Kultur : „Wir können uns aufrichten“

Friedrich Stachat über seine Zeit als Nachwende-Vorsitzender des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler

Stachats Installation „Und was wird aus unseren Träumen?“, die er in der Ausstellung „Funktion und Freiheit“ ostdeutscher Keramiker 1990 in Kiel zeigte. In der Potsdamer Ausstellung sind Fotos und Texte davon zu sehen.Alle Bilder anzeigen
Foto: privat
12.08.2010 04:16Stachats Installation „Und was wird aus unseren Träumen?“, die er in der Ausstellung „Funktion und Freiheit“ ostdeutscher...

Der Brandenburgische Verband Bildender Künstler feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. In der Ausstellung „Zeitgeist“, die ab 19. August in der Verbandsgalerie im Luisenforum eröffnet wird, präsentieren die bisherigen sieben Vorsitzenden eigene und fremde Arbeiten, die ihre Amtszeit charakterisieren. Wir sprachen mit dem Bildhauer, Keramiker und Zeichner Friedrich Stachat, der von 1990 bis 1993 seine Berufskollegen führte, über die Zeit des Um- und Aufbruchs.

Herr Stachat, welche eigene Arbeit wählen Sie für diese „Zeitgeist“-Ausstellung aus?

Ich werde Fotos und Texte von Installationen zeigen. Die erste nannte ich: „Und was wird aus unseren Träumen?“, in der ich mich auf ein Biermannlied beziehe. Sie war in der Ausstellung „Funktion und Freiheit“ ostdeutscher Keramiker 1990 in Kiel zu sehen und spiegelt für mich die Zeit der Wende wider. Zu sehen ist ein großer sinkender Würfel in einem Fluss aus Schieferplatten. Ich schrieb dazu: „Die Mauer brach nieder. Der Schatten des Raubvogels wich. Wir können uns aufrichten und die beschädigte Behausung bewohnbarer gestalten ... langsam versinkt ein Albtraum ...“

Sie mischten nach der Wende 1989 sehr persönlich bei der Verbandserneuerung mit. Waren Sie auch in DDR-Zeiten aktiv?

Ich war Sektionsleiter der Kunsthandwerker und Formgestalter im Bezirk Frankfurt und leitete einige Zeit die Arbeitsgruppe Keramik im Verband. Damals engagierte ich mich vor allem dafür, technische Hilfe für die praktische Arbeit der Kunsthandwerker zu organisieren. Das hieß oft, Unterstützung durch staatliche Gremien für die Ausstattung von Werkstätten mit Starkstrom oder keramischen Materialien oder ähnlichem zu erhalten. Mit einem Brief vom Verbandspräsidenten Willi Sitte in der Tasche fuhr ich in volkseigene Betriebe, um für uns „Hungerkünstler“ Material zu erbetteln. Wir konnten auch internationale Keramiksymposien, die für uns wie eine Frischzellen-Therapie waren, organisieren. Wenn wir schon nicht rausfahren durften, lernten wir wenigstens so Künstler aus dem Westen ein wenig kennen. Und nun öffneten sich auf einmal alle Tore.

Gab es nicht auch Turbulenzen und Ängste?

Natürlich! Für mich begann der Neuanfang mit der Auflösung des Verbandes Bildender Künstler der DDR auf seinem letzten Kongress 1990. Es ging heiß her und ich war einer von denen, die dieses Durcheinander moderieren mussten. Ich hatte im Debattensturm zu bestehen.

Was brachte die Leute so in Rage?

Es ging um eine neue Satzung und darum, was aus dem Eigentum des Verbandes werden solle. Gestritten wurde auch über Verantwortung, über Erhalt oder Neugestaltung der alten Strukturen. Aber der Brunnen der Vergangenheit ist schon recht tief, vieles habe ich inzwischen vergessen. Auf jeden Fall gab es viele Selbstdarsteller, die sich zu immer neuen Reden aufschwangen und die von den Moderatoren schwer zu zügeln waren. Ich musste konsequent sein, sonst hätten wir uns noch drei Tage lang in den Haaren gelegen. Einige DDR-Nostalgiker hätten gern die alten Strukturen behalten, nicht nur die, die Vorteile von ihnen hatten oder in der Partei waren.

Warum wurden Sie als Vorsitzender des neu zu gründenden Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler nominiert?

Wahrscheinlich, weil man mir so viel Vertrauen bei der Auflösung des alten, republikweiten Verbandes geschenkt hatte und viele mich auch persönlich kannten. Nun wurde ich für den Brandenburger Neuanfang gewählt. Aber ich glaube, es gab auch keinen anderen Kandidaten.

Für was setzte sich der neue Verband besonders ein?

