Waschhaus Potsdam : Innerlich laut

Die Potsdamer Band Stadtruhe stellt am Samstag im Waschhaus ihr erstes Album vor.

Oliver Dietrich
Gar nicht leise: Stadtruhe.
Gar nicht leise: Stadtruhe.Foto: Maria Vaorin/promo

„Ansonsten: Allet beim Alten!“ So lautet ein kurzer Mailbox-Mitschnitt, der als ironisches Intro für das erste Album der Potsdamer Band Stadtruhe dient. Doch es ist eben nicht alles beim Alten: Die Pop-Rock-Band hat nämlich ihr erstes Album veröffentlicht mit dem Titel „Selfies von gestern Nacht“ – 14 Tracks, mit denen Stadtruhe das Pop-Gefilde, das sie im vergangenen Jahr mit ihrer EP „#keinmorgenmehr“ betreten haben, noch deutlicher in Richtung Rock verlassen. Am Samstag gibt es die offizielle Record-Release-Party dazu im Waschhaus, als Support spielen DIE XYZ aus Berlin und die Potsdamer Band The Grand Journey.

Fast schon in Heavy-Stimmung spielt die Gitarre gleich im Opener des neuen Albums „Musik“. Das Schlagzeug treibt den Song nach vorn – das Versprechen, tanzbare Rockmusik zu machen, wird somit gleich zu Anfang eingelöst. Und Stadtruhe bleibt in diesem Tempo: Auch im zweiten Titel „Kettenkarussell“ klingen Gitarre und Bass eher nach amerikanischem Punkrock, viel Chorus, Spannungsbögen, Tempowechsel. Musiktechnisch ist der Band nichts vorzuwerfen, die Songs gehen gut ins Ohr. Das dürfte die tanzende Fanbase freuen.

„Ich bin leise, aber innerlich laut“, eine aus dem Off hereingerufene Textzeile, die auf den dritten Track namens „Fragezeichen“ zusammenfasst, was exemplarisch für diese Art von Rock ist. Laut ist die Musik trotzdem, aber Lautstärke soll ja kein Ausschlusskriterium sein. Denn manchmal kann das Leise auch laut sein. Stadtruhe bevorzugen kurze, griffige Songnamen – „Altpapier“ etwa. In dem Stück nehmen sie sich in der Geschwindigkeit zurück, auch die Instrumente sind reduziert: „Ich treib in einem Ozean, solange ich schon denken kann“ – erneut viele Zeit-Anspielungen, wie man sie immer wieder findet in den Songs. Und das ist auch die Stärke der Band: keine plakativen Texte über die Ungewissheiten der Liebe, stattdessen lyrische Bilder, die das Leben an sich ins Zentrum stellen. Die Liebe findet sich natürlich dazwischen, wie es sich für Popmusik gehört.

Das Alleinstellungsmerkmal ist natürlich die Stimme der Band: Laura Walter war bereits auf den fünf Songs der EP sehr präsent, hier scheint sie sich sogar noch souveräner platzieren zu können. Ein Timbre, das durchaus auch im Jazz funktionieren würde. Sie braucht die Vergleiche mit den großen deutschsprachigen Pop-Rock-Bands spätestens jetzt nicht mehr zu scheuen, mit Silbermond etwa, mit Luxuslärm oder Jennifer Rostock.

Am schönsten sind aber immer noch die Überraschungseffekte, die kreative Energie, mit der die Band aus der Pop-Schublade auszubrechen versucht. Das hört man gut im siebenten Stück des Albums, „Idiotie“. „Mit der Welt in meinen Händen wird das Licht bald ausgemacht“, heißt es da, und der Song hat die gute Nachricht, dass Pop eben nicht nur daraus besteht, bedeutungsschwanger über zwischenmenschliche Beziehungen zu referieren, sondern dass er auch gern die Gesellschaft sezieren darf. Mit zwei Minuten und 29 Sekunden ist es der kürzeste Titel des Albums, aber definitiv der mit dem größten Hit-Potenzial. Es wäre ein Jammer, wenn der nicht bald im Radio zu hören sein würde. 

Stadtruhe Record-Release-Party am Samstag, 3. Dezember 20 Uhr, im Waschhaus, Schiffbauergasse