Leben mit Hartz IV : Coronakrise verschärft Kinderarmut in Brandenburg

Experten befürchten erhebliche Folgen des Lockdowns für Familien. In Brandenburg leben über zehn Prozent der Minderjährigen von Sozialhilfe.

Foto: dpa (Symbolbild)

Potsdam - Experten warnen vor einer Verschärfung der Kinderarmut durch die Coronakrise. Bereits jetzt erlebt nach einer aktuellen Analyse der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh jedes fünfte Kind in Deutschland Armut oder lebt mit seiner Familie an der Armutsgrenze. Der am Mittwoch veröffentlichten Studie zufolge sind das 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Fast jedes siebte Kind bundesweit (13,8 Prozent) erhält demnach Leistungen der Grundsicherung. In Brandenburg leben Stand Dezember des Vorjahres 12,3 Prozent der Kinder in einer Hartz IV-Familie.

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Die Zahlen dürften infolge der Pandemie deutlich steigen, befürchten Experten der Stiftung. In der Coronakrise verlören Eltern von benachteiligten Kindern häufig als erste ihren Job, etwa als Minijobber. Oder sie erhielten wegen ihrer niedrigen Löhne nur wenig Kurzarbeitergeld. Auch die Schließung von Schulen, Kitas oder Jugendzentren während des Lockdowns treffe die bedürftigsten Kinder und Jugendlichen härter als andere. 24 Prozent der auf Sozialleistungen angewiesenen Kinder hätten keinen internetfähigen PC im Haushalt, 13 Prozent keinen ruhigen Platz zum Lernen.

„Kinderarmut in Deutschland ist seit Jahren ein wachsendes Problem. Obwohl dies der Politik bekannt ist und Lösungsvorschläge auf dem Tisch liegen, passiert wenig“, kritisiert auch die Fraktionsvorsitzende der Linken im Brandenburger Landtag, Kathrin Dannenberg, und erneuerte die Forderung ihrer Partei, das Kindergeld umgehend auf 328 Euro zu erhöhen und eine Kindergrundsicherung von 564 Euro einzuführen. Auch in Brandenburg verschärfe die Coronakrise die ohnehin schon schwere Situation der Familien, wer alleinstehend sei, in Teilzeit oder als Minijobber arbeite, stehe vor großen Problemen, so Dannenberg. Der Studie zufolge liegt der Anteil der Kinder in Haushalten mit Alleinerziehenden, die Sozialleistungen beziehen, in Brandenburg bei 55,2 Prozent – das ist der höchste Wert bundesweit. „Auch viele außerhäusliche Unterstützungsangebote staatlicher oder zivilgesellschaftlicher Natur konnten während des Corona-Lockdowns nicht fortgesetzt werden – mit Folgen für die bedürftigsten Kinder und Jugendlichen“, so Dannenberg.

Brandenburgweit zeigt die Studie ein erhebliches regionales Sozialgefälle auf. In Frankfurt (Oder) ist der Anteil von Kindern, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, mit 25 Prozent am höchsten. Kaum besser ist es in Brandenburg/Havel mit 24,9 und Cottbus mit 24,3 Prozent. In der Landeshauptstadt Potsdam leben nach der Bemessung 13,3 Prozent der Kinder in Armut oder an der Armutsgrenze. Unter allen Brandenburger Landkreisen und kreisfreien Städten den mit Abstand niedrigsten Anteil an Kindern in finanzschwachen Familien hat Potsdam-Mittelmark mit 4,9 Prozent.

In Ostdeutschland insgesamt leben 16,9 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Familien, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. In Westdeutschland sind es auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mit 13,1 Prozent deutlich weniger.

Eine Sprecherin der aus Frankfurt (Oder) stammenden Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) wies den Vorwurf zurück, dass Kinderarmut „eine unbearbeitete Großbaustelle“ sei, wie es in der Bertelsmann-Analyse heißt. Die Regierung gehe mit vielen Maßnahmen gegen Kinderarmut vor. Dabei sei der erweiterte Zugang zum Kinderzuschlag für Geringverdiener von bis zu 185 Euro pro Monat zentral.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerk, Holger Hofmann, forderte hingegen die Einrichtung eines Sonderfonds, über den Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder finanziert werden können. 

(mit epd)