Kultur : Weihnacht statt Manifest

Jutta Wachowiak las im ehemaligen Al Globe

Astrid Priebs-Tröger

Trotz Weihnachtsgeschichten, an Völker Schlöndorffs umstrittener Defa-Kritik kommt derzeit auch Jutta Wachowiak nicht vorbei. Selbstbewusst parierte die Schauspielerin die Publikumsfrage nach der Schlöndorff-Kritik bei der Sonntagsmatinee „Schauspieler – Texte – Meinungen“ im ehemaligen Al Globe. „Man muss den nicht so furchtbar ernst nehmen und nicht alles auf die Goldwaage legen“, sagte Jutta Wachowiak. Zwar wollte das ein Teil der Zuhörer nicht so ohne Weiteres akzeptieren, doch die Wachowiak wollte sich von dieser Diskussion nicht die vorfestliche Stimmung verderben lassen. Schließlich hatte sie gerade einen bekennenden Weihnachtsmuffel bekehrt.

„Für mich beginnt heute die Weihnachtszeit, mit diesen beiden Geschichten“, sagte Moderator Daniel Küchenmeister, nachdem Jutta Wachowiak zwei Erzählungen von Hermann Hesse und Heinrich Böll gelesen hatte. Küchenmeister bekannte freimütig, selbst nicht so viel mit den Ritualen und besonders der Sentimentalität in der Weihnachtszeit am Hut zu haben, aber die Gelegenheit zur Besinnung und zum Nachdenken durchaus sehr schätze.

Dazu boten sich „Weihnacht“ von Hesse und „So ward Abend und Morgen“ von Böll an. Wenn auch vielleicht in einem anderen Sinne, als es den Veranstaltern vorgeschwebt hatte, als sie Jutta Wachowiak – die eine politische Schauspielerin sei – so Claus Dobberke, der zweite Moderator, eingeladen hatten. Wachowiak, die einige Zeit überlegte, etwas aus dem „Kapital“ zu lesen, hatte sich jedoch für die bürgerlichen Humanisten entschieden. Und hatte damit wohl auch den Geschmack der zahlreichen Gäste getroffen.

Das animierte nach den beiden Erzählungen, von denen die Hesses stark „um die Mitte, um die wir uns drehen“, einschließlich Sinn- und Gottsuche kreiste, die temperamentvolle 68-Jährige zu einer ausgiebigen Frage-und-Antwort-Runde. Jutta Wachowiak, in Sprache und Gestus allzeit echte Berlinerin, bestritt diese mit viel Herzlichkeit und entwaffnender Direktheit. Als sie von ihrer ersten bewussten Nachkriegsweihnacht, „wo der Muckefuck auf dem Tisch gefror“ erzählte, hatte sie viele der Zuhörer mit den gemeinsamen Erinnerungen an die schwere, aber durchaus sinnbewusste Zeit auf ihrer Seite. Dann sprach sie über ihre künstlerische Entwicklung nach 1990 bis heute.

Nach 30 Jahren im „Biotop Deutsches Theater“ begann auch für Jutta Wachowiak die Suche nach „neuen“ Werten, jenseits von bloßem Amüsement und allgegenwärtigem Kommerz. Die seit einigen Jahren in Essen engagierte und im kommenden Jahr wieder am Berliner Ensemble zu erlebende Schauspielerin stellt gerade in ihren Begegnungen mit jungen Schauspielern, mit denen sie ähnliche Sehnsüchte teilt, immer wieder fest, „wie wahnsinnig schwer es ist, heute anständig zu bleiben.“ Was für sie Engagement und Solidarität, aber nicht vordergründig Ideologie mit einschließt. Und „Theater für die Leute“ sowieso. Das scheint der gewohnt wandlungsfähigen und jetzt sehr in ihrer Mitte ruhenden Schauspielerin Jutta Wachowiak am Ende ihres siebenten Lebensjahrzehnts mit sehr viel Charme zu gelingen. Astrid Priebs-Tröger

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