• Gastbeitrag zum Gedenken an NS-Opfer: "Verdrängen und Umdeuten von Geschichte geschieht oft schleichend"

Gastbeitrag zum Gedenken an NS-Opfer : "Verdrängen und Umdeuten von Geschichte geschieht oft schleichend"

Die Verantwortung und das Gedenken an den Holocaust müssen im Kleinen wie im Großen in unser gesellschaftliches Leben integriert werden - und in der Landesverfassung verankert. Ein Gastbeitrag

Susanne Krause-Hinrichs
Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende wurden getötet.
Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende wurden getötet.Foto: REUTERS

Die Geschichte des kleinen schwäbischen Dorfes Nussdorf in Baden-Württemberg während des Nationalsozialismus zählt zu den wenigen erfreulichen, die man unter die Rubrik „Stille Helden“ fassen kann. Die Bewohner des Dorfes haben gemeinsam eine Berliner Jüdin – meine Großmutter - und ihre Kinder versteckt und beschützt. Nur der Schwager der Jüdin, ein SS-Obersturmbannführer, versuchte, allerdings vergeblich, seine Schwägerin anzuzeigen. 

Die Dorfchronik berichtete stolz ohne namentliche Erwähnung von dieser Episode. Jahre später, die Jüdin und der Obersturmbannführer waren schon vor Jahrzehnten verstorben, wurde die Dorfchronik überarbeitet. Die Chronisten strichen den Satz mit dem verräterischen Schwager. Ein Nachfahre hatte sich beschwert und sie wollten Ärger vermeiden.

Das Verdrängen und Umdeuten von Geschichte geschieht oft schleichend im Kleinen, im Privaten, und es fällt umso leichter, je weiter die Geschehnisse zurück liegen. Kann der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, der Tag an dem Auschwitz 1945 befreit wurde, diesen Verdrängungsprozess aufhalten?

Aktives Erinnern an die Shoah wird immer schwieriger

Ein aktives Erinnern im Gefühl der Verantwortung für das schlimmste aller Menschheitsverbrechen, die Shoah, fällt immer noch schwer und wird immer schwieriger. Auch wenn die eigene Generation keinen unmittelbaren Bezug zu den Verbrechen und Versäumnissen hat, so ist die Erkenntnis, aus dem Volk der Täter zu stammen, immer noch kaum zu ertragen. Auch für diejenigen, die überzeugt sind, sie hätten mit dem Holocaust als Teil der nationalen Geschichte nichts zu tun, ist er doch zumindest ein Ärgernis. Teil einer Volksgemeinschaft zu sein, die solche Gräueltaten verübt hat, stört das persönliche und politische Selbstbild und dann wird die nationalsozialistische Schreckensherrschaft auch schon mal zum „Fliegenschiss“ degradiert.

Susanne Krause-Hinrichs ist Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz.
Susanne Krause-Hinrichs ist Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz.Foto: Urbschat Berlin/F.C. Flick Stiftung

Anstatt der Opfer zu gedenken, werden sie aktuell immer häufiger verhöhnt. Querdenker, Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige, die gelbe Sterne mit „ungeimpft“ tragen, verharmlosen das unermessliche Leid und die Demütigung der Juden. Der „gelbe Stern“ war das sichtbare Zeichen der Entrechtung und bedeutete in den meisten Fällen den sicheren Tod. Junge Frauen, die glauben, sich wie Sophie Scholl oder Anne Frank zu fühlen und zu leiden, stilisieren sich zu Heldinnen der Weltgeschichte. Die Opferumkehr ist mittlerweile nicht „nur“ Entlastungsstrategie, sondern billiges Mittel zur Erhöhung des Selbstwertgefühls.

Menschen, die noch aus eigenem Erleben berichten können, werden immer weniger

Hinzu kommt, die Menschen, die aus eigenem Erleben über die Shoah berichten können, werden immer weniger. Wenn an diesem Gedenktag ein Überlebender des Holocaust im Deutschen Bundestag spricht, so wird das in fünf Jahren wahrscheinlich nicht mehr der Fall sein. In den letzten Jahren haben einige hochbetagte Überlebende aus Israel auch Berliner und Brandenburger Schulen besucht. Ob sie nach der Pandemie noch mal den Weg hierher finden, ist ungewiss.

Der Gedenktag ist wichtig, die mediale Befassung und das Erinnern im Deutschen Bundestag sind wichtige Signale. Allein wird es als Anstoß auf Dauer für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Prozess nicht reichen.

Vorbildlicher Umgang mit Geschichte? Angesichts rechtsextremer Fackelmärsche bröckelt das Bild

Wir müssen im Kleinen wie im Großen, die Verantwortung und das Gedenken an den Holocaust und seine Opfer in unser gesellschaftliches Leben integrieren. Es sollte Teil unseres Selbstverständnisses und immer wieder eine Selbstvergewisserung sein, dass wir so etwas nie wieder zulassen dürfen. Noch sind wir in Europa ein Vorbild im Umgang mit unserer Geschichte, angesichts rechtsextremer Fackel-Aufmärsche bröckelt dieses Bild. Es ist eine Zukunftsaufgabe, die Wertschätzung unserer Demokratie als Bollwerk gegen Menschenverachtung und Diktatur zu erhalten. Wir brauchen das Erinnern, nicht nur aus Respekt gegenüber den Opfern, sondern auch aus Verantwortung für unsere Kinder.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte am Mittwoch die Gedenkstätte Sachsenhausen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte am Mittwoch die Gedenkstätte Sachsenhausen.Foto: dpa

Die Zeit arbeitet gegen uns, ein einzelner Gedenktag kann das nicht leisten. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes konnten sich wohl nicht vorstellen, dass wir so schnell vergessen, sonst hätten sie sicher eine ausdrückliche Formulierung in einem der Artikel unserer Verfassung gefunden.in klarer staatlicher Auftrag mit Verfassungsrang, der in erster Linie die Politik, aber auch die Zivilgesellschaft verpflichtet, der Verherrlichung des Nationalsozialismus und dem Antisemitismus entgegenzuwirken, würde die erforderliche Grundlage bilden.

Das Thema muss wieder in den Mittelpunkt rücken - bei der Ausbildung von Lehrern, Richtern, Staatsanwälten und Polizisten

Die Grundlage für eine Bildungspolitik, die das Thema wieder in den Mittelpunkt rückt und pädagogisch reformiert. Die Grundlage für die Aus- und Fortbildung von Lehrern, Richtern, Staatsanwälten und Polizeibeamten. Die Grundlage für eine mediale Erinnerungsstrategie, die auch in den Netzwerken der Zukunft ihren Platz hat. Und vieles mehr. Auch ein lokaler Geschichtsschreiber sollte wissen, dass es seine Pflicht ist, die Wahrheit für die zukünftigen Generationen zu bewahren. 

In der Landesverfassung von Sachsen-Anhalt gibt es diesen Auftrag bereits. In Brandenburg ist die Verfassungsänderung auf der Tagesordnung des Landtages. Mögen weitere folgen.

Die Autorin, Susanne Krause-Hinrichs, ist Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz mit Sitz in Potsdam.