Kultur : Zeit, du sonderbar Ding

Die Kammerakademie Potsdam beglückt im Nikolaisaal mit dem 7. Sinfoniekonzert

P. Buske

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, sinniert die Feldmarschallin in Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ über die Vergänglichkeit, „sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.“ Und sie vergeht wie im Fluge. Was im speziellen Fall auch an der Kammerakademie Potsdam und dem britischen Dirigenten und Cembalisten Trevor Pinnock liegt, die sich am Samstag beim 7. Sinfoniekonzert im ausverkauften Nikolaisaal mit ihrem umjubelten „Zeitspiel“-Programm auf die Suche nach dem musikalischen Wesen der Zeit begeben haben. Was nicht besonders schwierig sein dürfte, denn Musik ist die flüchtigste aller Künste: verschwunden, sobald sie verklungen ist.

Als erster Zeit-Zeuge begibt sich Georg Friedrich Händel mit seinem Concerto grosso F-Dur op. 6 Nr. 9 auf das Feld des Zeitgeschmacks. Energischen Schritts betritt Trevor Pinnock das Podium, um stehend vorm zweimanualigen Cembalo und mit dem Rücken zum Publikum das Streicherensemble der Kammerakademie zu einem stürmisch bewegten, straff akzentuierten, kontrastreichen und vibratolosen Musizieren anzufeuern. Ohne große Gesten, schließlich kennt man sich aus gemeinsamen Konzerten und CD-Produktionen, weiß um die künstlerischen Intentionen des jeweils anderen. Und so kommen die Fäden zart gesponnener Intimität in den langsamen Sätzen genauso überzeugend zur Geltung wie die seufzerreichen Solozutaten von Violoncello und zwei Violinen. Zuweilen vor affektgeladener Intensität schier berstend eilt die Zeit in den bewegteren Sätzen vorüber. Manches davon läuft geradezu wie ein Uhrwerk ab, in Gang gebracht durch Anmut und dynamisches Auf und Ab.

Solche Lebendigkeit und Frische durchpulst auch Joseph Haydns Sinfonie Nr. 101 D-Dur mit ihrem Beinamen „Die Uhr“. Den verdankt sie den tickenden Bewegungen eines Metronoms im Andante-Variationssatz. Doch ehe es soweit ist, baut sich im Kopfsatz mit der Adagio-Introduktion eine enorme Spannung auf, die sich abrupt im nachfolgenden Presto entlädt. Hell und analytisch ist der Klang des nunmehr um Bläser erweiterten Orchesters, das für ein zupackendes und klanggeschärftes Geschehen sorgt. Es wird wie auf dem Sprung musiziert und assoziiert das geschäftige Treiben einer globalisierten Großstadt. Fast atemlos ist man auf der Jagd nach dem Big Business. Dabei wird auf den Punkt genau phrasiert, jeder erfolgreiche Deal selbstbewusst gefeiert. Ins idyllische „Uhr“-Geschehen bricht plötzlich ein urknallgleicher Börsencrash ein. Doch die Uhr tickt weiter, noch mal davongekommen. Danach feiern die Bankiers zu Menuettklängen ein finaltriumphierendes Fest.

John Adams’ Bearbeitung von Franz Liszts „Lugubre gondola Nr.2“ auf Richard Wagners Tod in Venedig nimmt als orchestrale „Trauergondel“ das ablaufende Leben in den Blick. Fahl und hohl klingen Fagott, Horn und Englischhorn, eingebettet in düster-elegischen Streichersound. Überwiegend schwelgerisch, mit Vibrato und Seufzern nicht sparend wird die langsam verrinnende Lebenszeit beklemmend musiziert. Von sprühender Lebensfreude erfüllt zeigt sich dagegen Wolfgang Amadeus Mozarts „Pariser“ Sinfonie Nr. 31 D-Dur KV 297. Wie schön, dass die Musiker zwischen draufgängerisch, elegant dahinfließend und atmender Geschmeidigkeit stets den rechten Ton für die irisierenden Stimmungsbilder finden. Nichts wirkt klanglich forciert oder dynamisch übertrieben, sondern atmet durchweg Mozarts Geist – wie schön. P. Buske

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