Für die soziale Absicherung. Viele Künstler gerieten nach 1989 in wirtschaftliche Not, weil sie ihre Ateliers nicht mehr bezahlen konnten oder Aufträge fehlten. Auch mir erging es so. Die Leute kauften ja kurz nach der Wende keine Kunst, sondern Autos oder Reisen. Und die Westler, die in den Osten reinrochen, mussten sich erst einmal zurecht finden. Kaum einer hatte Kontakt zu westdeutschen Galerien und deren Vorbehalte waren aus Unkenntnis groß. Um so wichtiger war der I. Gesamtdeutsche Kongress Bildender KünstlerInnen 1991 in Potsdam, den unser Vorstand, vor allem aber unser Geschäftsführer Michael Wegner organisierte. Wir hatten es auf beiden Seiten nötig, einander kennenzulernen. Ich weiß noch, wie ein Bonner Künstler zu mir sagte: „Ihr müsst euch gewaltig ändern“. Worauf ich ihm entgegnete: „Ihr aber auch“. Ein anderer warf uns vor, dass wir Staatskünstler gewesen seien. Darauf antwortete ich: „Aber viele von euch sind doch erst recht ,Staatskünstler’.“ Immerhin waren fast 80 Prozent der im westdeutschen Berufsverband BBK organisierten Künstler zum Teil verbeamtete Lehrer an privaten und staatlichen Schulen und finanzierten davon ihre freie Kunst. Aber es gab keinen bösen Streit.

Wie schwer war es, einen neuen Anfang zu finden?

Ich fand es ganz unkompliziert. Wir waren voll Elan! Gerade gemessen an späteren Jahren. Die damalige Ampel-Koalition in Brandenburg und der damalige Kulturminister Hinrich Enderlein waren die besten, die wir je hatten. Und das sage ich, obwohl ich ein Grüner bin. Hinrich Enderlein kam ganz schlicht und unkonventionell zu uns ins Verbandsbüro und fragte: „Wo brennt’s?“ Er übernachtete oft im Interhotel und ich glaube, dass er sich in seinem Hotelzimmer graulte und auch deshalb gern zu uns rüber in das Büro in der Schlossstraße kam. Wir diskutierten stundenlang. Er unterstützte auch den bemerkenswerten Vorstoß unseres Vorstandes, in der neuen Brandenburgischen Verfassung einen Paragraphen zur Förderung von Kunst, Kultur und Denkmalpflege zu verankern. Er setzte unsere Formulierungen wortgetreu durch. Wir wünschten, das wäre auch in der Bundesverfassung gelungen.

Was löste dieses Gesetz aus?

Was in einer Verfassung steht, kann man einfordern! Dass zum Beispiel empfohlen wurde, bei öffentlichen Neubauten einen kleinen Bruchteil für baugebundene Kunst auszugeben. Die Investoren waren dazu allerdings nicht verpflichtet, aber wir haben versucht, immer wieder öffentlichen Druck zu machen und das Ministerium unterstützte uns dabei. Außerdem forderten wir für die Bildenden Künstler jetzt ein Ausstellungshonorar, um nicht bei der Finanzierung allein vom Verkauf der Werke abhängig zu sein. Auch unsere Verbandsgalerie in Potsdam erhielt eine Förderung, um die wir allerdings immer wieder kämpfen müssen. In diesem Jahr sieht es besonders schlecht aus. Damals kam das neue Wort „Projekt“ auf. Wer sich in dieser Richtung überzeugend bewegte, bekam leichter Unterstützung durch die Parlamente über die Parteigrenzen hinweg. Diese ersten Jahren erforderten besonders viel Fantasie. Auch die Leute im Ministerium mussten sich ja erst in ihren Sesseln zurecht finden. Da war auch bei ihnen noch viel Spontaneität und Zivilcourage. Mit den nächsten Landtags- oder Kommunalwahlen war das meistens vorbei. Alles begann in Parteienfronten zu erstarren.

Ging Ihr Engagement für den Verband nicht zu Lasten ihrer künstlerischen Arbeit?

Ich konnte in der Zeit kaum noch künstlerisch arbeiten, nur ein bisschen zeichnen. Das blieb auch so, als ich mich aus der Verbandsverantwortung zurückzog, denn ich hatte mich in der Stadt und im Landkreis Fürstenwalde auch kommunalpolitisch engagiert. Über eine Bauzeit von zwölf Jahren kämpfte ich als Projektleiter, dass in meiner Heimatstadt Fürstenwalde aus einer alten, ruinösen Brauerei ein soziokulturelles Zentrum errichtet werden konnte. Dieser Umbau hat mich fast kaputt gemacht. Ich war der erste und letzte im Haus. Meine Frau hat mich getröstet und meinte, ich würde ja weiter als Bildhauer arbeiten, im Sinne einer „Sozialen Plastik“, wie es Joseph Beuys formulierte. Diese „Plastik“ konnte ich fertig stellen. Seit 2003 bin ich nun Rentner und kann wieder tun, was ich gelernt habe. Nun spielt allerdings die Gesundheit nicht mehr so mit. Aber nach dem 70. geht das ja fast allen so.

Immer wieder beschäftigten Sie sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, schufen in Ost und West Werke, die an die Opfer der Euthanasie erinnern. Welches Thema treibt Sie heute um?

Zur Zeit arbeite ich an einem Denkmal für ukrainische Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit in einem Nachbardorf von uns litten oder starben. Die Geschichte lässt mich nicht los. Das wird auch so bleiben.

Das Gespräch führte Heidi Jäger

Die Ausstellung „Zeitgeist“ des BVBK wird am Donnerstag, dem 19. August um 19 Uhr in der Produzentengalerie M, Hermann-Elflein-Straße 18 (Luisenforum) eröffnet

Stachat, 1938 geboren, war Dozent für Bildnerisches Gestalten an der Fachschule „Samariteranstalten“, ist Ehrenbürger Fürstenwaldes, erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande.