanoe
Steffi PyanoeFoto: Sebastian Gabsch

Unsere Autorin ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.