Kultur : Was darf man mitmachen?

Filmaufführung und Podiumsdiskussion im Filmmuseum: „Meine Stasi“

Astrid Priebs-TrögerD

„Man petzt nicht“ ist ein Gebot, das die meisten Menschen von Kindesbeinen an kennen. Wie sehr Verrat gesellschaftlich geächtet ist, wusste auch Erich Mielke, als er 1952 das Verbot erließ, den Decknamen „Judas“ als Tarnung für Innoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit zuzulassen. Stattdessen wurde deren Tätigkeit fortan als patriotische Leistung verbrämt und als notwendig für den Schutz des sozialistischen Vaterlandes erachtet. Nicht nur, aber sicher zu einem Gutteil, rühren daher die Verdrängungen der früheren Täter, wenn sie beispielsweise von ihren Opfern zur Rede gestellt werden.

So geschehen auch im Dokumentarfilm „Meine Stasi“, den der ehemalige Westkorrespondent und NDR-Redakteur Hans-Jürgen Börner am Donnerstagabend im Filmmuseum präsentierte. Auch darin rechtfertigen IM’s wie der ehemalige Direktor der Dresdener Palucca-Schule, Reiner Walther, oder die frühere Pressesprecherin der Meissner Porzellanmanufaktur, Bettina Schuster, ihre Spitzelberichte noch zwanzig Jahre später mit „höheren“ gesellschaftlichen Interessen. Dass sie dabei das Vertrauen ihnen manchmal sehr nahestehender Menschen eklatant missbrauchten, kommt ihnen bis heute kaum in den Sinn. Für andere, wie den früheren Hauptmann Manfred Mohr oder den ehemaligen Potsdamer IM Bolko Bouché ist „die Sache abgeschlossen“.

Wie wichtig es indes ist, sich mit dem Geschehenen (immer noch) auseinander zu setzen, zeigte die im Anschluss geführte Podiumsdiskussion. Hans-Jürgen Börner und Peter Wensierski vom Spiegel wussten nicht nur aus eigener Erfahrung zu berichten, welche Spuren das Spitzelsystem hinterlassen hat, und, wie gut es nicht nur den Opfern, sondern auch manchem der Täter tut, endlich über das zu reden, was vorgefallen ist. Dabei sollte man wissen, dass es für die früheren ostdeutschen Täter kein Straftatbestand ist und nur etwa 1800 frühere westdeutsche Informanten nach der Wiedervereinigung zur Verantwortung gezogen wurden. Beide, wie auch der dritte Diskussionsteilnehmer Helmut Müller-Enbergs von der Bundesbehörde für die Stasiunterlagen (BstU) konstatierten, dass in Brandenburg in dieser Hinsicht großer Nachholbedarf besteht und eine „Schlussstrichdebatte“ zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz findet.

Dass dabei nicht nur Überdruss, sondern vor allem Unwissen eine Rolle spielen, konnte Helmut Müller-Enbergs anhand eindrucksvoller Zahlen belegen: Bei bisher 2,2 Millionen Antragstellern tauchte bei jedem Zweiten eine Akte mit mindestens 400 Blatt auf. Aber auch zwanzig Jahre nach der Wende sind erst 80 Prozent der Akten ausgewertet. Müller-Enbergs empfahl jedem, sich selbst ein Urteil zu bilden, um politische Bildungsarbeit im buchstäblichen Sinne zu unternehmen. Denn Fragen wie „Was darf man mitmachen?“ und „Wie verhalten sich Menschen?“ stellten sich nicht nur während der „Diktatur des Proletariats“, sondern sind vor allem in autoritär geführten Systemen jeder Coleur von Bedeutung.

Aktuelle Ereignisse – wie die Spitzelaffären bei der Bahn und der Telecom – offenbaren ein gesellschaftliches Klima, das nicht nur von Angst und Misstrauen, sondern höchstwahrscheinlich auch von unbewältigten Erfahrungen aus der Vergangenheit geprägt ist. Mit „die Gegenwart bleibt, nur die Zeit vergeht“, brachte es Peter Wensierski auf den Punkt und sprach damit wahrscheinlich den meisten der Anwesenden aus dem Herzen.

Astrid Priebs-Tröger

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.